Fünfmal ist Dominique Göpfert dieses Jahr in ihre Torwartkluft geschlüpft: schwarze Hose, schwarzes Käppi, graues Shirt, darauf die Werbung eines großen Stromversorgers, eine Art gelber Blitz. Irgendwie passt das. Eine junge Frau, die bis vor kurzem noch so wirkte, als habe einer den Stecker bei ihr rausgezogen, saft- und kraftlos – und die nun wieder voller Energie steckt, elektrisiert ist und unter Hochspannung steht. Vier Tore hat sie gefangen in fünf Einsätzen für den TSV Frickenhausen, etliche Bälle abgewehrt – aber was sagt das schon über ihre wahre Leistung, was erzählt das schon groß über ein Comeback in aller Stille nach eindreiviertel Jahren Pause?

Am Nachmittag des 28. September 2013 hatte Dominique Göpfert noch das Tor der Dettelbacher Fußballerinnen bewacht. Ihr Team in Aufbruchstimmung nach dem Aufstieg in die Landesliga, sie selbst schon damals in einen Kampf mit sich selbst geraten. Bei einer 2:0-Führung geht das Spiel gegen Leerstetten noch 2:3 verloren. Für Dominique, genannt Nicki, ist es der vorerst letzte Einsatz, ein bitterer Abschied, es geht nicht mehr. „Meine Welt ist das Tor. Ich habe keine Angst vor dem Ball“, sagt sie. Aber ihre Welt ist aus den Fugen geraten, und sie hat Angst vor dem, was kommt. Sie weiß, was zu tun ist, wenn die gegnerische Stürmerin direkt auf sie zusteuert, sie weiß, wie sie reagieren muss, wenn es kritisch wird im Strafraum. Mit ihren Reflexen beeindruckt sie Freund und Feind.

Übles Spiel im Verborgenen

Aber die Situation, mit der sie es im Herbst 2013 zu tun hat, ist anders. Sie ist neu, weil sich der Gegner nicht zeigt, sondern sein übles Spielchen im Verborgenen treibt. Ein Infekt, ein Virus, was immer es auch ist, das sie in den nächsten Wochen und Monaten aus der Bahn wirft – Dominique Göpfert hat es mit einem Feind zu tun, von dem sie nicht weiß, wie und wo er angreift. Aber wie soll sie sich dann gegen ihn wehren?

Auch die Ärzte sind anfangs ratlos. Was sie sicher wissen: Fußball spielen ist unter diesen Umständen nicht möglich. Je länger die Auszeit dauert, um so mehr wachsen die Zweifel. Das ganze Jahr 2014 über ist Dominique Göpfert nur stille Teilhaberin am Dettelbacher Landesliga-Projekt, das später so jäh in sich zusammenstürzen wird. Erst zum Jahresende zeichnet sich ein Hoffnungsschimmer ab.

Der 28-Jährigen geht es nach einigen Therapien besser, sie fühlt sich fit genug für einen Neuanfang, will aber nichts überstürzen. Kurz überlegt sie, als Feldspielerin in der Frickenhäuser Bezirksligamannschaft einzusteigen. Ein verrückter Gedanke, den sie rasch wieder verwirft. „Ich bin Torhüterin durch und durch.“ Nur „zum Spaß“ wolle sie noch spielen.

Aber geht das überhaupt bei einer, die vom Ehrgeiz gepackt wird, sobald sie den Fußballplatz betritt? Die wie ihr Vorbild Oliver Kahn nicht zufrieden ist mit hundert Prozent, sondern bestenfalls mit hundertzwanzig Prozent? Die immer gewinnen will, wenn sie im Tor steht, und die selbst ihre schärfste Kritikerin ist? „Weiter, immer weiter“, ist so ein Spruch, der Kahn bis ans Ende seiner Tage verfolgen wird. Vielleicht hat er Dominique Göpfert über die schwere Zeit der letzten Monate getragen. Nie aufgeben, nie verzagen, keine Zweifel zulassen – das ist die Botschaft hinter Kahns Worten.

Als Frickenhausen im Januar 2015 zur Hallenbezirksmeisterschaft fährt, ist Dominique Göpfert erste Wahl für Trainer Gernot Haubenthal. Die bisherige Torhüterin Anja Schreck ist zu einem Auslandsaufenthalt aufgebrochen und steht für die nächsten Monate nicht zur Verfügung – also fragt Haubenthal, ob sich Göpfert die Aufgabe zutraue. Sie sagt zu. Was soll ihr schon groß passieren? Geht die Sache gut, weiß sie, dass sie bereit ist für den nächsten Schritt. Geht es schief, würde sie eben noch eine Weile um den Anschluss kämpfen müssen. Es geht gut, und Haubenthal weiß nun, dass er auf Göpfert zählen kann. Was er an ihr hat, weiß er schon, seitdem beide beim ETSV Würzburg wirkten, eine der vielen Stationen der Dominique Göpfert.

Als es im März wieder ernst wird in der Landesliga, sind Haubenthal und Göpfert entschlossen, einen weiteren Versuchsballon steigen zu lassen. Der Trainer macht die Torhüterin zu seiner Nummer 1 – und die Rückkehrerin rechtfertigt das Vertrauen. Sie ist stark auf der Linie, sie bringt Ruhe ins Spiel, sie harmoniert mit der Abwehr. „Ich habe gespürt, dass es mir gut tut, wieder Fußball zu spielen“, sagt Dominique Göpfert. Die Kolleginnen in Frickenhausen stehen Pate bei ihrem Comeback, erleichtern ihr den Wiedereinstieg.

Und der Erfolg der ersten Wochen lässt Zweifel an der eigenen Leistung schwinden. Sie ist nun Torhüterin eines Aufstiegs- und Meisterschaftsanwärters. Wenn das Spiel an diesem Samstag beim Tabellenführer SV Leerstetten gewonnen wird, übernimmt Frickenhausen nach grandioser Aufholjagd die Spitze. „Natürlich steigt die Anspannung von Woche zu Woche“, sagt Göpfert, „aber das legt sich fünf Minuten nach dem Anpfiff wieder.“

Vielleicht ist sie da routinierter als andere. Mit vier fing sie beim SV Heidingsfeld an, Fußball zu spielen – zusammen mit den Jungs. Mit vierzehn wechselte sie ins Tor, machte schnell Karriere: Berufung in die Bezirksauswahl, danach in die Bayernauswahl, deutsche U18-Meisterin an der Seite Simone Laudehrs, der späteren Weltmeisterin. Der FC Bayern fragte mal an, aber sie spielte lieber für den TSV Uengershausen, den ETSV Würzburg oder den FV Dingolshausen. Ja, München hätte sie gereizt, aber sie steckte gerade mitten in der Ausbildung zum Technischen Fachwirt. Heute arbeitet sie als Anlagentechnikerin, typischer Männerberuf, wie sie sagt, betreut ein automatisches Hochregallager in teils schwindelerregender Höhe. Sie weiß, wie es sich anfühlt, über sich hinauszuwachsen.

Der Trainer als emsiger Treiber

Mit Frickenhausen sprengt sie derzeit die Grenzen der Landesliga. Fünf Siege in Reihe haben die Aufholjagd befeuert, und als emsiger Treiber hat sich nicht zuletzt Gernot Haubenthal erwiesen, Der Trainer hat das Revier klar abgesteckt: solange wie möglich um den Aufstieg spielen. „Er verlangt von uns oft hundertzwanzig Prozent und lässt uns nicht ruhen auf einem gewonnenen Spiel“, sagt Dominique Göpfert. Sie ist glücklich, dieses Tempo wieder mitgehen zu können. Lange genug hat es gedauert, bis der Funke neu entfacht war und das Energiebündel wieder unter alter Spannung stand.

Leerstettens Lebensversicherung im Titelkampf

Die größte Gefahr in Leerstetten geht von Katharina Grießemer aus. So schoss die 28-Jährige nicht nur beide Tore beim 2:2 im Hinspiel in Frickenhausen, sie ist auch sonst meist zur Stelle, wenn nichts mehr zu gehen scheint bei ihrem Team. Vor zwei Wochen lag Leerstetten gegen Frensdorf schon 1:3 zurück, doch in der Schlussphase gelangen Grießemer noch zwei Treffer zum 3:3. Von 2003 bis 2006 bestritt sie für den FC Bayern München und den Hamburger SV 46 Bundesligaspiele. Anschließend spielte sie für den TSV Crailsheim und den SV Weinberg in der zweiten Liga sowie den 1. FC Nürnberg in der Regionalliga Süd.

Dass sich in Leerstetten alles um sie dreht, macht das Spiel ihrer Mannschaft berechenbar. Deshalb wird sich auch Frickenhausens Trainer Gernot Haubenthal zunächst um ihre Bewachung kümmern. Nur ein Sieg nützt den Frickenhäuserinnen im Kampf um die Meisterschaft. Leerstetten führt in der Tabelle mit fünf Punkten, hat aber ein Spiel mehr ausgetragen als Frickenhausen.