Wer sich auf der leicht kurvigen Landstraße über die Sanftheit der Hügel tragen lässt, landet nach ein paar Kilometern am Ortseingang von Wiesenbronn. Dort fällt die Straße plötzlich steil ab, man rauscht den Abhang hinunter ins Dorf hinein – und geradewegs am Ziel vorbei. Hinter einer hohen Böschung und kleinen Wohnhäusern liegt linkerhand das Sportheim des SV Wiesenbronn. Ein orange-gelber Klotz, in dem jeder Schritt nach vorn zurück in die Vergangenheit führt. Eine versteckte Meldung in dieser Zeitung hat uns hierher geführt: Die dringend gebotene Sanierung des Sportheims sei bereits Thema „etlicher nichtöffentlicher Sitzungen“ gewesen, hieß es in dem Artikel. Und wir fragten uns: Warum eigentlich in nichtöffentlichen Sitzungen?

Zu ihren besten Zeiten war diese Stätte ein Ort, der Sehnsüchte weckte und erfüllte. Von allen Seiten strömte ein tanz- und feierwütiges Völkchen herbei, das sich für eine Nacht den Mief aus den Kleidern schüttelte und in dieser Beschwingtheit durch die Woche kam. Dieser brodelnde Hort war der Stolz einer Generation, die sich mit viel Einsatz den Traum einer eigenen Tanz- und Veranstaltungshalle erfüllte. Und einer aus dieser Generation war Gerhard Müller, damals ein mäßiger Fußballspieler, ein gut organisierter Spielleiter – und ein Mann, der sich und andere zu begeistern wusste. Wenn Müller, 73, heute zurückblickt, dann sagt er, was viele seiner Generation sagen: Der Gemeinschaftsgeist, die Zusammengehörigkeit waren schon mal stärker in dieser Gesellschaft.

Als es 1972 losging mit dem Bau von Halle und Vereinsheim, „da war das ganze Dorf auf den Beinen“. Müller kennt Leute, die sich mit „weit über 1000 Stunden“ in das Projekt einbrachten. Und genau diese Leute hängen bis heute mit ganzem Herzen an dem in die Jahre gekommenen Bau. Genau diese Leute sind es, die sich nicht vorstellen können, das alles der Gemeinde zu vermachen. Genau diese Leute stellen heute die Frage aller Fragen: Wie um alles in der Welt konnte es bloß so weit kommen, dass in all den Jahren und Jahrzehnten nichts, aber auch gar nichts an dem Gebäude gemacht wurde? Wo doch jeder Häuslebauer weiß, dass es später um so teurer wird, je länger man mit der Sanierung wartet? Auch Gerhard Müller fragt sich, warum nichts geschehen ist. Umgekehrt könnte man diese Frage auch Müller stellen. Denn er war der Bürgermeister von 1990 bis 2008, achtzehn Jahre, in denen auch er die Dinge hätte beschleunigen können.

Als in den achtziger Jahren die Discowelle übers Land schwappte, riss sie nach und nach mit, was bis vor kurzem noch auf den Dörfern verankert schien. Tanzbälle wirkten plötzlich wie ein biederes Vergnügen für geschlossene Gesellschaften. Wer etwas auf sich hielt, ging in die modernen, glitzernden Tanztempel, in der Musik von nun an von hippen DJs inszeniert wurde. Die Diskotheken waren der Tod der Tanzbälle. Auch Wiesenbronn bekam das zu spüren.

Jahrelang hatte der Verein mit der Sporthalle gutes Geld verdient, doch die Erlöse flossen nicht aufs Festgeldkonto, um damit spätere Reparaturen zu bezahlen, sondern zu einem Großteil in die Finanzierung der Fußballmannschaft, wie Insider sagen. Der SVW, das war zu dieser Zeit eine relativ große Nummer im Landkreis. Trainer wie Horst Hering, Erich Pöllath oder Manfred Schweser hielten den Verein in der damaligen A-Klasse (heute Kreisliga) auf Kurs.

Mit dem Abstieg der Fußballer verfiel auch das Sportheim. Spricht man mit Kennern des Vereins, ist viel von strategischen Fehlern des Vorstands die Rede, von Fehlplanungen und Fehleinschätzungen. Statt in den Bestand zu investieren und dringend nötige Sanierungen anzupacken, baute der Verein in den neunziger Jahren im hinteren Bereich des Klubheims eine Wohnung an. Mit den Mieteinnahmen wollte man sich Liquidität verschaffen, rund 140 000 Euro in mehr als zehn Jahren, wie es eines der Mitglieder einmal vorgerechnet hat.

Aber die Rechnung ging nicht auf. Die Schützen, die in einem Teil des Sportheims Schießübungen halten, fürchteten um ihre Pfründe. Ein Mieter hätte vor Gericht mit Verweis auf die strengen deutschen Immissionsschutzgesetze den Betrieb zumindest stark einschränken können. Seither steht die Wohnung leer, von Zeit zu Zeit wird sie als Ausweichquartier genutzt.

Ein Fall für Giftmüllexperten

Der Behinderten- und Versehrtensportverein Kitzingen übte sich dort fast geräuschlos im Blasrohrschießen, und als vor vier Jahren der Kindergarten renoviert wurde, diente die Wohnung für fast zwei Jahre als provisorische Bleibe. 900 Euro Miete erhielt der Verein monatlich als Ausgleich, ein gutes Geschäft, aber im Herbst 2013 waren die Kinder wieder ausgezogen. Geblieben ist die Wohnung, als eine Art Daueraltlast – wie vieles unter dem Dach von Vereinsheim und Halle. Da sind die drei Heizungen, befeuert mit Öl und mit Gas und in Zeiten des Klimawandels teure Auslaufmodelle. Zwischen 5000 und 7000 Euro kosten sie den Sportverein jedes Jahr, der Anteil der Schützen nicht mitgerechnet.

Da ist das mit Asbest verseuchte Dach, das zwar noch dichthält, aber nicht saniert werden kann und ein Fall für Giftmüllexperten ist. Da ist die rundum ungedämmte Gebäudehülle, energetisch auf dem Stand der siebziger Jahre. Da sind die zum Teil kaputten Fenster und – noch problematischer – die maroden Toiletten, „die nicht mehr tragbar sind, wenn Fremde kommen“, wie nicht nur Altbürgermeister Müller naserümpfend sagt.

Untragbar also die Zustände am einstigen Aushängeschild des Ortes, das ein wenig Frische gut brauchen könnte, wie sich der Vorstand des Sportvereins vor einem Jahr dachte. Er reichte einen Antrag im Gemeinderat ein, mit der Bitte, den Verein bei der Beseitigung der schlimmsten Mängel finanziell zu unterstützen. Doch dann geschah etwas Merkwürdiges: nichts. Bürgermeisterin Doris Paul behandelte den Antrag zuerst gar nicht, danach in nichtöffentlicher Sitzung. Ein Ergebnis gab es nicht. Der Vorsitzende Norbert Kahl richtet sich mit einem Brief direkt an die Gemeinde. Er schreibt von „Demotivierung“ der Mitglieder und ist zu dieser Zeit, Ende vergangenen Jahres, selbst so frustriert, dass er auf der Jahresversammlung im Januar 2015 für kein Amt mehr kandidiert.

Die Vorstandsmitglieder Jochen Freithaler und Carolin Trautmann machen sich daraufhin im Ort auf die Suche nach einer Nachfolgelösung – und werden auswärts fündig. Für viele überraschend stellt sich Brigitte Endres-Paul als Vorsitzende zur Wahl. Sie ist die Frau des einstigen Vorsitzenden Manfred Paul, lebt in Kitzingen und arbeitet als Ärztin. Den Mitgliedern gegenüber erklärt sie: „Es täte mir in der Seele leid, wenn es (mit dem Sportverein) nicht weiterginge.“ Die Mitglieder wählen sie einstimmig zur Vorsitzenden, Stellvertreterin wird Bürgermeisterin Paul.

Was treibt Endres-Paul an, diesen Posten zu übernehmen? Was gedenkt sie, in Sachen Vereinsheim weiter zu unternehmen? Und wie will sie die Position des Klubs gegenüber der Gemeinde durchsetzen? All das hätte man die SPD-Frontfrau im Kitzinger Stadtrat gerne gefragt. Doch sie verweigert jegliche Auskunft. Wir verweisen auf das hohe Allgemeininteresse an dem Thema, sie reagiert unwirsch. „Sie können mich nicht austricksen.“

Die Vorsitzende beruft sich auf einen „Vorstandsbeschluss, nichts an die Öffentlichkeit dringen zu lassen“. Aber ein anderes Mitglied des Vorstands weiß nichts von einem solchen Beschluss. Es ist nicht die einzige Ungereimtheit in diesem Fall. Je mehr Leute man fragt, um so grotesker erscheint die Situation. Mauern des Schweigens werden hochgezogen. Zu dünn sind die Wände des Sportheims, um die Wärme zu halten, aber dick genug offenbar, um alle Worte, die dort gesprochen werden, zurückzuhalten.

Wir rufen Wilfried Klein an. Samstagnachmittag, die Mailbox seines Handys springt an. Keine zwei Stunden später ruft er zurück, in der Halbzeitpause eines Fußballspiels, Klein ist als Schiedsrichter unterwegs. Er habe nicht viel Zeit, lässt er wissen, aber er könne sowieso nichts sagen, er sei „nur für die Fußballer zuständig“. Aber sind die Fußballer nicht Teil des Vereins? „Rufen Sie die Vorsitzende an!“

Weil die Vorsitzende nicht spricht, wenden wir uns an die Bürgermeisterin, die seit Januar auch stellvertretende Vorsitzende des SV Wiesenbronn ist. Ein Interessenskonflikt? Unsere erste Anfrage bestätigt diesen Verdacht. Doris Paul schreibt: „Wenn Ergebnisse zu verzeichnen sind, wird die Öffentlichkeit informiert.“ Das klingt wie ein Bulletin des Vereins: bloß nicht zu viel sagen. Wir versuchen es erneut. Zehn Fragen haben wir ihr per Mail geschickt. Sie antwortet zwei Tage später, leicht genervt: Man stehe „am Anfang der Planungen“, und sie könne nicht viel sagen. Der Gemeinderat sei sich „einig mit der neuen Vorstandschaft, den Umbau zu bewerkstelligen. Das wird jetzt angegangen.“

Konkrete Antworten bleibt Doris Paul auch in dieser Antwortmail schuldig. Warum zieht sich die Sanierung in die Länge, wo doch bereits im November 2013 der Architekt Heiner Roth dem Gemeinderat die baulichen Mängel präsentiert hat? Hat die Summe von 990 000 Euro allein für die energetische Sanierung des Baus Räte und Bürgermeisterin erst einmal in Lethargie erstarren lassen?

Als der Verein im Sommer 2014 die gröbsten Mängel beseitigen will, argumentiert die Bürgermeisterin in der nichtöffentlichen Ratssitzung, dafür brauche es einen genehmigungsfähigen Plan. „Völlig unlogisch“, meint ein Gemeinderat, „bei der Gestaltung des Seegartens hatten wir ja auch kein fertiges Konzept.“ Seltsam ambitionslos sei die Bürgermeisterin in dieser Sache geblieben. „Sie hat immer gebremst. Warum, weiß keiner.“

Der Verein erfährt über die Vorgänge in der Sitzung offiziell nichts. Ein Mitglied aus dem ehemals engsten Führungszirkel sagt: „Mir ist nie ein Ergebnis bekannt geworden. Man hat uns dumm sterben lassen.“ Wir möchten von der Bürgermeisterin wissen, weshalb über den Antrag des Sportvereins in nichtöffentlicher Sitzung beraten wurde – und werden in einer weiteren Mail deutlich: Für den Fall, dass uns erneut Informationen vorenthalten werden, kündigen wir mit Verweis auf die Auskunftspflicht von Behörden und Kommunen Klage beim Verwaltungsgericht an.

Noch am selben Tag erreicht uns eine Antwort: Doris Paul erklärt sich zu einem Gespräch bereit. Den Text unserer Mail trägt sie wenige Tage später dem Gemeinderat vor, erneut in nichtöffentlicher Sitzung. Viele schweigen. Mancher wundert sich über unsere Informationsquellen. Keiner weist die Bürgermeisterin darauf hin, dass sie nach der Gemeindeordnung verpflichtet ist, über Zuschussanträge eines Vereins öffentlich zu verhandeln.

Meisterin der sedierenden Politik

Doris Paul empfängt im Bürgermeisterzimmer des Rathauses. Blickt sie durch drei kleine Sprossenfenster nach draußen, kriegt sie einiges mit, was sich im Dorf bewegt. Es sind ihre Schaufenster zur Außenwelt. Doch wer einen Blick hinein werfen will, tut sich schwer. Man kann nicht behaupten, dass Doris Paul nicht bürgernah sei – im Gegenteil. Aber hinter der oft so freundlichen Fassade verbirgt sich eine Lehrmeisterin der sedierenden Politik: ermüden, einlullen, dem Gegner die Kraft rauben, indem man ihm alle Angriffspunkte nimmt. Keine Konflikte. Sie liebt verschachtelte Argumentationen, in denen sich asymmetrische Wahrheiten verhaken, die am Ende niemand mehr entwirren kann, nicht einmal sie selbst. Das ist ein Nachteil, den sie für einen Vorteil hält.

Sie habe dem Sportverein doch angeboten, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und über die Sanierung zu beraten. Doch passiert sei nichts. Kein konkreter Antrag, obwohl der Vorstand ja gewusst habe, dass die Gemeinde dem Verein seit 2010 jährlich 20 000 Euro zur Verfügung stelle. „Das Geld hätte man nur abrufen müssen.“ Der Vorstand müsse sich jetzt erklären, in welche Richtung er gehen wolle, und konkrete Zahlen auf den Tisch bringen.

Aber ist die Richtung nicht längst klar? Sind die Zahlen nicht längst bekannt, seitdem der Architekt von fast einer Million Euro sprach? Eine Summe, die Paul dem Bayerischen Landes-Sportverband in München übermittelte. „Da hat die Dame am Telefon gesagt: Warum baut ihr nicht gleich neu?“ Nein, das könne sie den Wiesenbronnern nicht zumuten, sagt die Bürgermeisterin. „Da gäbe es doch einen Aufschrei im Dorf, wenn wir das Sportheim abreißen.“

Den Aufschrei wird es demnächst auch so geben. Wenn sich nichts tut in Sachen Sanierung. Wenn die Toiletten weiter vor sich hinrotten. Wenn die Heizkosten ins Unermessliche steigen. Doris Paul weiß, dass sie den Verein nicht mehr ewig wird hinhalten können. Aber nicht nur sie fragt sich, wo eigentlich die Million herkommen soll, die eine Sanierung kostet.