Kitzingen

Personenschutz? Den werden Sie nicht brauchen!

Was kommt heraus, wenn ein Funktionär wie Bernd Reitstetter die Fragen stellt und ein Journalist wie Eike Lenz die Antworten gibt? Wir haben es ausprobiert.
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Anregendes Gespräch: Fußball-Bezirksspielleiter Bernd Reitstetter (rechts) und Redakteur Eike Lenz.

Bernd Reitstetter hat einen anstrengenden Tag hinter sich. Er ist morgens gegen sieben in Würzburg aus dem Haus gegangen und zur Arbeit nach Wertheim gefahren. Kurz nach fünf ist er von dort aufgebrochen und hat sich auf die Reise nach Kitzingen begeben. Jetzt sitzt er im Konferenzzimmer der Redaktion im Dachgeschoss, blickt über die Dächer der Stadt und sagt: „Schön haben Sie's hier.“ Reitstetter ist als Bezirksspielleiter ein Handlungsreisender in Sachen Fußball – neben seinem Haupt-Job im Außendienst der Deutschen Rentenversicherung. Als wir ihn im Juli fragten, ob er bereit sei, sich auf ein Experiment einzulassen, stimmte er sofort zu. Die Idee war, dass nicht wir ihm die Fragen stellten, sondern er unserem Redakteur Eike Lenz. Entstanden ist ein einhalbstündiges zwangloses Gespräch über gegenseitige Wünsche, die Rolle von Medien und Verband sowie das Spannungsverhältnis zueinander.

Eike Lenz: Also, Herr Reitstetter, die Kollegen haben mich gewarnt und gefragt, ob sie mir Personenschutz für dieses Interview schicken sollen.

Bernd Reitstetter: Ich denke, den werden Sie nicht brauchen. Ich halte Presse für wichtig und den Stil, den wir praktizieren, für angebracht. Ich brauche kein Sprachrohr und auch keine Ja-Sager. Das wäre nicht förderlich. Ich halte es für extrem wichtig, dass auch mal etwas kritisch hinterfragt wird.

Lenz: In Ordnung . . ., jetzt kommt das große Aber.

Reitstetter: Ich möchte mit einem Beispiel beginnen: Wir haben den Klubs angesichts der Hitze im Sommer angeboten, dass sie abends spielen können. Hätten wir das nicht getan und es wäre was passiert, sehe ich schon die Schlagzeile: Verband schützt Spieler nicht! Das wäre ein richtiger Reißer geworden. Warum schreibt man nicht mal was Positives?

Lenz: Thematisiert worden ist das doch auch bei uns, vielleicht nicht in der Größe, wie sich das manche wünschen. Ich möchte auch gar nicht widersprechen, dass wir es zum Thema gemacht hätten, wäre tatsächlich etwas passiert. Aber reißerisch? Ich weiß nicht. Da verwechseln Sie unsere Zeitung mit anderen Medien.

Reitstetter: Sie machen Ihren Beruf, genau wie ich einen Beruf habe, jenseits des Fußballs. Glauben Sie, dass die Presse das angemessen würdigt, was hinter diesem Einsatz für eine ehrenamtliche Leistung steckt? Ich meine, das kommt zu wenig rüber.

Lenz: Gut, vielleicht müssten wir uns öfters mal hinterfragen: Was macht so ein Funktionär? Was steckt in diesen Stunden, die er Woche für Woche für seinen Verband verbringt? Wir berichten ja auch über Vereine, über Trainer, Sportleiter und so weiter. Kann sein, dass der Verband als Dienstleister da mitunter zu kurz kommt.

Reitstetter: Jetzt kommt der zweite Punkt: Bei einem heiklen, strittigen Thema – nehmen wir die Relegation mit Hin- und Rückspiel – sprechen Sie als Redakteur mit Spielern oder Trainern. Die beklagen die hohe Belastung, und schon haben Sie den nächsten Reißer. Ich rede auf den Spielgruppentagungen mit anderen Personen, dem Vorsitzenden oder dem Sportleiter, die eine ganz andere Meinung vertreten.

Lenz: Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Ich will auch nicht ausschließen, dass das schon so gelaufen ist. Aber in der Regel sprechen wir bei Recherchen mit allen Seiten, das verlangt das Gebot der Ausgewogenheit. Was mir bisweilen fehlt – und da spreche ich jetzt aus der Warte eines Öffentlichkeitsarbeiters –, ist ein konstanter Informationsfluss Ihres Verbands. Sie müssen sich gar nicht auf den Marktplatz stellen, um Ihre Botschaften an den Mann zu bringen. Dafür gibt es in Zeiten von Internet und E-Mail durchaus schöne Möglichkeiten. Ein Unternehmen macht Werbung in eigener Sache, hat oft sogar eigene Leute. Wieso nicht der Verband?

Reitstetter: Da sind wir jetzt an einem Punkt, den ich vorhin kritisiert habe: Die Verbandsarbeit wird zu wenig gewürdigt, es wird gar nicht nachgefragt.

Lenz: Aber, Herr Reitstetter, wir können doch nur bei den Themen nachhaken, die uns bekannt sind. Zur Öffentlichkeitsarbeit gehört Nachhaltigkeit. Der Verband könnte zum Beispiel einmal im Monat einen Newsletter – früher nannte man es Rundschreiben – herausgeben. Er könnte bei aktuellen Themen Pressemitteilungen verschicken. Die Kanäle sind doch bekannt.

Reitstetter: Sie haben ja Recht, aber: Wir sind alles Ehrenamtliche, wir arbeiten häufig bis spät abends. Sich danach noch hinzusetzen und eine Pressemitteilung zu schreiben . . . Ich bin Bilanzbuchhalter.

Lenz: Dafür gibt es in jedem Bezirk eine Geschäftsstelle des BFV. In Unterfranken sitzt da eine Mitarbeiterin mit journalistischer Erfahrung. Dort wäre das Thema doch am besten angesiedelt.

Reitstetter: Wenn Sie wüssten, was die in der Geschäftsstelle alles zu tun haben, da bräuchten wir eine zusätzliche Kraft.

Lenz: Ja, genau. Weshalb stellt der BFV diese Kraft nicht ein?

Reitstetter: Was meinen Sie, was das kostet?

Lenz: Ich bitte Sie. Sie können mir doch nicht erzählen, dass dem bayerischen Verband das Geld für eine 400-Euro-Kraft fehlt, und andererseits erwirtschaftet der BFV gut zwei Millionen Euro aus der exklusiven Vermarktung des Amateurfußballs. Gerade in der heutigen Zeit kommt es mehr als je auf Außendarstellung an. Dafür gibt es zig Möglichkeiten – von der einfachen E-Mail über den sozial genannten Teil des Internets. Da sollte es doch möglich sein . . .

Reitstetter: Sie haben ja Recht. Die Spielleiter werden oft ins kalte Wasser geworfen. Wenn einer neu anfängt und ihm gegenüber sitzt ein schlauer Journalist, der läuft voll auf und merkt es nicht einmal. Aber ich kann doch den Posten für einen neuen Spielleiter nicht auch noch nach Medienkompetenz besetzen.

Lenz: Dann müssen Sie sich halt diese Erfahrung von außen holen – im Zweifel von der Geschäftsstelle. Ich möchte es mal an einem anderen Beispiel festmachen: Wir haben hier im Landkreis sehr viele Schulen, aber bei einigen wissen Sie gar nicht, dass es sie gibt, weil Sie von denen das ganze Jahr kaum was in der Zeitung lesen. Andere schaffen es, dass Sie jede Woche dreimal erscheinen. Daran erkennt man doch, was nachhaltige Öffentlichkeitsarbeit bewirkt. In der PR-Branche gibt es den Spruch: Wer nicht wirbt, der stirbt. Vielleicht stoßen Sie das in Ihren Gremien einfach mal an.

Reitstetter: Das Thema braucht einfach seine Zeit.

Lenz: Weil der BFV wie eine Behörde ist und auch so geführt wird – nämlich viel zu bürokratisch.

Reitstetter: Das mag stimmen, aber was mich nervt und stört, sind die persönlichen Rachefeldzüge einzelner Journalisten gegen unseren Präsidenten. Wir beide, Sie und ich, haben auch schon in der Sache gestritten, aber da ging es nie ins Persönliche.

Lenz: Ich denke, einem Journalisten sollte es auch um die Sache gehen und nicht um persönliche Angriffe. Das ist ein hoher Selbstanspruch, und ich weiß selbst, dass er nicht im-mer zu erfüllen ist. Aber Sie dürfen mir glauben: Für die Kollegen hier im Haus kann ich guten Gewissens sagen, dass sie immer an der Sache interessiert sind. Unsere Zeitung muss nicht mit dicken Schlagzeilen am Kiosk nach Aufmerksamkeit schreien, sie verkauft sich zu einem Großteil über Abonnements. Die beste Methode, die Menschen von unserem Tun zu überzeugen, ist, wenn wir authentisch, wahrhaftig und kritisch berichten, durch gute Recherche die Wahrheit ans Licht bringen. Das ist die Aufgabe von Zeitungen. Ein gescheiter Mann hat dazu mal gesagt: „Unsere Aufgabe ist es nicht, konstruktiv zu sein. Wir sind am Ende die Kraft der Kritik.“ Das heißt ja nicht, immer alles nur von der negativen Seite zu sehen. Wir setzen auf ein vertrauensvolles Miteinander.

Reitstetter: Hin und wieder leidet dieses Miteinander.

Lenz: Na ja, das ist wie in einer guten Ehe, oder?

Reitstetter: Ich möchte mal an die Sache mit dem Rahmenterminkalender erinnern. Da wurde ein Artikel geschrieben, ohne dass mal einer mit mir gesprochen hätte.

Lenz: Wir hatten vor zwei Jahren, als das Thema richtig hochgekocht ist, ein ganzseitiges Interview mit Ihnen im Blatt. Da konnten Sie Ihre Position uneingeschränkt darstellen und vielleicht hat mancher Klubvertreter damals gesagt: Wieso hat die Zeitung mich nicht dazu befragt? Das ist immer auch eine Frage der Darstellungsform. In einem Interview kommt halt meist nur einer zu Wort, ein Kommentar oder eine Glosse spiegelt die Meinung des Redakteurs wider. Und das Thema Rahmenterminkalender habe ich damals in einer unserer Kolumnen aufgegriffen. Auch dort geht es um persönliche Befindlichkeiten; was freilich nicht heißt, dass die Fakten nicht stimmen müssten.

Der Fotograf kommt zur Tür herein und versucht ein Motiv für ein Bild zu finden. „Könnt Ihr mal etwas näher zusammenrücken?“ Wir rücken zusammen. Reitstetter nimmt die vor ihm auf dem Tisch liegende Zeitung mit dem Spielbericht der Würzburger Kickers auf der Aufschlagseite in die Hand.

Reitstetter: Was da drin steht, ist in Ordnung. Ich bin mit der Berichterstattung mehr als zufrieden. Wenn Sie mich so fragen: Ich habe keinen großen Kritikpunkt. Es sind Kleinigkeiten, die wir im Zweifel diskutiert haben. Wie wäre es, wenn Sie einfach mal öfter hinter die Kulissen des BFV blickten?

Lenz: Gerne. Das Problem allgemein ist doch, dass wir heute – mit wir meine ich jetzt nicht Sie und mich – viel zu wenig kommunizieren. Wir reden übereinander, nicht miteinander. In den Mails und SMS, die wir hin- und herschreiben, wird vielleicht die Sache sichtbar, aber die vielen Zwischentöne bleiben auf der Strecke.

Reitstetter: Da gebührt ein Lob auch unserem Präsidenten. Er hat den Verband sehr weit nach außen geöffnet. Wir gehen in den Dialog mit den Vereinen. Sie werden hier in Unterfranken keinen BFV-Funktionär finden, der – wenn er vernünftig gefragt wird – nicht vernünftig Rede und Antwort steht.

Lenz: Da muss ich den schönen Frieden jetzt doch mal stören. Wir hatten vor zehn Jahren die Situation, dass Schiedsrichtergruppen zusammengelegt wurden, und ich bin auf eine Mauer des Schweigens gestoßen – speziell bei einem Funktionär des Bezirks, dessen Name ich jetzt nicht nennen will, weil er sich nicht verteidigen kann. Nur so viel: Gerade bei den Schiedsrichtern und ihren Bossen fehlt mir diese oft propagierte Offenheit und Vertrautheit. Das sind für mich immer noch Geheimbünde, die weitgehend im Verborgenen operieren.

Reitstetter: Unter Schiedsrichtern gibt es unheimlich viele Eitelkeiten und viele Alpha-Tiere. Und: Sie stehen immer unter Beobachtung und in der Kritik. Könnte es nicht sein, dass ihre Zurückhaltung daran liegt? Und ich kann auch nicht jede strittige Entscheidung tagelang gegenüber der Presse erklären.

Lenz: Wir reden nicht von Tagen. Aber würde es einen Schiedsrichter nicht sympathisch und menschlich machen, wenn er seine Entscheidungen erklärte und im besten Fall sogar Fehler zugäbe? Bei manchen Schiedsrichtern in der Bundesliga – wie einem Deniz Aytekin, den ich noch zu Landesliga-Zeiten in Sulzfeld sah – erlebt man immer wieder, dass sie sich ihrer Verantwortung stellen. Auf andere, auch aus der Region, trifft das leider nicht zu. Diese Kritik am Schiedsrichter schwillt doch nur deswegen an – und dann durchaus über Tage, wie Sie ja richtig sagen –, weil seine Entscheidungen von Außenstehenden oft nicht nachvollziehbar sind. Mit ein paar aufklärenden Worten wäre die Diskussion ganz einfach zu beenden.

Reitstetter hat sichtlich Spaß und Freude am Diskutieren, gibt sich in diesem Gespräch aber überraschend aufgeschlossen und konziliant. Er greift noch einmal zu der vor ihm liegenden Zeitung und fängt an zu blättern.

Reitstetter: Ich glaube, Sie haben im Moment ein großes Problem: Das hier kann nicht die Zukunft sein. Meine Mutter liest noch Zeitung, ich selbst lese keine gedruckte Zeitung mehr, sondern seit Jahren im Internet.

Lenz: Das analoge Papier wird es noch lange geben und ein profitables Geschäft bleiben. Länger als viele denken. Auch die Schallplatte hat man einst totgesagt, und nun erwacht sie zu neuem Leben. Aber Sie können mir glauben, dass in unserem Haus sehr viele Strategien laufen, wie sich Inhalte künftig zu den Leuten transportieren lassen. Es ist ja unbestritten, dass journalistische Inhalte weiterhin wichtig und auch gewollt sind – nur das Medium, in dem wir sie abbilden, und das Vehikel, wie wir sie zu den Menschen bringen, haben sich massiv geändert und werden sich weiter ändern. Das Medium hat sich immer unwichtiger gemacht, der Inhalt ist wichtig geblieben. Es stimmt: Wir stecken mitten im digitalen Umbruch, und wenn Sie so wollen, ist auch der BFV mit seinen Plattformen und Apps eine Konkurrenz zu uns Medienunternehmen.

Reitstetter: Wir machen das doch nicht zum Selbstzweck. Dem BFV geht es darum, seine Vereine zu unterstützen.

Lenz: Ach, kommen Sie. Dem Verband geht es vor allem darum, Geld zu verdienen. Das ist ja in Ordnung. Ich kritisiere das gar nicht. Wir wissen selbst, dass Zeitung ein schwieriges Geschäftsmodell ist. Ich glaube, ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass sich die Printausgaben künftig vom reinen Informationsmedium zu einem Druck-Erzeugnis mit Mehrwert wandeln werden, in dem ich – um mal beim Fußball zu bleiben – deutlich mehr lesen werde als die reinen 1:0-Berichte, nämlich Analysen, Kommentare und Hintergründe.

Reitstetter: Unser Vorteil ist, dass wir die ganzen Live-Daten zur Verfügung haben. Die haben wir exklusiv.

Lenz: Sehen Sie, jetzt sagen Sie es selbst: Fußball ist eine Ware.

Reitstetter: Das ist mir jetzt ein bisschen zu polemisch. Wissen Sie, manchmal lese ich einen wirklich guten und seriösen Artikel, und dann sehe ich die Kommentare darunter. Da geht es nur um Polemik.

Lenz: Ich gebe Ihnen Recht. Das gehört zu den Errungenschaften unserer digitalen Welt. Es gibt Verhaltensregeln, auch beim Internet, über die wir hier im Haus auch sehr sorgsam wachen. Aber das ist wie in der Gesellschaft: Die meisten halten sich daran, wenige missbrauchen sie. Das gilt für alle digitalen Netzwerke. Sie haben sicherlich die Diskussion bei Facebook über Fake-News verfolgt. Dort wurden Tausende Leute gesucht, die all die täglichen Einträge auf Fakten überprüfen sollten. Wir haben diese Leute: Wir nennen sie Journalisten.

Klassische Funktionärskarriere

Bernd Reitstetter hat 1999 im Bayerischen Fußballverband (BFV) als Jugendspielleiter begonnen, stieg 2008 zum Kreisspielleiter auf und übernahm 2014 schließlich den Posten des unterfränkischen Bezirksspielleiters. Der 51-Jährige sieht sich selbst als Dienstleister des Fußballs. Er wolle die „Marke Fußball“ erhalten – gerade auf dem Land, wo die Zahl der Mannschaften seit Jahren sinkt. Für diese Mission reist Reitstetter, Vater dreier Söhne, jedes Jahr Tausende Kilometer durch seinen Bezirk, seit einigen Jahren auch als Spielleiter der Landesliga Nordwest.


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