Fußball

Schiedsrichter wird abgeschafft

Ein Modellversuch hat gezeigt, dass die jüngsten Kicker sich untereinander einigen können
Artikel drucken Artikel einbetten
Offen für neue Ideen: Der Würzburger Kreisjuniorenleiter Martin Hinterseer will bei den jüngsten Kickern auf den Schiedsrichter verzichten. Foto: Foto: Michael Kämmerer
+1 Bild

Die Idee klingt revolutionär und ist etwas, das es im Fußball noch nie gegeben hat, und daher geradezu unvorstellbar. Sie greift noch mehr in die Grundlagen des Sports ein, als es technische Hilfsmittel wie die Torkamera oder der Chip im Ball jemals tun können, die künftig darüber entscheiden werden, ob der Ball die Torlinie überschritten hat oder nicht. Es geht um eine neue Form des Spiels: Fußball ohne Schiedsrichter.

Als Martin Hinterseer, der Juniorenleiter des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) im Kreis Würzburg, das Konzept bei der Spielgruppentagung in Sulzfeld vorstellt, löst das bei den meisten Jugendtrainern Schmunzeln aus. Hinterseer möchte den gewagten Plan in seinem Zuständigkeitsbereich umsetzen und wirbt daher um Interessenten. Bereits ab September könnten dann Jugendspiele in den Alterssparten „U9“ und „U11“ nach diesem Modell stattfinden. „Das wäre die Fortsetzung unserer Philosophie im Kinderfußball“, sagt der 59-Jährige. Seit einigen Jahren schon spielen die jüngsten Kicker nicht mehr um Punkte und Tabellenplätze, sondern allein um ihren Bewegungsdrang auszuleben. Ohne Erfolgsdruck und den Blick auf das Ergebnis soll so der Fußball kindgerechter rollen.

Völlig neu ist das Vorhaben, auf den Schiedsrichter zu verzichten, nicht: Im Kreis Aachen gibt es solche Begegnungen seit 2007 in der F-Jugend. Vor einem Jahr begannen auf dem Terrain des BFV die Bezirke Niederbayern und Schwaben mit dem Pilotprojekt. Die Kinder regeln dabei untereinander, wann es Freistoß gibt, welche Mannschaft den Einwurf ausführen darf und ob der Ball im Tor gelandet ist. Die Trainer nehmen die Zeit und greifen nur dann ins Geschehen ein, wenn sich die Spieler nicht einig sind. Dann müssen sie sich einvernehmlich zeigen. „Das alles funktioniert unproblematisch“, sagt Hinterseer und beruft sich auf die Erfahrungen seiner Kollegen aus Schwaben und Niederbayern: „Strittige Situationen kommen nur selten vor.“

Die Organisation dieser sogenannten Fairplay-Liga sieht noch eine weitere Besonderheit vor: Eltern und Fans dürfen während des Spiels nicht unmittelbar an der Außenlinie oder hinter dem Tor stehen. Stattdessen müssen sie sich in einer Zone aufhalten, die in angemessenem Abstand zum Spielfeld abgesteckt ist. Zuschauer sollen anfeuern dürfen, die Partie durch ihr oftmals emotionales, überehrgeiziges Verhalten aber nicht steuern können. Die Regeln verändern die Rahmenbedingungen, jedoch nicht das Spiel selbst, wie die Initiatoren des Projekts behaupten. „Ich kann mir vorstellen, dass es diese Art des Fußballs in absehbarer Zeit in ganz Bayern gibt“, sagt Martin Hinterseer.

Vor einigen Wochen ließ er das Spiel ohne Schiedsrichter und mit den Zuschauern jenseits der Rasenbegrenzung testen. In Helmstadt trafen sich drei Mannschaften aus der Generation „U9“ zum gegenseitigen Vergleich. Hinterseers Eindrücke fielen durchweg positiv aus. „Die Kids streiten nicht, sondern akzeptieren die Sichtweise des Gegenspielers“, sagt der 59-Jährige: „Die Spiele laufen so ab wie einst der Kick auf der Straße, wo sich auch immer alle einig geworden sind.“ In Unterfranken fällt Hinterseer eine Vorreiterrolle zu: Als einziger Kreisjuniorenleiter im Bezirk hat er sich die Fairplay-Liga für die Altersstufen U9 und U11 von der Verbandszentrale in München genehmigen lassen. Nun müssen die Vereine dem Vorschlag folgen und Mannschaften dafür anmelden. „Mindestens acht in geografischer Nähe sollten es schon sein“, sagt Hinterseer zuversichtlich. Immerhin drohen Spiele ohne Schiedsrichter nicht in Chaos auszuarten.

Für diesen Artikel wurde die Kommentarfunktion deaktiviert.