Leichtathletik

Mit Gottes Hilfe zu den Paralympics

Seitdem sie 13 ist, ist Kidisti Weldemichael blind. Das nimmt der in Ostafrika geborenen Sportlerin nicht die Zuversicht und den Lebensmut. Bei den Paralympics in London will die 20-Jährige über die Mittelstrecke starten.
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In Balance: Kidisti Weldemichael steckt trotz ihrer Erblindung voller Zuversicht und lässt sich von ihren Trainern und Betreuern (von links) Frank Schwehla, Timo Josten, Joachim Pfister, Carlo Schulz, Jan Hoffmann und Christoph Hoffmann gerne auf Händen tragen. Foto: Foto: Marcus Meier/BFW

Düster ist es im Zimmer von Kidisti Weldemichael. „Dir kann es ja egal sein, ob das Licht an ist oder nicht“, sagt ihr Trainer und Betreuer Christoph Hoffmann im Scherz, ehe die junge Frau schließlich doch das Licht anknipst. Ihr kann es wirklich egal sein. Kidisti ist seit sechs Jahren blind.

Von Verzweiflung oder Verbittertheit ist bei der jungen Frau nichts zu spüren. Sie wirkt fröhlich, steckt voll Tatendrang und Zuversicht. Ihre langen gewellten Haare hat sie dunkel gefärbt, ihre Ohrläppchen sind reich geschmückt. Kidisti trägt enge Blue-Jeans und einen Pullover mit Reißverschluss. „Da ich ja nicht immer blind war, kann ich mir vorstellen, wie ich aussehe“, sagt die 20 Jahre alte Mittelstreckenläuferin, die wie jede andere Frau hübsch ausschauen mag. Kidisti Weldemichael teilt ihr Schicksal mit einer Reihe weiterer Sehbehinderter im Berufsförderungswerk Würzburg (BFW), das seinen Sitz in Veitshöchheim hat. Ein Jahr lang wird die junge Läuferin dort auf ihre Berufsausbildung als Physiotherapeutin vorbereitet.

Ihre Lebensgeschichte ist eine besondere. Geboren 1991 im ostafrikanischen Eritrea, wuchs sie als zweites von acht Kindern auf. „Ich war immer draußen und habe mit meinen sechs Brüdern und den Nachbarn gespielt“, erzählt Kidisti aus ihrer Kindheit. Eigentlich wollte sie ja Fußball spielen. „Als meine Sehprobleme begannen, haben meine Eltern mir das aber verboten.“ Das war im Jahr 2003. Zwölf Monate später war sie erblindet.

Der Grund war eine eher seltene, aber nicht unbekannte Ablösung der Netzhaut. „Für meine Familie war es ein Schock“, erinnert sich Kidisti, die ihr Schicksal rasch annahm. „Ich habe meine Familie getröstet, habe ihr Mut gemacht. Gott hat mir das Augenlicht gegeben und Gott hat es mir wieder genommen. Es ist Teil seines Plans.“ Dennoch setzte ihre Familie alles daran, die Erblindung noch zu verhindern.

2006 kam Kidisti mit 14 Jahren mit ihrem Vater nach Deutschland – in der Hoffnung, ihr Augenlicht mittels Operation doch noch retten zu können. Erfolglos. Die Netzhautablösung war irreparabel. Kidisti und ihr Vater blieben trotzdem und bekamen Asyl. Für ihre Ausreise gab es nämlich auch politische Gründe, über die die junge Sportlerin aber nicht reden möchte. „Als ich zur Schule ging, sah mich irgendwann mein Sportlehrer laufen“, erzählt Kidisti. „Er fragte mich, ob er mich trainieren könne.“ Ihre Karriere als Läuferin hatte damit ihren Anfang genommen.

Über Halle an der Saale ging es für die angehende Physiotherapeutin im September vorigen Jahres schließlich nach Veitshöchheim. Hier boten sich ihr eine Ausbildungsstätte und dank Christoph Hoffmann gute Trainingsmöglichkeiten. Ihr Entschluss. nach Franken umzusiedeln, hat sich somit gleich doppelt ausgezahlt. „Der Sport ist sehr wichtig und hat mir dabei geholfen, mit der Behinderung klarzukommen“, sagt sie. „Ich habe so das Gefühl bekommen, all das erreichen zu können, was auch sehende Menschen schaffen.“

Ein besonders gutes Verhältnis hat die junge Läuferin zu ihren Sportkameraden. Da sie tagtäglich trainiert, braucht sie jeden Tag einen sehenden Laufbegleiter. Die kommen nicht nur vom Vitalsportverein Würzburg, für den sie bei Behindertensport-Veranstaltungen startet, sondern auch von der LG Würzburg. „Auf die sehenden Läufer, die mit den blinden Sportlern über ein Band verbunden sind, muss man sich besonders gut einstellen“, sagt Kidisti. Für ihre Gruppe sucht sie nach Verstärkung. Was noch fehlt, ist ein Läufer, mit dem sie Sprints üben kann.

Spezialisiert hat sich Kidisti auf die 800-Meter-Distanz. Gleichwohl tritt sie international oft über 1500 Meter an, da die kürzere Strecke nicht im-mer gelaufen wird. Innerhalb weniger Jahre hat sie es geschafft, zu den Besten ihrer Disziplin aufzusteigen. So durfte sich Kidisti im vergangenen Jahr nicht nur über die Teilnahme an den deutschen Meisterschaften freuen, sondern auch über einen vierten Platz bei den Weltmeisterschaften in Neuseeland.

Höhepunkt ihrer Karriere sollen die Paralympics werden, die Spiele der Behinderten, die in diesem Sommer kurz nach Olympia in London ausgetragen werden und für die die junge Läuferin die nötige Qualifikationszeit schon unterschritten hat. „Ich freue mich wahnsinnig darauf. Wofür trainiert man sonst als Sportlerin.“ Ihre Ziele für London hat sie bereits definiert: ein Platz auf dem Siegertreppchen, ihre Familie, die inzwischen komplett in Halle/Saale lebt, in der Zuschauerkulisse und die Fünf-Minuten-Marke über die 1500 Meter knacken.

Auch abseits des Sports hat die junge Sportlerin konkrete Vorstellungen von ihrer Zukunft. „Ich möchte meine Ausbildung abschließen“, sagt sie, „und später nach Eritrea zurückkehren. Ich vermisse das Land, die Verwandten – und vor allem das Essen!“ Es mag an der gewöhnungsbedürftigen deutschen Kost liegen, dass ihre Mutter sie zuweilen darum bittet, mit dem Sport aufzuhören, „weil sie findet, ich sei zu dünn. Kidisti lacht. Ihr Vater dagegen hat sich vom anfänglichen Schock der Diagnose erholt und ist nun ganz stolz auf seine erfolgreiche Tochter.

Bei einer sich aufdrängenden Frage muss Kidisti erst einmal gründlich nachdenken: Wenn man nach einer solch niederschmetternden Diagnose so diese Kraft und positive Energie entwickelt, wie kann man Menschen mit ähnlichen Schicksalen Mut machen? „Man muss sein Schicksal akzeptieren und darf nicht ewig damit hadern. Ich bin sogar der Meinung, dass ein Blinder in gewisser Hinsicht ein besserer Mensch sein kann als ein Sehender, weil er ohne Augen Dinge wahrnimmt und zu schätzen weiß, die andere vernachlässigen. Aber am wichtigsten finde ich den Glauben – ganz egal, woran. Stress und negative Gedanken machen Menschen krank, und nur mit der richtigen Einstellung kann es ihnen gut gehen. Man sollte immer das Beste aus seiner Situation machen.“

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