Fußball-Landesliga Nordwest

Tolga Arayici in der Wohlfühlzone

Jede Senke, jeden Grashalm kennt Tolga Arayici am Bayernplatz – und der 23-Jährige braucht dieses vertraute Umfeld um seine Leistung zu bringen. Deshalb widersteht er so manch verlockendem Angebot.
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Loyaler Arbeiter: Tolga Arayici rackert für Bayern Kitzingen, seitdem er vier Jahre alt ist. Foto: Foto: Michael Kämmerer

Es ist ja nicht so, dass es an Angeboten gemangelt hätte. Dem Fußballspieler Tolga Arayici stand in den vergangenen Jahren manche Tür offen, der Würzburger FV etwa hätte ihm bereitwillig über die Schwelle geholfen. Doch Tolga Arayici war hin- und hergerissen: zwischen der verlockenden Aussicht, eine neue Welt zu betreten, und der Vorstellung, die so vertraute alte Welt Bayern Kitzingens hinter sich zu lassen. Er ist am Bleichwasen großgeworden, er konnte zum Sportplatz laufen, und er nutzte diese Gelegenheit reichlich. Jede Senke im Platz, jeden Grashalm kennt Arayici, der sich dort regelmäßig mit seinen Kumpels zum Kicken verabredet hat. „Ich spiele für die Bayern, seit ich vier bin“, sagt er.

Den Verein zu verlassen, der schon seinem Vater Temel mehr als nur ein Sportklub war, hat er bis heute nicht übers Herz gebracht. Er zauderte – jedes Mal. Und blieb. Es ist ein Verhältnis, von dem beide Seiten profitieren: die Bayern, die in ihm einen loyalen, ehrlichen Arbeiter für ihr Landesliga-Team haben, und der Spieler, der das vertraute Klima braucht, um in seiner ganzen Vielfalt zu gedeihen. „Wenn das Umfeld stimmt, kann ich meine Leistung bringen“, sagt er. Sein Vater riet ihm deshalb stets, bei den Bayern zu bleiben.

Tolga Arayici ist mit seinen 23 Jahren ein Paradebeispiel für die Renaissance des Jugendstils am Bayernplatz. Anfang der achtziger Jahre spielte die A-Jugend des Klubs in der Bayernliga, ein großer Jahrgang, und Tolgas Vater gehörte dazu. Zwei Jahrzehnte später stand der Verein plötzlich ohne A-Jugend da. Ein Klub mit dieser Vergangenheit und Tradition ohne tragfähiges Fundament.

Die Jugend hatte im Vorstand keine Lobby, wurde als entbehrlich erachtet. Ein fataler Irrtum. Diese Generation fehlt dem Klub, bis heute. Erst vor ein paar Jahren erhielt der Nachwuchs wieder spürbar mehr Gewicht. Die Jugend von heute spielt in der Bezirksoberliga oder steht kurz davor, und Arayici sagt: „Ich beneide die Jungs.“

Einige werden auch ihn beneiden. Tolga Arayici hat die Chance genutzt, die der Verein ihm geschaffen hat. Er hat die Hoffnung erfüllt, die der Klub auf ihn und andere seines Jahrgangs projiziert hat. Als Stammspieler darf er sich rühmen, auch wenn er unter dem neuen Trainer Wolfgang Schneider öfters als sonst die Position wechseln muss. Das ist Teil der Flexibilität, die der Coach seiner Mannschaft abverlangt: Rollentausch, um den Gegner zu verwirren.

Zuweilen klappt das schon ganz gut. Der Erfolg der Bayern beruht heute zum Teil auch auf ihrer Unberechenbarkeit. Arayici hat nicht mehr exklusiven Zugriff auf die Zehn und wechselt sich in der Spielzentrale mit Kollegen wie Shawn Hilgert oder Jörg Otto ab. Er weicht dann zumeist auf die rechte Seite aus. Hier wie dort macht Arayici eine gute Figur. Seine Dynamik ist so ausgeprägt wie seine Technik. Nachhilfe gibt es in Sachen Taktik.

Manchmal sitzen er und seine Mitspieler eine halbe Stunde in der Kabine und starren gebannt auf die Tafel. Der Trainer schiebt dann die Magnetpunkte wie beim Mühlespiel vor und zurück, nach rechts und nach links. Jedes der elf Steinchen steht für einen der Ihren – und Wolfgang Schneider erläutert, wie man den Gegner in die Enge treibt. Strategieübungen, die in dieser Form bisher nur wenige in der Mannschaft gekannt haben.

Anfangs überforderte er den einen oder anderen mit seinen Rochaden, ein halbes Jahr später sieht Arayici das Team auf „sehr gutem Weg“. Einen „absoluten Taktikfuchs“ nennt er den Trainer, in dessen sportliches Erbe der Sprung in die neue Landesliga gefallen ist. Jetzt steht er mit dem Klub vor einer historischen Chance: dem Aufstieg in die Bayernliga.

„Wir wollten uns in der Landesliga etablieren“, sagt Arayici. Doch längst hat den Verein die Realität eingeholt. Der Rückstand zum ersten Tabellenplatz ist auf vier Punkte geschrumpft; er könnte auf einen Punkt schmelzen an diesem Samstag, wenn die Bayern beim labilen Tabellenführer in Erlenbach gewinnen.

Vor vier Wochen lagen noch zwölf Punkte zwischen den Kontrahenten, die Bayern hatten gerade auf einem Bergrheinfelder Spargelacker verloren, Arayici erholte sich von den Folgen eines Autounfalls. Als er die Woche darauf ins Team zurückkehrte, gelangen drei Siege am Stück, alle ohne Gegentor. Erlenbach erlöste nur einen Punkt aus zwei Spielen, ist aber für viele, auch für Arayici, noch immer das „Maß aller Dinge“ in dieser Klasse.

Der 23-Jährige hat sich für das Spitzentreffen extra freigenommen. Seine Pakete bei der Post wird ein Kollege ausfahren, mit dem er den Dienst getauscht hat. Arayici will dabei sein in der Höhle des Löwen – notfalls auf Kunstrasen, den die Erlenbacher vergangenen Herbst noch rasch verlegt haben. Abtswind ist Anfang des Monats darauf ausgerutscht, den Bayern ist es angeblich „egal“, wo sie spielen, wie Arayici sagt.

Sie wissen, dass ihre Aufgabe so groß ist wie ihre Chance, die sich ihnen bietet. Nicht nur dem Fußballromantiker Tolga Arayici öffneten sich bei einem Aufstieg Türen, die zu durchschreiten er vorher stets gescheut hat.

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