Im Profifußball hat Detlef Müller schon so einiges erlebt. Er ist deutscher Meister geworden, er hat Lionel Messi bei einem Spiel der Champions League getroffen, und er hat mit Trainern wie Bruno Labbadia, Armin Veh oder Giovanni Trapattoni gearbeitet. Felix Magath zählt zu seinen Freunden, mit ihm spielt er gelegentlich Schafkopf. Als Physiotherapeut war Detlef Müller fast fünfzehn Jahre lang erstklassig – zunächst bei Eintracht Frankfurt, später von 2003 bis vergangenen Sommer beim VfB Stuttgart.

Dann hat Müller Schluss gemacht, um sich in seinem Heimatort Prichsenstadt selbstständig zu machen. Als Physiotherapeut und Fachmann für die Atlas-Korrektur ist er seit kurzem in einer Praxis in Prichsenstadt tätig, weg von der Glitzerwelt Bundesliga, wieder zurück in der Provinz. Die Tage im Hotel, auf Reisen – oft fast die ganze Woche – dieses beinahe ständige Verfügbarsein für die Profikicker, all das wurde Müller einfach zu viel. „Ich wollte nicht mehr. Ich konnte ja kaum mal einen Termin beim Zahnarzt ausmachen, weil ich fast immer 24 Stunden bereit sein musste. 2000 habe ich bei Eintracht Frankfurt angefangen – zum 1. Juli 2014 war für mich Schluss. Es reichte“, sagt er über intensive Jahre.

Irre Zeit mit Meisterschale

Eine anstrengende, verrückte Zeit, die Müller nicht missen möchte angesichts der Fülle an Geschichten, Erinnerungen, Souvenirs und Erlebnissen mit den Größen. Die Schale der deutschen Meisterschaft, die er 2007 mit dem VfB Stuttgart gewann, hat er sich im Original nachbilden lassen. „Das Trikot, mit dem Sami Khedira 2007 am letzten Spieltag das Tor zum 2:1 für den VfB gegen Cottbus schoss, habe ich daheim im Schrank“, sagt er und lächelt. Ob ihm der Profifußball zuletzt fehlte? Nicht unbedingt, sagt er. Natürlich sei das „ein unvergessliches Gefühl, wenn du vor 88 000 Zuschauern in Barcelona im Spielertunnel stehst und ein Messi grinst dir zu. Aber das normalisiert sich“, wie er erklärt. „Ich bin nicht der Typ, der da ausflippt.“

Seine Karriere als „Medizinmann“ begann er 1992 bei der A-Jugend des TSV Vestenbergsgreuth, wo er sich als gelernter Physiotherapeut um die jugendlichen Beine kümmerte – auch um zu lernen. Trainer dort war Rudi Lottes, der Müller 1997 dann mit zu den Würzburger Kickers nahm. Dort wuchs der Kontakt zu Bernd Hollerbach, später zu Felix Magath. Hollerbach, damals für den Hamburger SV am Ball, weilte wegen einer Achillessehnen-Operation in Würzburg, ließ sich bei den Kickers – und damit bei Müller – behandeln. Der Profi zeigte sich begeistert und lud Müller nach Hamburg ein. Neben dem damaligen Physiotherapeuten Hermann Rieger kam Müller dort mit Felix Magath in Kontakt. Der brachte den Prichsenstädter im Sommer 2000 in die Bundesliga – nach Frankfurt, wo Magath als Trainer wirkte.

2001 war für Magath und Müller Schluss bei der Eintracht, und Müller kümmerte sich danach um den TSV Gerbrunn. Schließlich erreichte ihn 2003 wieder der Ruf seines Freundes Magath, der ihn nach Stuttgart lotste. Wenig später schlug der VfB mit seiner jungen Mannschaft voll ein. Mit Spielern wie Kevin Kuranyi, Philipp Lahm, Timo Hildebrand, Sami Khedira, Mario Gomez und Andreas Hinkel machten die Schwaben in dieser Zeit Furore.

Nicht jeder ein Kumpel

Diese späteren Größen und viele andere lernte Detlef Müller auch von anderer Seite kennen – als Patienten, denen er sich annahm. Das Verhältnis zu den Spielern war und ist naturgemäß auf viel Vertrauen ausgelegt. Zu viel über Einzelne auszuplaudern, ging nicht. Müller sieht das so: „Die 25 Spieler sind wie ein Querschnitt durch die Bevölkerung. Der Großteil ist in Ordnung, aber du musst nicht mit jedem ein Bier trinken gehen. Die Beziehung ist mehr als professionell, aber deswegen ist nicht jeder gleich dein Kumpel.“

Auch von seinen Chefs, den Trainern, kann er einiges erzählen. „Ich war elf Jahre in Stuttgart und hatte in der Zeit mit zehn verschiedenen Trainern zu tun.“ So ist das Geschäft. Beeindruckt zeigt er sich von Giovanni Trapattoni. „So einen Menschen, so eine Größe als Trainer und als Vorgesetzten zu haben, das ist schon toll. Dann diskutiert er mit dir über muskuläre Probleme von Spielern! Wenn ich meinte, der oder der sollte nicht spielen, hat er das akzeptiert.“ Auch Bruno Labbadia habe stark auf seinen Rat als Mediziner gehört, im Gegensatz zu manch anderen. „Die sagten: Muskuläre Probleme? Das läuft sich raus.“

Mit manchem Spieler steht Müller heute noch in Kontakt. So war er auf auf der Hochzeit von Yildiray Bastürk eingeladen. Bastürk galt in Stuttgart nach etlichen Verletzungen als hoffnungsloser Fall. „Dann gaben sie ihn mir in die Hände. Ich habe ihm erst den Atlas-Nerv gerichtet, dann nach meinem Plan behandelt. Siehe da, er blieb in der Folge zwei Jahre verletzungsfrei.“

Regelmäßig melden sich bei Detlef Müller auch einstige Kicker wie Artur Boka, Fernando Meira oder Pavel Pardo. Auch mit Serdar Tasci, derzeit in Moskau, steht er via SMS in Kontakt, oder mit Martin Lanig, der heute bei Eintracht Frankfurt ist. Erst vergangene Woche schaute Müller kurz bei Felix Magath in München vorbei. Der hätte ihn voriges Jahr fast mit nach England geholt, zum FC Fulham. Mit Magath, Bernd Hollerbach und dessen Vater trafen sie sich sonst ab und an zum Schafkopfen in Rimpar. Und heute? „Ist geografisch gerade nicht einfach“, sagt Müller, „aber es spricht nichts dagegen, dass das mal wieder stattfindet.“

Eine Rückkehr in den Profifußball kann Müller sich im Moment nicht vorstellen, er möchte es jedoch auch nicht ausschließen. Als Physiotherapeut hat er nun erst einmal vor, sein neues Berufsdasein in der Praxis von Yvonne Minder in Prichsenstadt aufzubauen. Dort ist sein Schwerpunkt die Atlas-Korrektur – ein Eingriff, den nicht viele seiner Berufskollegen vornehmen.