Manchmal fragt sich Hermann Schöller, warum er sich das noch antut. Warum er Zeit und Herzblut opfert für etwas, was ihm fremd und suspekt geworden ist. Es sind die Momente im Leben des 55-Jährigen, in denen er der Verzweiflung nahe ist und in denen er spürt, dass das nicht mehr die Welt ist, die er kennen- und schätzen gelernt hat – als Spieler und später auch als Trainer. Die heile Welt des Hermann Schöller ist ins Wanken geraten, hat Risse bekommen in den vergangenen Jahren. Und wenn man Trainerkollegen seines Alters zuhört, gewinnt man den Eindruck, die einst so runde Welt des Fußballs habe sich abgeschliffen zu einer dünnen Scheibe, die nur noch an ihrer Oberfläche glänzt und darunter nichts als Leere bietet.

Schöller musste sich zuletzt fühlen wie im falschen Film. Was immer er auch anfing, es endete immer irgendwie in einem großen Irrtum. In Volkach war für ihn nach kaum zweieinhalb Jahren Schluss, in Bibergau nach anderthalb Jahren und in Gnodstadt, an seiner bisher letzten Station, nach weniger als sechs Monaten. Die Halbwertszeit des Trainers Schöller ist mit den Jahren erheblich gesunken. Oder anders gesagt: Die Schonfrist, die sich der Mann regelmäßig selbst gibt, hat sich rapide verkürzt. „Wenn es nicht mehr passt“, sagt Schöller, „gehe ich. Da bin ich konsequent. Mich braucht man nicht zu entlassen.“ Dreimal hat er seine Unabhängigkeit nun bewiesen. Und man könnte fragen: Fordert da einer zu viel? Oder sind es die Vereine, die Mannschaften, die ihm zu wenig bieten?

Spaßmacher vom Verband

Eine Antwort darauf zu finden ist nicht leicht. Denn die Wahrheit liegt in diesem Fall nicht, wie ein illustrer Kollege Schöllers einst behauptet hat, auf dem Platz. Sie ist tief unter einer vielfach noch glitzernden Oberfläche zu suchen, reicht weit hinein in die Individual- und Spaßgesellschaft, in die sich diese Nation verwandelt hat. Mögen die Spaßmacher des Fußballverbands unverdrossen Konfetti über ihre Veranstaltung streuen, die unbeschwerte Party ist schon lange vorbei.

Schöller ist nicht der Erste – und wird nicht der Letzte sein –, der dem Fußball auf den Dörfern ein „generelles Problem“ bescheinigt. Trainer seines Schlags, mit Prinzipien und einer klaren Haltung, haben es immer schwerer mit einer Generation von jungen Leuten, die vielleicht heute kommen, vielleicht morgen, vielleicht auch gar nicht mehr, wenn man sie mal härter anfasst. Schöller sagt, er sei nicht dazu da, Versäumnisse des Elternhauses aufzuarbeiten.

Es sind zwei verschiedene Welten, die da aufeinanderprallen. Nicht dass Schöller ein Problem hätte mit der Jugend, nicht dass er keinen Zugang zu ihr fände. Sein jüngstes Kind ist fünf, sein ältestes dreißig Jahre alt. Er kenne alle Altersgruppen, sagt er. Aber so manches, was er zuletzt auf dem Fußballplatz erlebt hat, macht ihn hilflos und ratlos. Einmal saß neben ihm ein Spieler auf der Ersatzbank. Kaum war zur Pause gepfiffen, stand der Spieler auf. „Trainer, ich geh schnell zum Essen heim.“ Und war verschwunden. Nach zwanzig Minuten saß er wieder da.

Ein „brutales Beispiel“, sagt Hermann Schöller. „So etwas hätte es früher nicht gegeben.“ Von einem anderen seiner Schützlinge wollte er wissen: „Hätten wir ein wichtiges Spiel, das auf die Kirchweih fällt, was würdest du tun?“ Der Spieler schaute den Trainer an und antwortete: „Na, das ist doch keine Frage.“ Schöller freute sich schon. Da sagte der andere: „Ich würde natürlich auf die Kirchweih gehen.“

Bloß keine Ausreden mehr

Meldet sich einer seiner Helden für Sonntag ab, weil die Oma Geburtstag hat, sagt Schöller: „Lad die Oma ein. Geh mit ihr ein paar Tage später zum Kaffeetrinken.“ Manchmal akzeptiert das der Spieler. Aber eigentlich ist es Schöller leid, nach solchen Kompromissen zu suchen, weil er weiß, dass hinter Omas Geburtstag allzu oft nur eine Ausrede steckt. Und da hält er es mit Wolfgang Ambros: „Kumma mit kane Ausreden mehr. Ausreden will i nimma hörn.“ Also schaut er sich das eine Weile an – und zieht dann seine Konsequenzen.

Wie in Volkach, wo ihm die ständig wechselnde Trainingsbeteiligung zu denken gab (und er dennoch die Kreisklasse erreichte). Wie in Bibergau, wo er im Winter mit der Mannschaft auf der Straße trainieren musste (und er trotzdem den Absprung aus der A-Klasse schaffte). Wie in Gnodstadt, wo zu wenige Spieler bereit waren, seinen Weg mitzugehen. „Wenn sie Spaß haben wollen“, sagt Schöller, „kein Problem, dann werde ich sie bespaßen. Aber wenn sie etwas erreichen möchten, erwarte ich von ihnen, dass sie mitziehen. Zum Zugucken komme ich nicht. “ Das ist seine Linie, und von ihr wird er künftig nur noch Zentimeter abweichen – wenn überhaupt.

Natürlich, sagt der Nenzenheimer, sei er wieder bereit, etwas zu machen. Aber fest steht auch nach drei Einsätzen, die für ihn alle mehr oder minder enttäuschend endeten: „Man ist sensibler geworden, hinterfragt noch mehr. Ich werde nicht mehr alles annehmen, mich nicht unter Wert verkaufen.“ Zwanzig Jahre in diesem Geschäft haben den Coach misstrauisch gemacht. Was kann er noch glauben, wem darf er noch trauen? Im Zweifel sich selbst, denn er hat sich nicht verbiegen lassen in all der Zeit, verlangt nur das, was er immer verlangt hat als Trainer: Disziplin und Einsatz. Nicht zum Selbstzweck, wie er betont, sondern aus der Überzeugung heraus, die Spieler und seine Mannschaft zu verbessern.

Gerade weil ihm der Fußball noch immer so viel bedeutet, weil er dieses Spiel noch immer liebt, geht er seinen Weg beharrlich und unbeirrt weiter.