DIE WOCHE

Vereine, wo ist nur euer Anstand geblieben?

Eine Zeichen der Solidarität hätten die Vereine beim BLSV-Kreistag setzen können. Stattdessen glänzten viele durch Abwesenheit. Was ist das bloß für eine Haltung?
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Wenn ich die Debatten des Bundestags verfolge, frage ich mich immer wieder, wo eigentlich die vielen Abgeordneten sind, die gerade nicht im Plenum sitzen. Sind sie im Kino, beim Essen oder spazieren? Machen sie sich einen schönen Tag mit der Familie, oder stecken sie im Stau fest? Gibt es gute Gründe für ihr Fehlen, oder haben viele einfach nur keine Lust?

Womöglich hat sich all diese Fragen auch Josef Scheller gestellt, als er vergangenen Freitag auf die Szenerie im halb leeren Sitzungssaal des Kitzinger Landratsamtes sah. Der Kreistag des Bayerischen Landessportverbands (BLSV) war angesichts von gerade mal 22 Delegierten eine Farce und Scheller als Kreisvorsitzender diskreditiert. Nüchtern gesehen, hatte nur jeder sechste Verein einen Vertreter entsandt, noch einmal die Hälfte weniger als beim letzten Mal. Ein Sechstel!

Liebe Vereine – ist das euer Ernst? Vielleicht bin ich ja auf dem falschen Dampfer. Aber ist es wirklich zu viel verlangt von euch, zu einem Termin, der alle fünf Jahre stattfindet und lange im Voraus feststeht, einen Vertreter zu schicken, nur einen einzigen lächerlichen Vertreter? Es wäre ein Zeichen des guten Willens, eine Frage von Anstand und Respekt, eine Form der Solidarität und des Zusammenhalts gewesen, sich in Kitzingen zu zeigen, einfach nur sehen zu lassen und quasi seine Visitenkarte abzugeben.

Das hätte nicht einmal der Vorsitzende sein müssen, der Kassier oder einer aus dem Vorstand hätten genügt, meinetwegen auch der Vergnügungswart oder der Vereinswirt. Gar nicht zu erscheinen ist schäbig. Jawohl, schäbig, das dürfen sich alle Vereine, ich wiederhole alle, die vergangene Woche durch Abwesenheit glänzten, hinter die Ohren oder ins Stammbuch oder auch sonst wohin schreiben. Ihrer Verantwortung, die sie kraft Amtes von den Mitgliedern übertragen bekamen, sind sie damit nicht gerecht geworden. Ein Vorbild waren sie mit ihrer Aktion schon gar nicht.

Was ist das für eine Haltung, die aus einem solchen Verhalten spricht? Leider eine alltägliche, denn mit dem Zusammenhalt ist es nicht mehr weit her im Land. der Gemeinschaftsgeist hat sich verflüchtigt. Die Erosion der Werte vollzieht sich auch im Kleinen, auch in einem Sitzungssaal, der an diesem Abend zu einem Zukunftstreff hätte werden können, aber leider zu einem traurigen Kabinett der Gegenwart wurde. Ein Saal, von dem Aufbruchsstimmung hätte ausgehen können und in dem jeder der vielen leeren Plätze ein Zeichen vermittelte: Ist uns doch scheißegal, was ihr da treibt.

Manche, nicht alle Vereine sind auf den BLSV angewiesen. Wenn sie Geld brauchen für die Instandsetzung des Klubheims oder den Bau eines neuen Sportplatzes, ist der BLSV in der Regel erster Adressat und Vermittler zwischen ihnen und dem Staat. Dann kommen sie wieder auf der Schleimspur angerutscht, die Egoisten und Einzelkämpfer, die für ihren Vorteil nach der ganzen Hand greifen und bei anderer Gelegenheit nicht einmal bereit sind, den kleinen Finger als Geste der Solidarität auszustrecken.

Dieser Kreistag wäre eine Chance gewesen, Haltung zu beweisen und in dunklen Zeiten ein Licht anzuzünden. Doch die große Mehrheit der Vereine hat die Chance verpasst. Sie haben einer Institution die kalte Schulter gezeigt, von der sie sich bei nächstbester Gelegenheit einen warmen Geldregen erhoffen – und sind genau die Tugenden schuldig geblieben, die sie (zu Recht) von den eigenen Mitgliedern einfordern: Einsatz und Willen, nur ein bisschen guten Willen.

Mich würde von jedem einzelnen interessieren, warum er nicht gekommen ist. Aber ich halte es jetzt mal genauso wie die ganzen Vereine da draußen. Ich streike. Pah, ich soll die jetzt alle abtelefonieren und mir ihre schlechten Ausreden anhören? Bin ich bescheuert? Mit so was meine Zeit zu verplempern! Was gehen mich all die fadenscheinigen Gründe dieser Verweigerer und Boykotteure an? Da gehe ich lieber spazieren oder ins Kino.

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