Kitzingen

Ein Urteil, das nur Verlierer kennt

Zwei Juniorenmannschaften müssen erfahren, dass Unwissenheit nicht vor Strafe schützt. Jetzt hadern sie mit der Härte bayerischen Verbandssportrechts.
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Was tun, wenn der Schiedsrichter nicht kommt? Nicht immer ist gleich eine Aushilfe zur Stelle wie hier Bezirksspielleiter Bernd Reitstetter als Assistent bei einem Einsatz im April 2016.

Sie wollten bloß spielen, aber daraus wurde nichts. Sie wollten alles richtig machen, und nun fühlen sie sich wie im falschen Film. Einem Film ohne Happy End, das steht fest. Die Verantwortlichen des SSV Kitzingen und der FV Gemünden/Seifriedsburg glaubten sich im Recht, als sie am 3. Oktober gemeinsam entschieden, ihr Fußballspiel der U15-Kreisliga abzusagen, nachdem kein Schiedsrichter erschienen war. Jetzt sind sie klüger, getroffen von der Wucht und der Härte bayerischen Verbandssportrechts. Oder sollte man besser sagen: von der eigenen Naivität und Unwissenheit?

Das Urteil: game over, Spiel verloren, und zwar für beide Teams. Es ist ein Spruch, der die beteiligten Vereine befremdet und die Jugendlichen, die sich keiner Schuld bewusst sind, ratlos zurücklässt. Deshalb haben sie beschlossen, einen „offenen Brief“ zu schreiben und den Fall publik zu machen – auch, um andere, denen diese Regel genauso unbekannt ist, zu warnen. Sie fühlen sich „für einen Fehler bestraft, der eindeutig dem Verband zuzuschreiben ist“, heißt es in der gemeinsam verfassten Note, die unterzeichnet ist von Bernd Wenkheimer, Jugendleiter des SSV Kitzingen, und Klaus Leipelt, Vorstand Sport der FV Gemünden/Seifriedsburg. Sie werfen darin die Frage auf, wie sie es jungen Fußballern erklären sollten, dass das Spiel verloren ist, obwohl sie nicht gespielt haben.

Ja, wie eigentlich?

Folgendes war passiert: Die Spieler beider Mannschaften standen bereits auf dem Platz, „umgezogen und aufgewärmt“, wie es in dem Brief heißt. Doch einer fehlte: der Schiedsrichter. Kitzingens Trainer rief daraufhin den zuständigen Schiedsrichter-Obmann an, und der habe sich ob der Lage wenig überrascht gezeigt. Er habe einen Tausch vornehmen müssen und den neu eingeteilten Unparteiischen vorher weder telefonisch noch per Mail erreichen können. Der Obmann gab dem Trainer den pragmatischen Rat, doch selbst nach einem Kameraden zu suchen, der die Begegnung pfeifen könne. „In so kurzer Zeit“, so teilen die beiden Klubs mit, „war es jedoch nicht möglich, eine geeignete Person zu finden.“ Also einigten sie sich darauf, das Spiel für diesen Tag abzusagen und einen neuen Termin zu vereinbaren.

Da man sich unsicher war, wie in diesem Fall der Elektronische Spielberichtsbogen (ESB) auszufüllen sei, rief einer der Verantwortlichen bei Spielgruppenleiter Claus Höpfner an. Danach war klar: Die Sache landet beim Sportgericht. Denn Jugendspiele, das schreibt die Regel vor, müssen auf jeden Fall ausgetragen werden. Bei den Aktiven gibt es diese Regel nicht. Tatsächlich ist unter Paragraf 18 der Jugendspielordnung des BFV geregelt: Erscheint zu einem Verbandsspiel der eingeteilte Schiedsrichter nicht, muss dieses in jedem Fall als Verbandsspiel ausgetragen werden, und zwar unter der Leitung eines anwesenden amtlichen Schiedsrichters oder eines „geeigneten Sportkameraden“, der auch Mitglied in einem der beiden Klubs sein kann.

Trotz der bestehenden Regel stellt sich in diesem Fall die Frage nach der Verhältnismäßigkeit und dem Ermessensspielraum. Denn immerhin geht es hier nach allem, was man über den Fall weiß, nicht um vorsätzliche Täuschung oder ein strafbares Verhalten. Ein Schiedsrichter ist nicht zum Spiel erschienen, aus welchem Anlass auch immer. Das kann man als höhere Gewalt werten – oder wer will auch als Versäumnis des Verbands. Die beiden beteiligten Klubs und damit die jungen Fußballer in Haftung zu nehmen ist aus Sicht der Betroffenen „wenig hilfreich, das Verhältnis von Verband und Vereinen zu verbessern. Es wäre schön, wenn man dieses Urteil nochmals überdenken würde und den beiden Mannschaften eine Möglichkeit bietet, das Spiel doch noch auszutragen“, heißt es in dem gemeinsamen Schreiben.

Doch das dürfte kaum geschehen. Denn für Roland Schmitt, Vorsitzender des Jugendsportgerichts II, dessen Kammer das Urteil gefällt hat, ist der Fall klar. „Dass beide Vereine von dieser Regel nichts gewusst haben, kann nicht sein. Auf jeder Spielgruppentagung wird darauf hingewiesen“, sagt Schmitt. Wenn nun partout kein Unparteiischer zu finden sei, müsse halt der Trainer oder Co-Trainer des Gast- oder Heimvereins einspringen. Diese Regel hat für Schmitt durchaus Sinn. „Stellen Sie sich vor, jedes Mal, wenn kein Schiedsrichter kommt, fällt ein Jugendspiel aus. Dann bleibt das kein Einzelfall. Wir haben immer weniger Schiedsrichter und können schon so nicht mehr Spiele in allen Altersklassen besetzen.“ Wie oft er derlei Fälle verhandelt habe? „Vergangene Runde gar keinen. In dieser Saison war es der erste.“



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