Fünf Jahrzehnte Bundesliga – da verfällt manch einer der Nostalgie und kramt die alten Geschichten raus. „Weißt du noch, damals . . .“, hört man immer wieder im Stadion, am Stammtisch in der Kneipe oder beim Fußball-Fernsehabend mit Freunden.

Doch ein Zeitraum kommt bei der ganzen Fußballnostalgie noch viel zu kurz, meint Udo Luy. Der 65-Jährige hat in seiner Kleinrinderfelder Wohnung ein kolossales Fußballarchiv erschaffen und sich dabei auf den Fußball in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg spezialisiert. Auf 18 Quadratmetern archiviert und sammelt er seit 1960 Fußballdaten. Ordner, feinsäuberlich beschriftet, soweit das Auge reicht.

In jungen Jahren habe er sich für den damaligen Oberligafußball interessiert, sagt Luy, den auch der „Fußball-Almanach“ des Fachjournals „kicker“ in Bann gezogen hat. Nach und nach begann er, ein Archiv über den 1. FC Köln aufzubauen, in dem er alle Spiele seit der Gründung 1948 erfasst hat. Wie kommt man als gebürtiger Nürnberger darauf, sich auf die Kölner zu spezialisieren? „1962, das war das erste Fußballendspiel, das ich bewusst miterlebt habe.

Da hat der FC Köln gegen den FCN 4:0 gewonnen. Der Club war chancenlos. Die Spielweise hat mich derart begeistert, dass der Verein seitdem mein Herz hat. Ob er jetzt in der zweiten Klasse oder in der Bundesliga spielt, das ist mir ganz egal“, erklärt der bekennende Geißbock-Fan.

Neugierig wurde er aber, als er herausfand, dass es über den deutschen Vorkriegsfußball keinerlei komplette Publikation gab. „Da habe ich mich vor zehn Jahren mal hingesetzt und angefangen, dazu etwas herauszusuchen.“ Jede freie Minute hat der kaufmännische Angestellte dazu genutzt, in der Würzburger Universität Material in Sport- und Tageszeitungen zu suchen. Das scannte er dann ein, und die Dateien überspielte er auf seinen Computer.

Selbst seine Urlaubszeiten nutzte Luy, um nach Köln, Göttingen oder Leipzig zu reisen und die dortigen Bibliotheken nach brauchbaren Informationen zu durchforsten. „Da habe ich fleißig geschrieben und kopiert.“ So entstand das riesige Archiv, in dem der Sammler inzwischen alle Erstliga-Begegnungen seit der ersten deutschen Meisterschaft 1903 erfasst hat.

Doch nicht nur das: Bei Luy finden sich überdies Statistiken bis zur untersten Klasse eines jeden Verbandes. „Das kriegt man zwar nie komplett zusammen“, gibt Luy zu, „aber ich bin dabei, so gut es geht.“ Welche Motivation steckt dahinter, so konsequent hinter etwas her zu sein? „Dass ich etwas mache, was es noch nicht gibt“, sagt Luy.

Einzigartig dürfte die Zusammenstellung über die Würzburger Vereine sein. „Nachdem ich in die Würzbur-ger Gegend gekommen bin, habe ich bei mir gedacht: Du musst dich auch ein wenig um den Würzburger Fußball kümmern.“ Und so begann Udo Luy, der bis zu seinem 18. Lebensjahr selbst Fußball spielte, den Generalanzeiger zu durchsuchen. Er trug alles zusammen, was dort publiziert worden ist. Er habe auch schon versucht, erzählt Luy, mit den hiesigen Sportvereinen Kontakt aufzubauen, „aber wenn man ihnen schreibt und fragt, ob sie Interesse haben, Daten zu tauschen, kommt in der Regel kaum etwas zurück.“

Luy spezialisierte sich mit der Zeit auf den FV 04 Würzburg – weil es mit Vereinsarchivar Rainer Adam bereits einen Sammler gab, der alles über die Würzburger Kickers zusammengetragen hat. Der FV, so Luy, „hatte so gut wie nichts, weil sie ja auch mal pleite waren.“ So besorgte der seit 1998 in Kleinrinderfeld wohnhafte Archivar den FVlern alle Ergebnisse von 1920 bis 1942, und er überreichte sie dem WFV-Vorsitzenden Georg Rosenthal. Der revanchierte sich und schenkte dem Daten-Liebhaber ein Buch über den fränkischen Fußball. „Der WFV“, sagt Luy enttäuscht, „ist der einzige Verein mit dem ich wirklich Kontakt hatte.“

Die Dokumente sind in der Regel digitaler Art. Luy druckt sie aus, ehe sie ihren Platz in einem seiner vielen Ordner finden. Das Papier könnte ja altern und eines Tages kaputt gehen. Da sollte man vorsorgen. „Außerdem sind Originalzeitungsseiten schlecht zu bekommen und wenn man einen alten Zeitungsband kaufen kann“, so weiß der Experte, „zahlt man um die 2000 Euro.“

Auch deshalb ist es für ihn wichtig, dass die Sammler untereinander Verbindung halten. „Es gibt Privatleute, die ähnliche Hobbys haben, und jeder arbeitet für sich allein“, bedauert Luy, der gern Daten tauschen würde, um die gegenseitigen Archive zu erweitern. Auch wenn diese Arbeit, in die er seit seiner Verrentung acht bis zehn Stunden täglich investiert, sehr mühsam ist, lässt er sich nicht unterkriegen. „Jeder liest gern das Antiquarische. Zusammentragen, das ist das Problem.“