Es klappt nicht aufs erste Mal. Anruf am Dienstag bei Felix Günzel: Für ein Gespräch stehe er ja gerne zur Verfügung, aber jetzt? Ganz schlecht. Günzel ist dann mal weg. Wir müssen uns verabreden für den nächsten Tag. Im Moment ist der 19-Jährige nicht nur als Lehramtsstudent für Geschichte, Latein und Geografie viel unterwegs, sondern auch für seine Leidenschaft, das Tischtennisspielen. Am Samstag steht für ihn und seine Jungs ein besonderes Spiel an. Deshalb hat er sich in dieser Woche gleich fünfmal Training verordnet. Als wir ihn dann am Mittwoch sprechen können, eröffnet Günzel interessante Einblicke in die Talentschmiede des TV Etwashausen. Und er verrät, was das alles mit China zu tun hat.

Frage: Zu wieviel Prozent ist der aktuelle Erfolg des TV Etwashausen made in China?

Felix Günzel: Ich würde mal sagen: (überlegt länger) zu fünfzig bis sechzig Prozent.

Seit zweieinhalb Jahren leitet nun Xiang Dong Fan die Leistungsgruppe in Etwashausen. Ist das die erfolgreiche Synthese: deutsche Wertarbeit, gepaart mit chinesischer Raffinesse?

Günzel: Mit Raffinesse allein kommt man in China nicht allzu weit, sondern nur mit Training, Training, Training. Die Deutschen sind da eher die Fauleren.

Soll das heißen, Xiang Dong Fan hat Ihnen erst einmal Fleiß und Disziplin beigebracht?

Günzel: Na ja, immer wenn er beim Training etwas erklärt, zielt es darauf ab, dass wir auf Kleinigkeiten achten sollen und alle möglichen Varianten einstudieren.

Was unterscheidet Chinesen und Deutsche im Tischtennis?

Günzel: Bei den Chinesen geschieht alles instinktiv. Sie müssen während des Spiels nicht viel denken. Sie machen einfach, wissen auf jeden Ball, den sie kriegen, sofort eine passende Antwort. Aber was so leicht aussieht, erfordert hartes Training. Die Chinesen trainieren um einiges mehr und intensiver als die Deutschen, und sie haben technisch eine komplett andere Schulung.

Wie sehr profitiert Etwashausen von der chinesischen Schule unter Xiang Dong Fan?

Günzel: Wir wären sicherlich vorangekommen, aber wir wären nicht da, wo wir heute stehen. Technisch sind wir ja alle gut ausgebildet, aber Dong sieht Sachen, auf die wir kaum Wert gelegt hätten. Und das sind meist die Details, die im Satz den elften Punkt ausmachen.

Nervenstärke, Behauptungswillen, diese Dinge?

Günzel: Dong strahlt an sich schon große Ruhe aus, und die versucht er, auch uns beizubringen. Hektik ist in Momenten, in denen es eng zugeht, immer die falsche Reaktion. Er sagt, wir sollen cool bleiben, sollen uns für einen Spielzug entscheiden, der uns zu Gute kommt – also nicht, dass wir eine Angabe machen, die der Gegner genau auf unsere schwache Hand zurückspielt, sondern dass wir eine Variante parat haben, mit der wir relativ einfach den Punkt machen können. Bei mir wäre es ein Spielzug, bei dem der Gegner genau in meine Vorhand spielt.

Brauchte es einen wie Xiang Dong Fan, der das letzte Quäntchen aus jedem herauskitzelt?

Günzel: Er perfektioniert unser aller Spiel.

Woher nimmt der TVE all die begabten Jugendlichen?

Günzel: Schwer zu sagen. Ab und an spielt auch das Glück eine Rolle. Basti (Bastian Herbert) zum Beispiel wurde durch Zufall entdeckt. Er spielte mal ein Turnier, und der Verbandstrainer meinte gleich: ein Wahnsinnstalent! Wir haben das Glück, dass bei uns im Moment sehr viele Kinder Tischtennis spielen. Und dabei sieht man, wer Talent hat und speziell gefördert wer-den sollte.

Sie spielen jetzt seit anderthalb Jahren in der ersten Mannschaft – und sind schon einer der besten Spieler der gesamten Liga. Hat Sie die eigene Entwicklung überrascht?

Günzel: Teilweise. Die Außenstehenden meinten ja immer, dass ich unter meinem Können spielen würde. Aber als Neuling spielt man halt unsicher, drucklos und vielleicht nicht das, was man kann. Aber je mehr man sich in diesem Umfeld bewegt, je mehr man sich mit Erfolgen selbst bestätigt, um so selbstsicherer wird man und um so besser kann man dann sein Potenzial abrufen. Dong hat mal gesagt: Hätte ich früher mit Tischtennisspielen angefangen und nicht erst mit zehn, elf Jahren, könnte ich jetzt Regionalliga spielen.

Wie viele Leute hat denn die Trainingsgruppe um Dong?

Günzel: Das sind etwa acht bis zehn Jugendliche. Danach kommt ein kleines Leistungsgefälle. Mit mehr wäre es für Dong auch zu unübersichtlich. Er hat von diesen zehn Jungs ein eingescanntes Bild im Kopf, und damit arbeitet er.

Wie fühlt sich das für Sie als Jungen an, gegen zum Teil zwanzig Jahre Ältere zu spielen und im Idealfall auch zu gewinnen?

Günzel: Für mich ist das Normalität. Wir sind ja alle recht jung mit sechzehn, siebzehn Jahren, wir spielen ja schon die ganze Zeit gegen Ältere. Da ist es irgendwann nichts mehr Besonderes.

Auch nicht für Basti Herbert mit seinen dreizehn Jahren?

Günzel: Na ja, gegen ihn zu spielen ist ganz schwierig. Viele unterschätzen ihn von vornherein, weil er noch so klein ist – und verlieren halt dann, klar.

Ärgert die Älteren eine Niederlage gegen so junge Spieler mehr als gegen Gleichaltrige?

Günzel: Ich habe es bislang erst einmal erlebt, dass sich jemand aufregte, als er gegen Basti verloren hatte. Beim Tischtennis ist es eher so, dass Größe und Alter nichts über die Qualität des Spielers sagen.

Also hängt viel an der Technik?

Günzel: Fast noch wichtiger ist Beinarbeit. Wenn du immer richtig zum Ball stehst und dazu eine relativ gute Technik hast, bist du schon ein guter Spieler.

Muss man denn befürchten, dass all die Etwashäuser Talente von anderen Klubs abgeworben werden?

Günzel: Vor allem bei Basti kann das natürlich passieren. Wenn seine Entwicklung so weitergeht, ist es fast unausweichlich, dass er mal woanders hingeht.

Im Fußball wird schon in weit niedrigeren Klassen als der Landesliga oder der Bayernliga Geld an Spieler bezahlt. Wie ist das im Tischtennis?

Günzel: Ganz schwierig, selbst in der zweiten Liga. Man muss schon in die erste Bundesliga und dann zu einem Topklub gehen, um einigermaßen zu verdienen.

Es sind also die Liebe zum Sport und die Begeisterung für die Sportart, die einen antreiben?

Günzel: Lassen wir es mal so stehen. Das ist eigentlich ganz gut beschrieben, ja.

Etwashausens Prestigeprojekt gipfelt im Erfolg der ersten Mannschaft, die in der Landesliga um den Titel spielt. Was ist von dieser Mannschaft in den nächsten Jahren zu erwarten?

Günzel: Ich denke, wir könnten uns in der Bayernliga halten, auch in dieser Besetzung. Es ist immer eine Gewöhnungssache: Man kommt in eine höhere Klasse und passt sich langsam dem Niveau an. Wir waren vergangene Saison in der Landesliga anfangs ganz schlecht. In der Rückrunde lief es besser.

Und nun spielen Sie um den Aufstieg in die Bayernliga. Ist das für Sie nur die logische Fortsetzung?

Günzel: Ich habe uns zwischen Platz eins und vier erwartet. Andere waren pessimistischer.

Ihr Mitspieler Torsten Küster etwa, der es auf die Formel brachte: „Es braucht keiner zu glauben, dass wir gleich die Bude einreißen.“ Wollte die junge Fraktion da Ihrem selbsternannten „Opa“ im Team gleich einmal beweisen, wo der Hammer hängt?

Günzel: Das hat er gesagt? Das habe ich gar nicht mitgekriegt. Und wenn: Ihm wollten wir sicherlich nichts beweisen. Das Ganze hat sich irgendwie ergeben.

Gab es den Moment, als der Schalter auf Erfolg umgelegt wurde?

Günzel: Ich habe sonst immer dreimal die Woche trainiert. Jetzt sind es im Durchschnitt viermal. Diese Woche sogar fünfmal. Ich habe also eine Einheit pro Woche draufgelegt. Basti Herbert auch. Dazu kommt, dass wir befreit und ohne Druck spielen können. Das ist für uns ein ganz wichtiger Faktor.

Jetzt wartet auf Sie der Titelanwärter aus Arzberg. Da geht es um nicht mehr und nicht weniger als die Entscheidung in der Meisterschaft, oder?

Günzel: Ich denke, wer da gewinnt, wird am Ende auch Meister. Wenn es normal läuft, werden danach weder Arzberg noch wir noch ein Spiel abgeben.

Können Sie sich an die letzten Auftritte Etwashausens 2011/12 in der Bayernliga erinnern?

Günzel: Ja, da spielte ich selbst zum Teil noch mit. Das war komplett anders damals. Da war der Druck innerhalb der Mannschaft viel, viel höher, und die Leute haben uns noch nicht so unterstützt wie jetzt. Dadurch dass heute so viele Junge dabei sind und wir uns so gut entwickelt haben, ist es viel ansprechender für das Publikum. Deshalb kommen auch immer mehr Leute.

Verlorenes Hinspiel in Arzberg „kein Maßstab“

Zu ungewohnter Stunde trifft sich der TV Etwashausen an diesem Samstag im Landesliga-Spitzenspiel mit dem TS Arz- berg. Dass die Partie schon nachmittags um 14.30 Uhr beginnt, hat den simplen Grund, dass die Oberfranken an diesem Abend um 19 Uhr noch einmal ran müs- sen, und zwar beim SB Versbach II. Ein Nachteil sei die Verlegung auf die Nach- mittagsstunden nicht, sagt Felix Günzel. Er sieht sich und seine Mannschaft nun deutlich besser gerüstet als vor dem mit 3:9 verlorenen Hinspiel. Dieses Spiel, so Günzel, könne man unmöglich als Maß- stab nehmen. Etwashausen trat damals mit doppeltem Ersatz an, Spitzenspieler Michal Bozek war von einem häuslichen Treppensturz noch immer angeschlagen und verlor seine beiden Einzel. „Wo wir sie packen müssen, ist auf den hinteren Positionen“, sagt Günzel vor dem Duell mit dem punktgleichen Rivalen, der wie der TV Etwashausen erst ein Saisonspiel verloren hat. Text: elz