Leichtathletik

Michael Weible und der Marathon seines Lebens

Der Iphöfer Michael Weible (27) startet in den Weiten Afrikas zu einem verwegenen Abenteuer. Getragen wird er von seinem Glauben an Gott und einer besonderen Begegnung.
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Michael Weible vom TSV Iphofen hat in Kenia den Muskathlon absolviert, einen Marathon auf 2000 Meter Höhe. Foto: Weible
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Michael Weible ist nicht einfach nur ein Leichtathlet. Ein „normaler“ Leichtathlet trifft seine Entscheidung, wann und wo er startet, auf rein rationaler Basis oder aus dem Bauch heraus. Fragt man Michael Weible, wie er sich auf den Muskathlon in Kenia, einem Marathon auf 2000 Meter Höhe, eingestimmt habe, richtet er den Blick für einen Moment nach oben und sagt dann: „Ich habe Gott in mein Gespräch genommen und meinen Frieden gemacht.“

Was ist das für ein Mensch, der zuerst Gott und danach die eigene Familie fragt, bevor er sich auf ein Abenteuer wie Mitte Mai in Kenia einlässt? Ein junger Mann, den das schlechte Gewissen plagt bei dem Gedanken, allein des eigenen Nervenkitzels wegen 6230 Kilometer in eines der ärmsten Länder Afrikas zu jetten, dort einen Marathon zu laufen und dann auf schnellstem Weg wieder nach Hause zu fliegen. Eine Reise, ohne Spuren zu hinterlassen, außer den eigenen CO2-Fußabdruck, aber davon wird noch die Rede sein. „Es war immer ein Traum von mir“, sagt der 27-Jährige, „den Sport mit meinem christlichen Glauben zu verbinden.“

Grenzen austesten in traumhafter Kulisse

Den Traum gibt es also, aber so richtig konkret wird er an einem Abend im Herbst 2018. Da fällt Michael Weible ein Flyer in die Hände, der wie eine Verheißung klingt: Das Kinderhilfswerk Compassion wirbt darin für ein ungewöhnliches Projekt: einen Marathon im Hochland Afrikas, bei dem es darum geht, in einer traumhaften Kulisse seine Grenzen auszutesten, aber in einem weiteren Schritt eben auch um Spenden und Patenschaften für die vielen notleidenden Kinder in dieser Region. Michael Weible sieht darin eine Chance: für sich, mehr aber noch für andere. Er sagt, ohne diesen Spendenhintergrund wäre er nicht gestartet. Das zeigt, wie ernst es ihm ist in dieser Sache.

Als er der Familie in Iphofen sein Vorhaben eröffnet, reagiert die nicht gerade begeistert. Laufen und Spenden sammeln könne er auch in Deutschland. Michael Weible, der sich als konservativ bezeichnet und im Innovationsmanagement eines globalen Kitzinger Automobilzulieferers arbeitet, ist in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen. Eine dominierende Rolle aber spielte der Glauben nach seinen Worten nicht. Erst als Teenager fand er den Weg zu Gott – über seine Schwester, die wiederum bei einem Highschool-Jahr in den USA eine „schwierige Zeit“, wie Weible sagt, mit ihrem Glauben an Gott gemeistert hatte. Zurück in Deutschland, nahm sie ihn mit in ihre Gemeinde, einer Freikirche. Er las in der Bibel, und er bat Gott: „Zeig dich mir, wenn es dich gibt.“ Da war Weible 16 und ließ sich erneut taufen.

Zehn Jahre später sitzt ein schlanker junger Mann, der nicht den Eindruck eines besessenen Missionars oder religiösen Ideologen erweckt, in seinem Elternhaus und erklärt seine Motive. „Es geht mir nicht um Bestzeiten. Es geht mir darum, etwas zu bewegen. Etwas Besonderes zu machen für einen guten Zweck.“ Der Muskathlon ist so etwas Besonderes: ein Sport-Event, das „extremen Einsatz erfordert und eine Woche lang an außergewöhnlichen Orten stattfindet“, wie es auf der Veranstalter- Homepage heißt.

Es gibt da nur ein Problem: Michael Weible hat bis dahin kaum Marathon-Erfahrung. Er bevorzugt die kürzere Halbmarathon-Distanz über 21 Kilometer. Nur dreimal wird er bis zu seinem Start in Afrika die vollen 42,195 Kilometer gelaufen sein. Hinzu kommt: ein fremder Kontinent, das ungewohnte Klima – und die Höhe. „Jeder Hochgebirgswanderer weiß, wie schwer das Atmen schon beim normalen Gehen in dieser Höhe ist“, sagt Ralph Müller. Aber der Mann, der Michael Weible vielleicht mit am Besten kennt, sagt auch: „Ich wusste, dass er es schaffen kann.“

Weible läuft am Berg so locker wie im Flachland

Müller ist Weibles Trainer beim TSV Iphofen, hat ihn erlebt im Höhentrainingslager im Ötztal auf ebenfalls 2000 Meter Höhe und sagt: „Er ist da genauso gelaufen wie im Flachland.“ Was den 27-Jährigen so stark macht: „Er hat viel Kraft in den Beinen, und er ist leicht.“ Ein Fliegengewicht sozusagen, Müller empfahl seinem Athleten, etwas an Masse zuzulegen – zumindest zwei, drei Kilo.

Als sich Michael Weible dann Anfang Mai auf den Weg nach Afrika macht, ist es Müller zwar gelungen, ihn „auf den Punkt fit zu machen“, aber an Gewicht hat er nicht zugelegt. Er fliegt von Frankfurt aus, der Bankenmetropole Europas. Als er gut acht Stunden später in Nairobi landet, könnte der Kontrast kaum größer sein. Er sieht kleine und große Armengettos, Hunderttausende leben hier in Hütten ohne Strom.

Laut der Volkszählung von 2009 ist jeder Fünfte der drei Millionen Einwohner der Hauptstadt arm. Die Zahl könnte inzwischen deutlich höher liegen. Seit 2005 wuchs Kenias Wirtschaft in den meisten Jahren um mehr als fünf Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg das Pro-Kopf-Einkommen um mehr als 1000 US-Dollar. Aber das Ungleichgewicht ist gewachsen. Die soziale Spaltung entzweit das Land.

Mehr als ein Drittel der 50 Millionen Einwohner Kenias lebt nach Angaben des Bundesentwicklungsministeriums unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Es sind Menschen wie Alex, elf Jahre alt und das Patenkind von Michael Weible. Auf Bildern sieht man einen Jungen in Jeanshose, Jeanshemd und roter Jacke, wie er seinem Paten aus Deutschland in die Arme fällt.

Es ist die erste Begegnung der beiden überhaupt. Michael Weible wird nicht nur den Jungen treffen, für den er regelmäßig Geld nach Kenia überweist, er wird auch die Großmutter kennenlernen, die Alex bei sich aufgenommen hat, seitdem Mutter und Vater ihn verlassen haben. Er wird die Unterkunft besuchen, in der Alex mit Großmutter, Großvater und einem älteren Bruder lebt, ein bescheidenes Häuschen mit Mauern aus Wellblech und zwei Räumen, in einem der kranke Großvater, aber fast schon Luxus gegenüber den windschief gezimmerten Hütten aus Tüchern und Müll in den Slums, in denen Ziegenköpfe über offenem Feuer rösten und wo es nachmittags gefährlich wird, wenn der Alkohol die Menschen enthemmt. Für Michael Weible sind die Bilder Beweis genug, was sich bewegen lässt – „auch wenn man nicht steinreich ist“.

Es sind diese Eindrücke, mit denen sich der Iphöfer später auf den Weg macht – gemeinsam mit 25 Gleichgesinnten, ein paar wenige aus Deutschland. Um 6.30 Uhr fällt der Startschuss zum Marathon. Es geht durch eine Art Geröllwüste, eine karge und staubige Hochebene, getüncht von der gleißenden Morgensonne, am Horizont der eisbedeckte Mount Kenya, 5199 Meter hoch. Der Gipfel verhüllt von einem Wolkenschleier, der Legende nach der Sitz des Gottes Ngai.

Weible geht es nicht um einen Rekord

Bei angenehmen 25 bis 30 Grad, aber hoher Luftfeuchte müssen die Läufer zwei kleine Runden und eine große drehen. Ab und zu kommt Weible an Hütten vorbei, die hier übers Land gestreut sind, bisweilen sieht er keine Menschenseele – keiner vor ihm, keiner hinter ihm. Ein Iphöfer allein mit sich und seinen Gedanken, in der Weite Afrikas. „Mir ging es nicht um einen Rekord“, sagt er. Da ist nur der Reflex, Gutes zu tun im Vertrauen auf Gott, und vielleicht ist es diese Unbeschwertheit, die Kopf und Beine lockert und Michael Weible doch zu Höchstleistung antreibt.

Seine Durchschnittszeit je Kilometer liegt bei starken 4:55 Minuten. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so gut läuft.“ Aber er weiß: „Die Schwierigkeit kommt bei Kilometer 30 bis 32. Vorher solltest du dich nicht freuen.“ In dieser heiklen Phase streiken die Kopfhörer, über die Weible bis dahin mit Musik versorgt wird. Erst ab Kilometer 38 funktionieren sie wieder. „Da wusste ich: Ich schaffe es.“

Als er ins Ziel kommt, empfangen ihn Soldaten in Uniform und Massai in bunten Trachten. Bei 3:28,43 Stunden ist die Uhr für Weible stehen geblieben – eine Fabelzeit. Sie liegt noch unter der ambitionierten Vorgabe, die ihm sein Trainer mit auf die Reise gegeben hat: 3:30 Stunden. „Da kann er stolz sein“, sagt Ralph Müller im Nachgang.

Die 21000 Euro gehen an Arme und Schwache

Stolz ist Michael Weible vor allem auf eine andere Zahl: 21 000 Euro an Spenden hat der Iphöfer mit seinem Lauf gesammelt, den Löwenanteil bei Verwandten und Freunden. Das Geld fließt – als Pauschale oder in Form von Patenschaften – an drei Hilfsorganisationen: Compassion, Open Doors und A21. Diese setzen sich laut Selbstauskunft dafür ein, Kinder aus Armut zu befreien, Frauen und Mädchen aus der Sexsklaverei zu helfen und Menschen zu unterstützen, die aufgrund ihres Glaubens verfolgt werden.

Compassion kooperiert dabei nach eigenen Angaben ausschließlich mit christlichen Kirchen und Gemeinden in Entwicklungsländern und ist Mitglied des Deutschen Spendenrats, der auch von der Stiftung Warentest als seriös eingestuft ist. Die beiden anderen Organisationen sind gemeinnützige Vereine. Mit dem Geld werden Brunnen oder Toiletten gebaut.

Beim Abschied nennen sie Michael Weible respektvoll den weißen Kenianer – weil er so grazil und flink unterwegs war. Als er zurück ist in Deutschland, spendet einer seiner alten Schulfreunde 70 Euro. Der Betrag soll ein Ausgleich sein für die 3,1 Tonnen Kohlendioxid, die Weible laut CO2-Rechner mit den Flügen von Frankfurt nach Nairobi und zurück verursacht hat.

Was ist der Muskathlon?
Der Muskathlon ist ein Marathon an entlegenen Orten rund um den Globus und findet in Ländern statt, die von Hunger, Not, Armut und Menschenhandel betroffen sind. Seit 2012 organisieren die internationale christliche Männerbewegung „Der 4te Musketier“ und das Kinderhilfswerk Compassion Muskathlons auf der ganzen Welt. Jeder Teilnehmer sammelt im Voraus 10 000 Euro Spenden oder vermittelt zehn Patenschaften für bedürftige Kinder in den ärmsten Regionen der Welt. Wie es in einem Bericht des christlichen Medienmagazins „Pro“ vom Mai 2017 hieß, kamen seit dem ersten Muskathlon in Ruanda, an dem 30 Läufer teilnahmen, insgesamt mehr als elf Millionen Euro Hilfsgelder zusammen. Seit 2014 beteiligen sich auch deutsche Athleten an dem Spendenmarathon. Die Arbeit von Compassion in Kenia begann nach den Angaben der Organisation 1980. Heute besuchen etwa 100 000 Kinder über 370 Kinderzentren. Sie werden von örtlichen christlichen Gemeinden und Kirchen geführt.

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