Kitzingen

Dieser Schuh drückt gewaltig

Wer eine gute Geschichte zu erzählen weiß, dem ist Aufmerksamkeit gewiss. Das zeigt der Hype um einen Schuh. Warum Sie sich diesen Artikel ausdrucken lassen sollten.
Artikel drucken Artikel einbetten

Ein Schuh macht Furore. Käufer campieren vor Läden, um ihn zu ergattern. Das kannte man bisher nur von iPhones und von Enthüllungsbüchern über Donald Trump. Was macht diesen Schuh zu etwas so Besonderem, dass sogar die Polizei erscheint, „um die Sicherheit zu gewährleisten“ , wie Bild schreibt? Hat ein famoser Fußballer damit das Siegtor im WM-Finale erzielt? Trägt er den Geruch Cristiano Ronaldos? Nichts dergleichen.

Es ist ein „Running-Modell“ von Adidas im Retro-Look der neunziger Jahre mit „energierückführender Zwischensohle“. Aber deshalb schlugen die Leute in Berlin ihr Zelt vermutlich nicht auf vor einem Laden mit dem bezeichnenden Namen „Overkill“. Diesem Schuh wohnt ein Zauber inne: Seine Zunge ist belegt mit einem Billet für Berlins Busse und Bahnen. Ein Jahr kann sich im Nahverkehrs-Dschungel der Hauptstadt bewegen, wer den Schuh trägt. „Wie cool ist das denn“, rief die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe dieser Tage in gespielter Verzückung.

Ja, wie „cool“ ist das eigentlich? Nicht ganz so hip, wie uns dies die Werbestrategen von Adidas einzureden versuchen. Das Design des Schuhs ist den Sitzpolstern der Verkehrsbetriebe nachempfunden, die alles sind, bloß nicht schön, und so retro wie das integrierte Ticket.

Das nämlich ist weder maschinenlesbar noch anderweitig technisch zu verwerten. Den Kontrolleuren möchte man wünschen, dass sie nicht kurzsichtig sind – sonst müssten sie, um sich von der Gültigkeit der Karte zu überzeugen, vor den Turnschuhträgern auf die Knie gehen. Cool, nicht wahr?

Berechnet man, dass das eingenähte Jahresticket einen Wert von 700 Euro hat, ist der Schuh zwar ein Schnäppchen. Leider gibt es ihn nur in limitierter Auflage von 500 Stück. Aber das ist ja der Sinn des Ganzen: Gäbe es ihn in rauen Mengen, wäre er nichts mehr Besonderes. Die Menschen müssten nicht des Nachts vor den Läden im Schlafsack ausharren, und das Interesse an der Aktion wäre halb so groß – wenn überhaupt.

Was rar ist, darf im Zweifel auch hässlich sein. Und hat Mode nicht immer die Eigenschaft besessen, das Schöne im Hässlichen zu entdecken, wenn das Hässliche bloß mit schönen Worten ummantelt ist? Jeder, der sich mit Marketing nur ein bisschen auskennt, weiß: Ein Produkt, das begeistern soll, braucht eine Geschichte, am besten eine unverwechselbare Identität.

Die Mona Lisa, ein künstlerisch eher limitiertes Werk des Malers Leonardo da Vinci, hätte es wohl nie zum berühmtesten Gemälde auf Erden geschafft, wäre es 1911 nicht auf rätselhafte Weise gestohlen worden und Jahre später auf ebenso mysteriöse Weise wieder aufgetaucht. Wer eine gute Geschichte zu erzählen weiß, dem ist Aufmerksamkeit gewiss. Vielen Käufern geht es heute weniger darum, ein Objekt von besonderer Qualität zu besitzen.

Sie haben Autos, Flugzeuge, Yachten, können sich jeden Luxus leisten. Ihr Streben ist darauf ausgerichtet, etwas zu besitzen, was andere ihres Standes noch nicht haben, etwas Einzigartiges. Sie sind gerne bereit, 450 Millionen Euro auf den Tisch zu legen für ein Bild, das Jesus als den Erlöser der Welt zeigt – und wenn es sein muss, auch 222 Millionen Euro für einen Fußballer.

Neymar da Silva Santos wird aus heutiger Sicht nicht wegen seiner hohen Spielkunst oder der Zahl seiner Tore im Gedächtnis bleiben, sondern weil er einmal der teuerste Fußballer der Welt war – ein Statussymbol, den sich ein ahnungsloser Scheich im fernen Katar schon mal gönnt, so wie sich unsereins einmal im Leben eine dieser wundervollen Uhren von Glashütte leisten will.

Es wird der Tag kommen, da kostet ein Fußballer eine halbe Milliarde Euro. Jede Wette! Schneiden Sie sich diesen Artikel ruhig aus, lassen Sie ihn sich ausdrucken, um ihn bei Gelegenheit hervorzukramen und dem Autor für seine Weitsicht zu huldigen. Sie können ihn sich auch als Dokument der Zeitgeschichte auf ihre Schuhsohlen kleben.



Für diesen Artikel wurde die Kommentarfunktion deaktiviert.