DIE WOCHE

Ach, Fußball, was ist aus dir geworden?

Der Fußball kann sich alles erlauben, die Leute gehen trotzdem hin. Sie stören sich weder an Steuerbetrügern noch an korrupten Funktionären. Das bringt unseren Autor auf die Palme.
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Vor Jahren ging ich noch einmal zur Schule, weil man dort bekanntlich fürs Leben lernt. Tatsächlich war der Besuch sehr aufschlussreich. Der Lehrer: Oliver Kahn. Von Kahn lernen heißt siegen lernen, hatte ich immer gedacht. Heute weiß ich, dass auch Kahn nicht die ganze Zeit dieser stahlharte Koloss, dieser Titan war, als der er glorifiziert wurde.

Von seinem Burnout, an dem er 1999 litt, erzählte Kahn zehn Jahre später nichts bei seinem Besuch an der Grundschule Dettelbach, die den Auftritt des Welttorwarts gewonnen hatte. Er berichtete lieber von seinen Erfolgen: wie sie ihn auspfiffen und mit Bananen bewarfen und wie ihn, den Expressionisten im Fußball-Tor, das alles angeblich noch stärker und härter werden ließ.

Ich schaff's!, war der Titel seiner Tour, mit der er quer durch Deutschland tingelte, um Kindern und Jugendlichen den Weg ins Leben zu weisen. Auch solchen wie dem Jungen, der Kahn an einer vorherigen Station auf die Frage, was er später einmal werden wolle, unverblümt entgegenschleuderte: „Hartz-IV-Empfänger.“

Einen wie Kahn musste die entwaffnend ehrliche Aussage umhauen und in seiner Mission bestärken. Hartz IV als Lebensentwurf, das ging gar nicht für einen, der wie ein Getriebener nach Erfolg strebte und sich wie kein Zweiter zu motivieren wusste. Gut möglich, dass der selbe Junge die Frage nach seinem Berufswunsch heute so beantworten würde: Spielerberater! Und interessant wäre es zu erleben, was Oliver Kahn dazu einfiele.

Als Spielerberater lassen sich Millionen machen: einfach seinen Schützling zu einem neuen Verein verschieben und dabei selbst die Hand aufhalten – fertig! Wie im Fall Paul Pogba, dessen Berater beim Transfer von Turin nach Manchester vor einem Jahr – Moment, ich muss kurz Luft holen – 49 Millionen Euro eingesackt haben soll. Ist das dreist? Oder unmoralisch? Ach was – nicht so spießig! Man muss auch gönnen können.

Der ehrenwerte Fußballheld Cristiano Ronaldo wird den Ruch nicht los, den spanischen Staat um mehr als 14 Millionen Euro beschissen zu haben. Seine bizarren Steuersparmodelle um den ganzen Globus herum hat gerade eine Armada von Journalisten enttarnt, die sich dazu durch einen Dschungel von Datensätzen und Verträgen wühlten. Was den sauberen Kollegen Messi angeht, so hat das oberste spanische Gericht gerade eine Haftstrafe wegen Steuerhinterziehung bestätigt. Weil es nur bescheidene 4,1 Millionen Euro waren, ist er eben noch mit Bewährung davongekommen. Und der Weltfußballverband hat gerade den Versuch aufgegeben, einen internen Bericht zu vertuschen, der viele hochrangige Ex-Funktionäre als Bande prassender und korrupter Lustmolche entlarvt.

Jetzt, da alles ans Licht kommt, wird das Publikum über den Weltfußball richten. Es wird schimpfen und toben, wird die Fäuste schütteln und die Stätten des Circus Maximus fliehen auf Nimmerwiedersehen. Nein? Entschuldigung, mir geht gerade der Gaul durch, und ich habe keine Lust, ihn zu zügeln. Weil dieses Fußballgeschäft offenbar nicht schmutzig genug sein kann, um sich davon zu distanzieren.

Soll ich weitermachen? Russische Fußballspieler unter Dopingverdacht, gedeckt von ganz oben. Was? Ach so, nur ein Komplott westlicher Medien. Dubiose WM-Vergaben an Russland und Katar. Stimmt nicht? Na, wenn Putin das sagt . . . Und der neue FIFA-Präsident Infantino? Ein Aufklärer, ein Weltverbesserer? Ein Reformer? Lässt sich schnell mal die Idee absegnen, aus der WM ein Turnier für die ganze Welt zu machen. Aus Gründen der Gewinnmaximierung? Gott bewahre! Natürlich, um auch Fußballzwergen einen Zugang ins Riesenreich zu ermöglichen.

Ach, Fußball, was ist bloß aus dir geworden? Ein Millionenspiel und Milliardenspektakel, der Vorwand für dubiose Geschäfte, die Bühne für eine selbstgefällige Elite. Und der Hartz-IV-Empfänger? Geht morgen wieder ins Stadion und tut so, als sei nichts gewesen.

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