Alles fing an wie bei vielen anderen Kindern auch. Es war Urlaub, und Bastian Herbert gerade fünf Jahre alt. Auf einem Campingplatz am Gardasee stand eine Tischtennisplatte zum Zeitvertreib. Thomas Herbert hatte Schläger eingepackt. Davon drückte er einen seinem Sohn in die kleinen Hände. Der Junge verblüffte den Vater auf Anhieb mit seiner Zielgenauigkeit. „Er hat jeden Ball getroffen“, erzählt Thomas Herbert. Während bei anderen das Spiel eine nette Abwechslung in der Ferienzeit geblieben wäre, wurden Bastian Herberts Ballwechsel immer häufiger. Daheim unter dem Dach in Kitzingen-Hohenfeld war ohnehin eine Platte aufgebaut. Thomas Herbert (46) hatte mit Ende zwanzig im Verein begonnen, als Hobbyspieler, der nie über die Kreisliga hinausgekommen war. Als Bastian die Duelle mit dem Vater nicht mehr genügten, nahm der ihn mit zum TV Etwashausen. Das Training machte sich bemerkbar. Von da an gingen die Leistungen beständig nach oben.

Mit sechs Jahren spielte Bastian Herbert die ersten Turniere. Auf überregionaler Ebene wurde rasch der Bayerische Tischtennis-Verband aufmerksam, der ihn zu Lehrgängen einlud und in einen speziellen Förderkader berief. Inzwischen ist Herbert elf und in seiner Altersklasse einer der besten Spieler der Republik. Zuletzt belegte er bei einem Talentsichtungswettbewerb des Deutschen Tischtennis-Bundes in Düsseldorf den ersten Platz und ist damit in gewisser Weise deutscher Meister der Unter-Zwölfjährigen. „Dass ich das schaffe, hätte ich nicht gedacht“, sagt der Kitzinger über seinen größten Erfolg. Mit nur einer Niederlage in elf Partien war er durch das Turnier marschiert. Drei Trainingseinheiten von je zwei Stunden musste Herbert bislang jede Woche investieren, daneben bei Ligaspielen und Turnieren antreten und Sichtungsprogramme absolvieren. Einmal die Woche kümmert sich Cornel Borsos um das Talent. Der fünfzig Jahre alte Würzburger ist beim Tischtennis-Verband angestellt und spielte einst selbst in der Bundesliga und für die deutsche Nationalmannschaft. „Bastian besitzt eine hohe natürliche Begabung und ist schon jetzt sehr nervenstark“, sagt Borsos, der mit dem Kitzinger gezielt Technik, Schnelligkeit und Kraft trainiert: „Er gehört mit Recht zur nationalen Spitze.“

Durch die Schule und den Sport hat Bastian Herbert kaum freie Zeit. Auf dem Schreibtisch liegt ein Terminkalender, in den Trainingstage, Turniere und Lehrgänge eingetragen sind. „Damit er absagen kann, wenn ein Freund anruft“, sagt sein Vater Thomas. Für den Realschüler scheint das kein Problem zu sein. „Am liebsten würde ich noch mehr trainieren, am besten jeden Tag“, stellt der Elfjährige fest. Um seine Leistungen in Zukunft zu bewahren, besser noch zu steigern, wird er das Pensum ohnehin ausbauen müssen. Beim TV Etwashausen, für den er in der Jugendmannschaft an Position eins gesetzt ist und in dessen Männerteams er künftig zum Einsatz kommen soll, sind die Möglichkeiten einer professionellen Unterstützung allmählich erschöpft. Herbert trifft heute schon auf Gegner, die Sportinternate besuchen und sechsmal die Woche auf höchstem Niveau trainiert werden. Durch das Talent, sein Ballgefühl und die Fähigkeit, ein Spiel zu lesen, hat er den geringeren Trainingsaufwand bisher ausgleichen können. „Wir als Verband sind gerade dabei, gemeinsam mit der Familie und dem Verein ein Konzept zu entwickeln, wie Bastians Förderung in Zukunft aussehen könnte“, sagt Cornel Borsos. Doch noch ist nichts konkret.

Im August wird Herbert eine weitere Stufe der Talentsichtung nehmen. Dann entscheiden die Bundestrainer über die Besetzung des nationalen Mini-Kaders, bei der die aktuelle Spielstärke berücksichtigt wird, aber auch die Trainingsbedingungen und die Leistungsbereitschaft jedes Einzelnen. „Danach wissen wir, in welche Richtung es künftig gehen wird“, sagt Thomas Herbert, der seinen Sohn zu Wettkämpfen begleitet und ihn auch darin unterstützt, den Schritt in ein Tischtennis-Leistungszentrum fern der Heimat zu wagen. „Ich weiß noch nicht, ob ich das will“, sagt Bastian Herbert. Sollte er sich in den nächsten zwei Jahren für den Spitzensport entscheiden, sind die Perspektiven am größten. „Es besteht keine Erfolgsgarantie, doch Bastian hat die Voraussetzungen, es weit nach oben zu schaffen“, sagt Cornel Borsos: „Die zweite Liga ist in jedem Fall möglich. Nur Bundesliga und Nationalmannschaft lassen sich nicht vorhersagen.“ Über den weiteren Weg wollen am Ende angeblich weder der Trainer noch die Eltern bestimmen. Allein der Wille ihres Schützlings soll den Ausschlag geben.