Fußball

Im Flug über die Insel

Wie einst Ron-Robert Zieler plant der von Florian Galuschka betreute Karlsruher Jan-Ole Sievers seine Fußballkarriere als Torhüter in England
Artikel drucken Artikel einbetten
Stets abwehrbereit: Jan-Ole Sievers, Torhüter in der Nachwuchsabteilung des englischen Profiklubs Bolton Wanderers. Foto: Foto: Michael Kämmerer

Die Geschichte englischer Fußballtorhüter ist eine Geschichte voller Missgeschicke. Schlecht wie das Wetter auf der Insel sind ihre Leistungen. Regelmäßig fallen die Männer zwischen den Aluminiumstangen durch allerlei Torheiten auf, indem ihnen Bälle durch Finger und Beine rutschen. Die meisten Posten in der Premier League sind deshalb von Ausländern belegt. Selbst in den Nachwuchsmannschaften setzen die Klubs häufig auf Qualität aus der Fremde. „Made in Germany“ ist ein internationales Gütesiegel, das seit jeher für deutsche Schlussmänner gilt.

Ihr Ansehen und ihre Ausbildung haben auch Jan-Ole Sievers geholfen. Der 17-Jährige spielt seit vorigen Sommer in der Juniorenakademie der Bolton Wanderers. Als derzeit einziger deutscher Torwart in England bastelt er dort an einer Karriere als Profi. Hannovers Ron-Robert Zieler, der in der Jugend bei Manchester United lernte, gilt als Vorbild. „Was er geschafft hat, ist auch mein Ziel“, sagt Sievers. Während andere von Talentspähern der Klubs entdeckt werden, nahm er seine Zukunft selbst in die Hand: „Ich wollte etwas Neues kennenlernen.“ Mit einer schlichten E-Mail bewarb sich Sievers bei den Bolton Wanderers um ein Probetraining. Sein sportlicher Lebenslauf bildete eine gute Grundlage: Bis dahin hatte er für den Karlsruher SC in der U17-Bundesliga Bälle abgewehrt. Zweimal flog Sievers in die 130 000-Einwohner-Stadt im Norden Englands, um vorzuspielen, ehe der Wechsel feststand.

Seitdem ist das Leben des Teenagers ein vollkommen anderes: Sievers trainiert täglich, häufig zweimal, geht in den Kraftraum und absolviert an einem College wie seine Mitspieler eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann. „Alles ist auf den Fußball abgestimmt“, erzählt der 17-Jährige. Doch die professionellen Bedingungen sind nur die eine Seite: Sievers lebt bei Gasteltern in einem acht Quadratmeter kleinen Zimmer und musste sich von einem Tag auf den anderen daran gewöhnen, selbstständig einen straffen Tag zu organisieren. „In Karlsruhe hat Mama mich geweckt“, sagt der 1,87 Meter große Torhüter, der sich zumindest nicht um seine Wäsche und das Essen kümmern muss.

„Es ist eben etwas anderes, gegen ManU zu spielen als gegen Hoffenheim.“

Jan-Ole Sievers deutscher Torhüter in England

Als Belohnung für den Leistungssport gibt es 600 Euro im Monat, Siegprämien sowie fünf Heimflüge pro Jahr. Mit Boltons U18-Team spielt Sievers gegen den Nachwuchs der übrigen Profiklubs aus Nordengland wie Manchester United, Liverpool und Manchester City. „Es ist eben etwas anderes, gegen Weltklassevereine anzutreten als gegen Hoffenheim oder Ulm“, sagt Sievers. Ohnehin sei England mit nichts zu vergleichen: der raue Umgang auf dem Rasen, der wolkenverhangene Himmel, das unbekannte Essen. „Die ersten beiden Wochen waren hart“, berichtet Sievers: „Ich hatte extrem Heimweh.“ Mittlerweile hat er seinen Rhythmus gefunden, um sich irgendwann den Traum vom gut bezahlten Fußball zu erfüllen.

Womöglich kommt ihm bei seinem nächsten Schritt der Misserfolg zugute: Die Profimannschaft der Bolton Wanderers ist jüngst aus der Premier League abgestiegen. Der Trainer wolle künftig verstärkt Spieler aus der eigenen Jugendakademie in den Mannschaftskader einbauen, wie Sievers erfahren hat. Sein Vertrag besitzt Gültigkeit bis zum Sommer 2013. Am liebsten wäre ihm im Anschluss die Übernahme in das Reserveteam. „Ich habe aber keinen Druck“, sagt Sievers. Auch die Rückkehr nach Deutschland ist eine Option. Um sich in der Heimat zu positionieren, vertraut der Karlsruher neben seinem Vater jetzt auch auf eine Beratungsagentur. Seit Beginn des Jahres wird Sievers von Florian Galuschka und Kevin Knopp betreut, die vergangenes Jahr in Kitzingen ein Managementbüro gegründet haben.

„Wir verfolgen den Markt in Deutschland“, sagt der 31 Jahre alte Knopp: „Vielleicht ergibt sich für Jan-Ole in naher Zukunft ein interessantes Angebot als Perspektivtorhüter in der ersten oder zweiten Bundesliga.“ Die Berufung in die Junioren-Nationalmannschaft wäre hilfreich. Der 30 Jahre alte Marktbreiter Florian Galuschka, selbst einst Profi bei Schweinfurt 05, Hoffenheim, 1860 München, Augsburg und Wacker Burghausen, will seine langjährigen Kontakte in die Szene nutzen. Im Sommer soll Sievers ein Probetraining bei Kurt Kowarz, dem Torwarttrainer des deutschen U18-Teams, bestreiten. Galuschka kennt Kowarz von der gemeinsamen Zeit in Augsburg.

Für diesen Artikel wurde die Kommentarfunktion deaktiviert.