Handball

Kinderfänger in den Turnhallen

Die unterfränkischen Handballer wollen in Schulen und Kindergärten verstärkt um Nachwuchs werben. Ihre Philosophie: Wer gerade die Windeln abgelegt hat, kann schließlich auch einen Ball in die Hand nehmen.
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So sehen Meister aus: Für Tabellenplatz eins in der abgelaufenen Saison gab es die obligatorische Ehrung durch den Handball-Bezirk Unterfranken. Bälle und Urkunden für ihre Mannschaften erhielten: Stefan Göbel (MHV 09 Schweinfurt II, Männer), Dirk Stumpe (FC Bad Brückenau, Frauen), Jochen Klug (TSV Partenstein II, Männer), Christiane Krapf (TV Gerolzhofen, Frauen), Rupert Mahler (HSG Volkach, Männer), Georg Löhrlein (TV Gerolzhofen, Männer), Michael Lauter (HSV Bergtheim III, Frauen), Sandro Schmidt (TV Marktsteft II, Frauen), Georg Kränzler (SG Kitzingen/ Mainbernheim I und II, Männer). Foto: Foto: Michael Kämmerer

Die Zahlen, die Peter Neuweg mitgebracht hat, hören sich nicht sehr gut an. 105 Kinderhandball-Turniere haben vergangene Saison in ganz Unterfranken stattgefunden. Fürs Erste mag das, worüber der Bezirksjugendleiter des Bayerischen Handball-Verbands (BHV) berichtet, beachtlich klingen. Aber erst der Vergleich mit der Vergangenheit macht die Entwicklung deutlich: Rund 130 Wettbewerbe, von den Minis bis zur D-Jugend, für die Altersklassen von sechs bis zwölf Jahren hatten sich in den vorangegangenen Runden stets organisieren lassen. Von einem Jahr aufs nächste bedeutet das einen Einbruch um zwanzig Prozent, denn immer seltener beginnen Mädchen und Jungen mit dem Handballspielen im Verein.

Eine Ursache ist die schrumpfende Bevölkerung: Wo weniger Kinder geboren werden, kann es kaum einen Zuwachs an Juniorenmannschaften geben. Der andere Grund liegt in der Konkurrenz zu den etablierten, po-pulären Sportarten wie Fußball und Basketball. Also kämpfen die Handballer zunehmend um Neulinge und damit für ihre Zukunft. Sie versuchen es jedenfalls. Neuweg spricht darüber wie ein Kinderfänger: „Wir müssen uns die Kleinen abgreifen und sie den Fußballern wegnehmen“, sagt er auf der Saisonschlusstagung des Bezirks in Kitzingen.

In den Schulen, besser noch in den Kindergärten sollen die Vereine nach Neuwegs Auffassung um Nachwuchs werben. Mit der neuen Schulsportbeauftragten Gerlitta Brunner will der Rödelseer ein Netzwerk knüpfen und Kooperationen mit Schulen aufbauen. Am liebsten wäre es Neuweg, er könnte bei Turnieren schon Dreijährige auf das Parkett schicken. Wer gerade die Windeln abgelegt hat, kann schließlich auch einen Ball in die Hand nehmen. „In diesem Alter lässt sich die Motorik noch am besten formen“, sagt Neuweg, der sich seit eineinhalb Jahren um alle Angelegenheiten des regionalen Jugendhandballs kümmert.

Um den Nachwuchsmangel zu beheben, ruft er die Vereinsvertreter dazu auf, verstärkt Kontakt zu Schulen zu suchen und die Sportlehrer als Verbündete zu gewinnen. „Wir nehmen die Entwicklungen im Jugendbereich sehr ernst und werden neue Wege beschreiten“, sagt der Bezirksvorsitzende Heinz Staubitz. Doch an der Basis scheint die flächendeckende Arbeit ehrenamtlich kaum zu bewältigen zu sein, wie vereinzelt Klubverantwortliche zu verstehen geben. Vielmehr müsse der Handball durch den bayerischen Kultusminister im Sportunterricht verfügt werden – als Pflichtstoff neben Fußball und Basketball.

„Wir werden dafür kämpfen“, verspricht Neuweg mutig. Gerlitta Brunner, die an der Mittelschule Wiesentheid selbst Sport unterrichtet, relativiert aber die Erfolgsaussichten einer solchen staatlichen Einflussnahme. „Alles steht und fällt mit dem jeweiligen Lehrer“, sagt die Schulsportreferentin: „Entscheidend ist, ob er sich mit dieser Sportart identifiziert oder nicht.“ Jahrelang etwa profitierte das Armin-Knab-Gymnasium Kitzingen von der Arbeit des Handball-Pioniers Ingolf Klein.

Für den TV Gerolzhofen hat es sich gelohnt, dass der Verein letzten Sommer in die Schulen gegangen ist, wie dessen Abteilungsleiterin Christiane Krapf in Kitzingen feststellt: „Wir ha-ben die Schulleiter in der Umgebung angeschrieben und gefragt, ob wir in den Klassen eine Sportstunde halten dürfen.“ Daraufhin schickte der Verein je zwei bis drei Spieler aus seiner Männer- und Frauenmannschaft in den Unterricht. Nebenbei wurden in den Schulturnhallen Handzettel mit Kontaktadressen und den Terminen der Gerolzhöfer Heimspiele verteilt, ergänzt durch eine Familienkarte für einen Gratisbesuch.

Das Lockangebot zeigt erste Erfolge. „Seit vorigem Jahr haben bei uns in der Jugendabteilung sechzig Handballer angefangen“, erzählt Krapf, die noch Monate nach der Initiative von Eltern angerufen wird, deren Kinder ins Training kommen möchten. Die Zahlen aus Gerolzhofen hören sich sehr gut an.

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