Fussball-Landesliga Nordwest

Yigit: Ich bin ein konservativer Franke

Wer ist dieser Tamer Yigit, der mit dem vormaligen Abstiegsanwärter Bayern Kitzingen die Landesliga aufmischt? Weder Zauberer noch Schauspieler, wie der 35-Jährige im Interview erklärt, und schon gar kein Hasardeur.
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Immer voller Einsatz: Bayern Kitzingens Trainer Tamer Yigit. Foto: Foto: Yvonne Vogeltanz

Er sei kein Magier, betont Tamer Yigit, und doch wohnt dem Anfang Bayern Kitzingens in der Landesliga ein Zauber inne. Elf Spiele sind absolviert, genügend Zeit, dass sich eine Momentaufnahme zum Trend festigt. Nach diesen elf Spielen steht Bayern Kitzingen immer noch an der Tabellenspitze, ein Team wohlgemerkt, das vergangene Saison hartnäckig gegen den Abstieg kämpfte und sich unter dem Einfluss Yigits gehäutet hat.

Die erstaunliche Metamorphose geht auf einen Mann zurück, der von seinen Schützlingen vor allem eines verlangt: Einsatz, und der diese Leidenschaft authentisch verkörpert, vielleicht, weil er sich im Leben selbst vieles erarbeiten musste. Geboren in der Türkei, kurz darauf adoptiert in Deutschland, heute als dreifacher Vater und Regionalleiter einer Bausparkasse auf der Sonnenseite des Lebens. Seit Juni ist der 35-Jährige Trainer am Bayernplatz – und schon läuft vieles in eine andere Richtung. Gespräch mit einem Mann, der als Spieler in Würzburg und Schweinfurt Höhenflüge erlebte, sich als Trainer aber bisher in den Niederungen aufhielt; der Niederlagen hasst, aber von den Erfolgen der Bayern genauso überrascht wurde wie alle anderen. Und der auf die Frage, ob ihn das Risiko gereizt habe, eine verblüffende Antwort bereithält.

Frage: Wenn man Sie gefragt hätte, wo Bayern Kitzingen nach elf Spielen der Landesliga stände, was hätten Sie geantwortet?

Tamer Yigit: Ich hätte wohl gesagt, dass wir einiges richtig gemacht haben. Dass Bayern Kitzingen nach dem elften Spieltag Tabellenerster der Landesliga sein würde, konnte kein Mensch ahnen. Wir haben uns diesen Erfolg hart erarbeitet, die Jungs haben super mitgezogen. Darüber sind wir froh und glücklich, aber die große Kunst wird sein, diese Leistung zu bestätigen.

Kann man denn nach elf Spielen noch von einer Momentaufnahme sprechen?

Yigit: Nein. Aber was ich meinen Jungs und der Presse immer wieder sage, ist: Wir dürfen uns jetzt nicht zurücklehnen, zufrieden sein und auf einmal weniger investieren. Dafür ist die Landesliga in dieser Saison einfach zu ausgeglichen.

Sehen Sie Tendenzen in diese Richtung?

Yigit: Wir haben eine junge Mannschaft mit vielen neuen Spielern. Da wird es immer wie-der mal Rückschläge geben. Wir müssen Geduld bewahren. Ich spüre, dass die Erwartungen von Woche zu Woche gestiegen sind. Das ist auch gut so . . .

. . . aber macht Ihre Arbeit schwieriger.

Yigit: Nein. Schwieriger ist es nicht, es ist anders. Immer wieder Reizpunkte zu haben ist doch gut. Wir werden von den Gegnern jetzt anders wahrgenommen und müssen auf der Hut sein.

Würden Sie uns für verrückt erklären, wenn wir Sie fragten, ob Sie mit Bayern Kitzingen Meister werden möchten?

Yigit (schnauft tief durch): Das wäre Träumerei. Bayern Kitzingen war einer der ersten Abstiegsanwärter. Deswegen ist die Entwicklung natürlich toll. Aber man hat das auch in der Bundesliga gesehen: Im Winter haben einige Mannschaften von Europa geträumt, und im Frühjahr waren sie dann mitten im Abstiegskampf.

Was macht Ihre Mannschaft im Moment besser als die anderen?

Yigit: Bayern Kitzingen funktioniert als Einheit bis jetzt sehr, sehr gut. Wir haben keine Neuverpflichtungen aus der Regionalliga, aus der Bayernliga. Unsere große Stärke ist dieser Teamgeist. Enorm wichtig in dieser Klasse ist es, den Kampf anzunehmen. Denn die individuelle Stärke haben wir nicht, unsere Gegner mit Hacke, Spitze eins, zwei, drei zu schlagen. Wir sind eine Mannschaft, die Gesicht zeigen muss – und das ist: erst arbeiten, erst laufen, und dann können wir anfangen, Fußball zu spielen.

Meinen Sie nicht, dass diese Einheit Risse bekommen könnte, wenn zwei, drei Spieler längerfristig ausfallen?

Yigit: Nein. Wir haben 23 Spieler im Kader der ersten Mannschaft, und jeder, der aufgestellt wird, geht bis an seine Schmerzgrenze. Ich vertraue jedem, der für Bayern Kitzingen aufläuft.

Aber Sie können sich nicht groß aus der zweiten Mannschaft bedienen, weil die selbst jeden Spieler braucht.

Yigit: Das stimmt leider. Wir haben deshalb versucht, den Kader der ersten Mannschaft so breit wie möglich aufzustellen. Aber klar ist auch, dass wir bisher Glück hatten und dass ich fast jede Woche aus dem Vollen schöpfen konnte.

Die Querelen, die Bayern Kitzingen in der vergangenen Saison auch auf der Führungsebene hatte, dürften Ihnen in Karlstadt kaum entgangen sein. Und doch hat der Klub Sie anscheinend gereizt. Warum?

Yigit: Von diesen Querelen habe ich in den Gesprächen nichts mitbekommen. Die Leute, mit denen ich mich unterhielt, haben mich offen empfangen. Und die Insider haben mir versichert: Potenzial ist in Kitzingen definitiv vorhanden.

Vom Potenzial allein kann sich ein Verein nichts kaufen.

Yigit: Für mich ist dieser Klub ein schlafender Riese, der geweckt werden muss. Bayern Kitzingen hat Tradition und steht in der ewigen Tabelle der Landesliga an dritter Stelle – das kommt ja nicht von irgendwoher. Was in den vergangenen Monaten fehlte, war der Glaube an sich selbst. Mit dem frischen Wind, den der Trainerstab und die Neuen brachten, ging es darum, Euphorie zu entfachen. Acht Leute aus dem letztjährigen Kader gehören ja noch zum Stamm. Aber heute glauben sie auch an sich, sind mittlerweile davon überzeugt, dass sie nicht die schlechteren Fußballer sind. Sicherlich gibt es noch Baustellen, um die wir uns kümmern, etwa den Unterbau der ersten Mannschaft.

Dieser Glaube an sich selbst hat den Spielern also vorige Saison gefehlt?

Yigit: Ich habe vergangene Saison fünf Spiele gesehen und will niemandem zu nahe treten. Aber was man gespürt hat: In der Mannschaft war kaum Leben. Jetzt steckt in jedem Spieler Feuer. Darin spiegelt sich auch unsere Philosophie: Du kannst mal schlecht spielen. Aber schlecht kämpfen, schlecht laufen, das geht gar nicht. Mit dieser Leidenschaft kann man Menschen begeistern: die Zuschauer und die vielen Fußballbegeisterten im Landkreis Kitzingen.

Was hat Sie gereizt? War es das Risiko, war es die Herausforderung?

Yigit: Das Risiko nicht. Ich bin eher ein konservativer, bodenständiger Franke. Ich spürte aber schon in den Einzelgesprächen vor der Saison, dass die Mannschaft menschlich sehr gut drauf ist.

Wie schafft man es, Spielern, die vergangene Saison herbe Rückschläge hinnehmen mussten, binnen kürzester Zeit so viel Selbstvertrauen mitzugeben, dass sie plötzlich mit Hurra an die Spitze stürmen?

Yigit: Es gibt immer wieder Aha-Effekte, zum Beispiel unser erstes Vorbereitungsspiel gegen den Würzburger FV. Auch wenn der WFV gerade nicht so gut dasteht, aber nach unserem 1:1 damals konnten wir schon feststellen: So viel schlechter als ein aktueller Bayernligist sind wir nicht. Mein Glaubensbekenntnis ist: Wer hart arbeitet, der wird belohnt. Und die Mannschaft belohnt sich derzeit Woche für Woche.

Hatten Sie Bedenken vor der Aufgabe, weil Sie als Trainer zuvor nicht über die Kreisklasse hinausgekommen waren?

Yigit: Nein. Ich bin von Haus aus Optimist. Ich weiß zwar, dass ich nicht fertig bin und momentan der mit Abstand jüngste Trainer in der Landesliga. Aber ich versuche immer auch, an mir zu arbeiten und jeden Tag dazuzulernen.

Von wem haben Sie in Ihrer sportlichen Laufbahn am meisten gelernt?

Yigit: Von vielen Menschen. Ich möchte da keine Namen nennen. Aber ich habe immer versucht, mir viele Dinge abzuschauen, auch Dinge, die mir nicht gefallen haben und von denen ich dachte: Das musst du einmal anders machen.

Sehen Sie sich als strenger Trainer?

Yigit: Das hängt von der Situation ab. Man muss mit jedem Spieler, mit jedem Menschen anders umgehen.

Sie versuchen viel über die Motivationsschiene zu machen. Besteht da nicht die Gefahr, dass man sich irgendwann verbraucht?

Yigit: Nein. Ich bin kein Zauberer. Ich versuche, die Jungs heiß zu machen auf die Spiele. Und auch da gibt es Unterschiede: Der eine kann das ganz gut gebrauchen, der andere ist selbst motiviert. Letztlich ist es doch so, dass wir alle morgens aufstehen und motiviert zur Arbeit gehen wollen.

Was bringt Sie aus der Fassung?

Yigit: Niederlagen! Ich kann es nicht ausstehen, zu verlieren. Meinen Jungs habe ich vor der Saison gesagt: Ihr braucht eine Gewinnermentalität, egal ob Testspiel, Punktspiel oder Pokalspiel. Meist brauche ich nach einer Niederlage ein, zwei Tage, um das Ganze sacken zu lassen, und danach geht es weiter, wie vergangenes Wochenende nach dem 0:1 gegen Rimpar.

Sie kamen mit einem Jahr nach Deutschland und wurden hier adoptiert. Mussten Sie sich im Leben vieles erarbeiten?

Yigit: Ich habe mir alles hart erarbeitet. Mir wurde nichts in die Wiege gelegt. Meine Einstellung ist: Man bekommt im Leben nichts geschenkt, weder im Job noch auf dem Fußballplatz.

Ist es leichter, so etwas zu vermitteln, wenn man es selbst erfahren hat?

Yigit: Das denke ich schon. Eigene Erfahrungen machen einen da authentischer. Ich bin kein Schauspieler, der sich hinstellt und sagt: So wird das gemacht. Ich glaube an das, was ich tue und verlange, und versuche, dass der Funke auf die Mannschaft, auf meine Spieler überspringt.

Sie spielten in der Türkei einmal kurzzeitig in der zweiten Liga. War es auch Ihr Ziel, Fußballprofi zu werden?

Yigit: Ich stand tatsächlich kurz davor, Profi zu werden, hatte bei Antalyaspor sogar einen Profivertrag unterschrieben. Die Pässe waren da, und dann hat sich alles zerschlagen. Einige Sponsoren traten zurück, die Stadt verweigerte ihre Unterstützung. Die Möglichkeit, in der Türkei Profi zu werden, wäre noch da gewesen. Aber für den deutschen Profifußball hat es nicht gereicht. Wäre ich so gut gewesen, hätte man mich sicherlich auch hier entdeckt.

Die Bayern und ihr Angstgegner

Den Hintern aufreißen werde sich sein Team, verspricht Kitzingens Trainer Tamer Yigit für das Derby an diesem Samstag (16 Uhr) am Bayernplatz. Die letzten sieben Partien gegen den TSV Abtswind haben die Bayern verloren, aber dass sie gewillt sind, ihren Angstgegnern zu trotzen, haben sie schon zum Saisonauftakt gegen den schier unbezwingbaren TSV Karlburg bewiesen. Für das Duell mit Abtswind muss Yigit auf Felix Straßberger und Philipp Schlarb verzichten, die beide aus privaten Gründen fehlen werden. Die Abtswinder werden die verletzten Tolga Arayici und Constantin Paunescu sowie Pascal Kamolz (Urlaub) ersetzen müssen. Der Einsatz der zwei Ex-Kitzinger Mathias Brunsch und Jörg Otto ist ungewiss. Elz

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