Hüttenheim

Wie Hüttenheim zum gallischen Dorf wird

Überall im Lande schließen sich Vereine zu Spielgemeinschaften zusammen. Überall? Wie es der SV Hüttenheim es immer noch alleine schafft, ein Team auf die Beine zu stellen
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Trainer Wolfgang Hartmann kann beim SV Hüttenheim ohne Erfolgsdruck arbeiten. Foto: Hartmut Hess
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Landauf, landab sind Vereine heute kaum noch in der Lage, alleine eine Fußball-Mannschaft ins Rennen um Punkte zu schicken. Auch mittelgroße Orte bleiben wegen der demografischen Entwicklung davor nicht verschont. Aber es gibt Ausnahmen: etwa den Sportverein im Weinparadies-Örtchen Hüttenheim. Einst begehrten Asterix und Obelix in ihrem gallischen Dorf gegen die Römer auf. In Zeiten der Spielgemeinschaften geben sich die Hüttenheimer als fußballerische Gallier und widersetzen sich dem Zeitgeist im Amateurfußball.

Am Fuß der Tannenberg-Weinberge sind die Kicker und ihre Fans im Amateurfußball ein Abbild des 1. FC Nürnberg und seiner Fans im Profifußball. Während der Club aus der Frankenmetropole seit Jahrzehnten Auf- und Abstiege von der 1. in die 2. Bundesliga und umgekehrt zu feiern und betrauern hat, sind die Hüttenheimer seit vielen Jahren unfreiwillige Pendler zwischen A- und B-Klasse. Wie in Nürnberg nimmt – gemäß des Vereins-Songs „Für immer unser Club“ – auch in Hüttenheim niemand der Mannschaft einen Abstieg krumm. Trainer können dort entspannt arbeiten.   „Bei uns ist jedes Heimspiel eine Art Familienfest.“ Wolfgang Stadtelmeyer, Vorsitzender SV Hüttenheim  

Viele jenseits der 30 denken nicht ans Aufhören

Dass der Verein immer noch von sich aus eine Mannschaft aufbieten kann, in der mit wenigen Ausnahmen alles Hüttenheimer sind oder aus dem Nachbarort Markt Herrnsheim kommen, zeigt die Bodenständigkeit und dokumentiert die Identifikation mit dem SVH. Selbst der demografische Faktor kann die Hüttenheimer nicht ausbremsen, viele denken selbst jenseits der 30 noch nicht daran, die Fußballschuhe an den Nagel zu hängen. Thorsten Gräf ist mit 42 Jahren ein Stabilitätsanker in der Mannschaft, Torwart Ronny Schmidt wirkt trotz seiner 41 Jahre wie ein Jungbrunnen, Nico Bianchini hat mit seinen 38 Jahren immer noch Spaß am Fußball, und Pascal Meyer gibt als 35-Jähriger den Ruhepol in der Abwehr.

Aus der Jugend-Spielgemeinschaft mit dem SV Willanzheim kommen auch immer wieder Jungspunde wie die 19-Jährigen Felix Stein und Sven Preu. Jüngster Kicker ist der 18-jährige Oliver Hornig. Diese Altersspanne zeigt auf, dass in Hüttenheim immer zwei Generationen miteinander kicken. Dies garantiert, dass beim SV Hüttenheim drin ist, was drauf steht. Und Sepp Herberger dürfte sein helle Freude haben, wenn er von oben auf die Hüttenheimer blickt, die seinen Wahlspruch „Elf Freunde müsst ihr sein“ verinnerlicht haben und seit Jahren leben.

Frauen und Freundinnen fiebern gerne mit

Die Identifikation zeigt sich auf dem Spielfeld und daneben, auch insofern, als der Weinort 600 Einwohner hat und der Sportverein 300 Mitglieder. Das bedeutet, dass rund die Hälfte der Bevölkerung dem Klub die Treue hält. „Bei uns ist jedes Heimspiel eine Art Familienfest“, sagt Vorsitzender Wolfgang Stadtelmeyer. Tatsächlich verfolgen viele Frauen und Freundinnen der Spieler die Auftritte, die Kinder spielen neben dem Rasen, während die Großväter lieber auf der Sportheim-Terrasse Platz nehmen. Und in der Halbzeit tollen die Hunde neben den Kids auf dem Platz herum.

In Hüttenheim ist alles familiär, Klassenzugehörigkeit oder Tabellenstand sind eher nebensächlich. Oftmals stehen die Frauen dann noch in der Küche, um die Kicker nach den Spielen zu bekochen – gerade nach Siegen hocken sie lange zusammen, um an den Heimspielsonntagen in eine dritte Halbzeit zu gehen. Einmal ist es Vereins-Ehrenamtsbeauftragter Stephan Stadtelmeyer, nächstes Mal der Vereinsboss, nicht selten auch ein einfaches Mitglied und Zuschauer, der eine Kiste Bier ausgibt.

Es ist ein gewohntes Ritual, dass sich nach dem Schlusspfiff noch auf dem Platz die erste Kiste Bier gegönnt wird, die Dusche kann da warten. „Wir gewinnen und verlieren gemeinsam, dann stoßen wir danach auch gemeinsam an“, meint der aktuelle Trainer Wolfgang Hartmann, der es schätzt, diese besondere Mannschaft eines besonderen Vereins stressfrei begleiten zu dürfen.

Selbst die Sänger tragen zur Harmonie bei

„Sehen Sie, so funktioniert unser Vereinsleben im Dorf“, meint Wolfgang Stadtelmeyer als er auf fleißige Helfer am Grillstand deutet. Die Herren sind keine ehemaligen Kicker, sondern aktive Mitglieder im Gesangverein Harmonie, der seine Singstunden im Sportheim hält. „Sie dürfen unser Vereinsheim umsonst nutzen, dazu leisten sie im Gegenzug solche Helferdienste“, sagt der Vereinsvorsitzende über das Miteinander, das unserer Gesellschaft zunehmend abhanden kommt. „Wenn wir Leute zum Anpacken brauchen, müssen wir nicht lange fragen“, sagt Stadtelmeyer.

Ende August durften sich die Hüttenheimer auf Wolke sieben fühlen, erlebten sie doch – bedingt durch einige Spielverlegungen – das einmalige Gefühl, binnen sieben Tagen vier Ligaspiele zu gewinnen und von der Tabellenspitze der B-Klasse 3 Würzburg zu grüßen. Doch je kälter die Temperaturen wurden, umso mehr holte die SpVgg Giebelstadt auf und rückte ihnen auf die Pelle. „Wir wollen schon wieder in die A-Klasse“, sagt der Trainer über die Zielsetzung. „Aber sollte es nicht klappen, wäre es kein Weltuntergang“, sagt Wolfgang Stadtelmeyer in der den Verein prägenden Art von Gemütlichkeit und Bodenständigkeit.

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