Abtswind

Schindler: Ich will kein guter Verlierer sein

Die Vorrunde ist fast vorüber, wie blickt Abtswinds Trainer auf sein Werk? Ein Gespräch über nagende Selbstzweifel und ein vermeintliches Fußball-Paradies.
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Selten sieht man Mario Schindler am Spielfeldrand derart aufgebracht. Der Trainer wirkt meist sehr kontrolliert.

Ein lauer Spätsommertag in Abtswind geht zu Ende, auf der Terrasse der Schwimmbadgaststätte trinken Rentner ihr Feierabendbier. Mario Schindler lächelt, als er die Szenerie betritt. Man kennt sich. Bevor der 41-Jährige diesen Sommer als Trainer zum TSV Abtswind kam, hatte er bereits als Spieler für den Klub gewirkt. Schindler nimmt im Innern der Gaststätte Platz, bestellt eine kleine Apfelschorle. Dann kann es losgehen mit einem Gespräch über den Fußball in Abtswind.

Welche Frage wird Ihnen als Trainer am häufigsten gestellt?

Mario Schindler: Ganz oft die Frage, ob wir als Aufsteiger immer noch in dieser Entwicklungs- und Lernphase stecken.

Was antworten Sie darauf?

Schindler: Ja, stecken wir. Man lernt nicht aus. Wir sind erstens eine junge Mannschaft und zweitens neu in der Liga. Wir können aus jedem Spiel etwas Positives mitnehmen. Aber bald ist die Vorrunde vorbei und dann im-mer noch die selbe Schallplatte abzuspielen wird auch mir langsam langweilig.

Dann lassen Sie uns eine neue auflegen. Welche Frage stellen Sie sich als Trainer denn am häufigsten in diesen Tagen und Wochen?

Schindler: Die Frage, wann der Groschen fällt. Wir hatten einige Spiele, in denen die Mannschaft ihre Sache gut gemacht hat, aber in einer Mehrzahl von Spielen hat sie es eben nicht gut gemacht. Das ist für mich ein klares Zeichen, dass es uns noch an Konstanz fehlt. Wir haben gute Sequenzen in den Spielen, aber oft machen wir es dem Gegner zu leicht, Tore zu erzielen.

Diese Routine lässt sich ja nicht trainieren, sie muss wachsen – und doch neigt man als Trainer zu einer gewissen Ungeduld. Wie bringen Sie diese zwei Dinge zusammen?

Schindler: Ja, das mit der Ungeduld stimmt natürlich. Als Trainer macht man sich ja fast rund um die Uhr Gedanken, was man nun wie verändern kann. Wichtig ist es, sich Teilziele zu stecken, und das große Ziel auf Etappen zu erreichen. Mir hilft das, Dinge einzuordnen.

Wie schwer fällt es Ihnen, Antworten auf die bisherigen Auftritte Ihrer Mannschaft zu geben?

Schindler: Überhaupt nicht schwer, weil für mich fast alles belegbar ist. Es gibt bei uns kein Mysterium. Wir wissen, warum wir Spiele verlieren. Das kann ich sauber argumentieren, und deshalb sind wir mit uns auch im Reinen. Man muss weiterhin die Kirche im Dorf lassen. Im Vergleich mit anderen Aufsteigern stehen wir gut da. Wir haben 17 Punkte und in der Vorrunde noch zwei Spiele. Damit liegen wir im Soll.

Dennoch gibt es Spiele wie zuletzt gegen Forchheim, das Abtswind mit 1:3 verloren hat und Sie als Trainer zweifeln lassen muss.

Schindler: Natürlich. Man steht als Trainer an der Außenlinie und denkt sich: Warum zeigt die Mannschaft so ein Gesicht, nachdem sie es ein, zwei

Wochen zuvor noch ganz anders hinbekommen hat? Habe ich als Trainer alles richtig gemacht? Ärgerlich ist es vor allem dann, wenn man Dinge in der Kabine genau angesprochen hat, und die Mannschaft macht genau das Gegenteil.

Wann merken Sie als Trainer, dass es in die falsche Richtung und ein Spiel in die Hose geht?

Schindler: Ganz ehrlich? Ich merke das schon beim Aufwärmen – an der Körpersprache der Spieler, daran, wie konzentriert sie ihre Übungen absolvieren. Extrem merke ich es am Passspiel, wie viele Bälle daneben gehen. Oder auch daran wie die Jungs miteinander sprechen. Wenn eine Mannschaft beim Aufwärmen ganz still ist, beschleicht einen schon ein ungutes Gefühl.

Ist da in diesem Moment noch etwas zu retten?

Schindler: Ich versuche, die Spieler wachzurütteln. Leider klappt es nicht immer.

Ihr Vorgänger Petr Škarabela stellte mit Blick auf die Kommunikationskultur in der Mannschaft fest: „Bei uns ist es wie auf dem Friedhof.“ Ist das auch Ihr Eindruck?

Schindler: Ja. Das ist ein Punkt, an dem ich seit der Vorbereitung arbeite. Kommunikation ist wichtig, auch für das Zusammenspiel der Mannschaft. Das klappt eben nicht per Gedankenübertragung.

Da sind Sie auch ein Stück weit als Psychologe gefordert.

Schindler: Ich glaube sowieso, dass sich das Trainerbild und das Anforderungsprofil gewandelt haben. Wenn ich überlege, wie Trainer vor zwanzig Jahren mit mir umgegangen sind, damit könnte ich heute nicht mehr landen. Ich glaube, dass heute viel mehr geredet werden muss, weil ein Spieler dadurch eine Chance bekommt, sich viel schneller zu entwickeln. Manche Trainer jammern, dass sie heute viel mehr reden müssen. Ich sehe es eher positiv: Man kann den Entwicklungsprozess eines Spielers beschleunigen, indem ich ihn auf diesem Weg mitnehme.

Wie gehen Sie als Trainer oder Sportler selbst mit Niederlagen um? Sind Sie ein guter Verlierer?

Schindler: Nein. Ich will auch kein guter Verlierer sein. Ich möchte mich ärgern können, wenn ich verliere. Es gibt aber Dinge im Leben, die einem helfen, Niederlagen im Sport einzuordnen. Ich kann auch eher mit einer Niederlage leben, wenn ich sehe, dass die Mannschaft vorher ihr Bestes gegeben hat.

Sie wirken als Trainer im Spiel meistens sehr ruhig und kontrolliert. Ist das bloß Fassade?

Schindler: Es brodelt schon in mir. Ich bin ein Vulkan. Aber ich will und darf da draußen nicht den Überblick verlieren. Ich habe Trainer erlebt, die getobt haben. Das wollte ich für mich nicht. Es hilft nichts, auf eine Mannschaft einzutreten, die schon am Boden liegt. Deshalb versuche ich mich zu mäßigen.

Ein Trainer wie Jürgen Klopp erschrickt bisweilen über sich selbst, wenn er sich mal wieder hat gehen lassen. Wie nehmen Sie sich wahr?

Schindler: Ja, auch ich bin so manches Mal über mich erschrocken. Auf der anderen Seite ist Fußball ein Spiel der Emotionen, sie gehören in gewisser Weise dazu, wenn der Anstand gewahrt bleibt.

Sie wurden als Trainer ohne Bayernliga-Erfahrung verpflichtet. War das für den Verein ein Wagnis?

Schindler: Das wird man nach der Saison sehen (lacht). Ich denke, es ist kein Kriterium für einen Trainer, dass er erfolgreicher ist, wenn er schon in dieser Liga trainiert hat. Wichtiger ist die Fähigkeit, sich möglichst schnell anzupassen. Ich habe als Trainer mit Schwebenried auch zuerst in der Bezirksliga gespielt, und dann sind wir aufgestiegen.

Sind Sie ein Abenteuertyp, oder entscheiden Sie sich am Ende des Tages doch für die Sicherheit?

Schindler: Wenn es darum geht, in neue Sphären einzutauchen, bin ich wohl der Abenteurer. Wie will ich im Sport anders weiterkommen, als aus meiner Komfortzone zu treten? Das ist wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung.

Worin unterscheidet sich aus Ihrer Sicht die Bayernliga am meisten von der Landesliga?

Schindler: Im Zweikampf geht es in der Bayernliga deutlich mehr zur Sache. Und ein Stürmer braucht in der Regel wesentlich weniger Chancen, um ein Tor zu erzielen. Das merken die Spieler jetzt auch. In der Landesliga haben 80 Prozent schon mal genügt, ein Fehler führte auch nicht gleich zum Tor. Das wird jetzt sofort bestraft.

Sehnt man sich in solchen Situationen nicht nach einem Spieler wie dem vor der Saison nach Unterpleichfeld gegangenen Pascal Kamolz?

Schindler: Natürlich hat ein Spieler wie er Abtswind in den vergangenen Jahren sehr gut getan. So einen Mann hat jeder Trainer gerne in seinem Kader. Wir haben uns vor der Saison bewusst so entschieden, dass wir die Lücke mit jungen Spielern füllen – und da muss man dann auch Geduld mitbringen.

Mancher Kollege beneidet Sie hier ob der paradiesischen Zustände: ein generöser Sponsor, ein Kunstrasenplatz und manches mehr. Ist das hier eine Art Fußball-Paradies?

Schindler: Es ist ja kein Geheimnis, dass ich mich in Abtswind schon als Spieler sehr wohl fühlte. Was hier auf die Beine gestellt wird, ist fantastisch. Die großen und vielen kleinen Helfer machen es einem Trainer leicht, hier zu arbeiten.

Bitte vervollständigen Sie die beiden Sätze: In zehn Jahren spielt der TSV Abtswind . . .

Schindler: . . . hoffentlich noch im-mer in der Bayernliga. Ich würde mir wünschen, dass der TSV bis dahin zu den stärksten Bayernligisten gehört und sich immer im oberen Tabellendrittel bewegt.

Ohne Christoph Mix wäre der TSV Abtswind . . .

Schindler: . . . nicht dort, wo er sich heute befindet. Er hat einen Löwenanteil an der Entwicklung der Mannschaft und des Vereins, aber auch an der Infrastruktur. Mit seinem Unternehmergeist und dieser positiven Unruhe schafft er es, Dinge weiterzutreiben. Wir haben uns immer sehr gut verstanden. Es macht Spaß, mit ihm zu arbeiten.

Die Taktik gegen Ansbach

Weniger die Niederlage an sich grämte Trainer Mario Schindler vor einer Woche in Forchheim, sondern mehr die „bislang schwächste Saisonleistung“ seiner Abtswinder. Für das vorletzte Vorrundenspiel an diesem Samstag (16 Uhr) gegen Ansbach gilt deshalb: „Wir wollen uns rehabilitieren.“ Wie das klappen könnte, hat Schindler trotz der technischen und taktischen Finessen, für die er nur geringfügig besser stehenden Mittelfranken belobigt, bereits festgelegt: „Diesmal müssen wir die Mannschaft sein, die weniger Fehler macht.“


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