Fußball-Landesliga Nordwest

„Bayern Kitzingen ist ein Markenzeichen“

Als Wolfgang Schneider diesen Sommer seinen Wechsel vom SSV Kitzingen zum Lokalrivalen Bayern verkündete, machte hie und da das Wort des „Überläufers“ die Runde. Es zeigt, wie groß die Rivalität zwischen den Klubs noch immer ist. Im Interview spricht der Trainer auch über Führungsstil und Hackordnungen, Motivation und Autoritäten.
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Die Tradition im Nacken: Wolfgang Schneider. Foto: Foto: Hartmut Hess

Als Wolfgang Schneider diesen Sommer seinen Wechsel vom SSV Kitzingen zum Lokalrivalen Bayern verkündete, machte hie und da das Wort des „Überläufers“ die Runde. Es zeigt, wie groß die Rivalität zwischen den Klubs noch immer ist. Aber der Vorwurf an den Trainer zielte ins Leere. Denn die Entscheidung, nach dreieinhalb Jahren als Trainer der ersten Mannschaft die Fronten zu wechseln, war für ihn keine Frage von Gewissen oder Ehre, sondern sportlichen Erwägungen geschuldet.

Den SSV hat er vergangenes Jahr in die Kreisliga geführt, mit den Bayern spielt er Landesliga – mit der Perspektive auf die Bayernliga. Überhaupt kamen solche Stimmen nicht aus dem Führungszirkel des SSV, sondern großteils aus dem Lager, das sich hartnäckig Gesprächen über eine Annäherung der beiden Vereine verweigert. Was hält der Mann, der sich am Telefon mit „Wolfgang“ meldet, von Hierarchien? Wie denkt der 51-Jährige über die vielfach als verweichlicht dargestellte heutige Fußballer-Generation? Welchen Stil pflegt der diplomierte Pädagoge im Umgang mit seiner Mannschaft? Und: Wie reagierte man beim SSV auf seinen Wechsel zu den Bayern?

Frage: Mal angenommen, Sie müssten Ihrer Mannschaft nach gut hundert Tagen ein Zeugnis ausstellen – was stünde da drin?

Wolfgang Schneider: Ich müsste ihr bescheinigen, dass sie sehr engagiert mitarbeitet, dass sie sich schon in vielen Belangen verbessert hat und dass ich mich freue, wie sie sich entwickelt.

Welche Note?

Schneider: Eine Zwei.

Und wo bedarf es derzeit noch der Nachhilfe?

Schneider: Wir spielen auf Landesliga-Niveau. Da gibt es überall etwas zu verbessern. Im Moment machen wir uns das Leben dadurch schwer, dass wir unsere guten Chancen vor dem Tor nicht erfolgreich zum Abschluss bringen.

Sie sind ausgebildeter Pädagoge. Spüren Sie gewisse Vorteile in der Führung einer Mannschaft?

Schneider: Man muss kein Pädagoge sein, um sich angemessen zu verhalten. Vieles hängt auch davon ab, wie die Vereinsführung tickt, wie sich Spieler führen lassen. Da stößt man immer wieder an seine Grenzen. Im Moment ist es in Kitzingen wunderbar. Wenn man Erfolg hat, fällt die Arbeit natürlich leichter. Wie erfolgreich man wirklich ist, zeigt sich erst, wenn man man durch schwierigere Zeiten geht.

Was verbindet den Lehrer und den Trainer?

Schneider: Man hat mit Menschen zu tun. Aber indem man jeden gleich anpackt, behandelt man alle unterschiedlich – weil alle unterschiedlich sind. Im Sport gibt es natürlich Grenzen, in denen sich alle bewegen müssen. Da ist es gut, wenn man schon Erfahrung im Beruf gesammelt hat. Es gibt in der Branche aber auch jede Menge Trainer, die diese Gabe von Natur aus besitzen.

Es wird derzeit viel über Hierarchien geredet – auch in der Nationalelf. Braucht es diese Rangordnung?

Schneider: Sie schadet nicht. In Kitzingen ergibt sich die Hierarchie zum Teil aus der Erfahrung, die ein Stefan Güntner mitbringt oder die ein Malte Schulze-Happe mitbringt, der im Tor einfach eine natürliche Ausstrahlung hat.

Hat man als Trainer die Möglichkeit, in diesen Prozess einzugreifen, ihn gar zu steuern?

Schneider: Es ist ein langer Prozess, der in vielen Trainingseinheiten geübt werden muss. Da müssen Schlagwörter geprägt werden, um klare Anweisungen zu geben. Manche Spieler sind es nicht gewohnt, laut zu agieren. Da kann man nicht einfach den Schalter umlegen. Insofern ist das ein Prozess, den man sicherlich fördern, aber nicht von oben herab anordnen kann.

Braucht es heute überhaupt noch Führungsspieler?

Schneider: Das hängt ganz von der Mannschaft ab. Manche brauchen sie nicht.

Wie ist Ihr Verständnis von Führung im Alltag? Welchen Stil bevorzugen Sie als Trainer?

Schneider: Wir sind ja ein Trainergespann, Thorsten Götzelmann und ich. Ich denke, wir versuchen durch unser Wissen fachliche Autorität auszustrahlen. Die natürliche Autorität müssen wir selber vorleben. Aus der Mischung aus beiden ergibt sich der Stellenwert, den wir bei den Spielern haben. Man kann viel blenden, aber unterm Strich geht es darum, Kompetenz und Autorität bestmöglich zu verbinden.

Eine Mannschaft würde es schnell merken, wenn ein Trainer fachliche Schwächen hat?

Schneider: Da bin ich mir ziemlich sicher. Es gibt freilich auch schlechte Trainer, die Erfolg haben, und umgekehrt super Trainer, die wenig Erfolg haben.

Was ist mit autoritären Trainern? Sind die noch zeitgemäß?

Schneider: Ich kann mit diesem Stil nichts anfangen. Einer, der nur einschlägt, wäre an mich als Spieler damals nicht herangekommen. Deswegen schließe ich das für meine Arbeit als Trainer aus.

Wie erreicht man vor allem die jungen Spieler?

Schneider: Wir haben mit der Landesliga ein Niveau, bei dem man von einer natürlichen Motivation ausgehen kann. Die Qualität des Fußballs macht die Sache um einiges leichter. Ein zweiter Punkt ist: Man muss auf der Stufe, auf der man trainiert, Fortschritte bei sich spüren. Wenn einer merkt, er verbessert sich, und das spiegelt sich auch noch im Mannschaftsergebnis, dann hat man vieles richtig gemacht.

Etliche Ihrer Trainerkollegen klagen, sie könnten mit der Einstellung der heutigen Generation nichts mehr anfangen. Geht es Ihnen ähnlich?

Schneider: Ich hatte das Glück, dass es beim SSV und jetzt bei Bayern im-mer nur Einzelfälle waren. Die grobe Richtung passte – und die hieß: Wir wollen mannschaftlich Erfolg haben und sind bereit, dem vieles unterzuordnen. Aber sicherlich ist das vielerorts ein Problem, das nicht wegzudiskutieren ist.

Sie sind als Trainer ja auch Psychologe: Was sagen Sie Ihren Spielern, wenn die zur Pause 4:0 führen?

Schneider: Ich kann mich nicht erinnern, wann das zuletzt der Fall war. Aber ich weiß, worauf Sie anspielen. Es wird dieser Nationalelf nicht mehr passieren, dass sie wie gegen Schweden so einen Vorsprung verspielt. Ich sehe das als einen der ganz wenigen Aspekte, in denen sie sich noch verbessern kann: Sie muss ihre Qualität einfach in jeder Sekunde eines Spiels abrufen.

Hat man als Trainer in dieser Situation noch eine Chance, entscheidend einzugreifen?

Schneider: Wenn überhaupt, muss man taktisch alles über den Haufen werfen.

Wie gehen Sie in der Halbzeit vor: Gibt es feste Verhaltensmuster? Oder sind Sie der Spontane?

Schneider: In meiner Zeit als Juniorentrainer bin ich während der Halbzeit einmal gar nicht in die Kabine. Man muss sehen, ob die Mannschaft selbst mit der Situation klarkommt. Manchmal ist in einer Minute alles gesagt. Auf jeden Fall sollte man die erste Hälfte immer nur kurz analysieren, Änderungen ansprechen und sehen, dass die Jungs wach sind für die zweite Hälfte.

Wenn man Ihre Laufbahn als Trainer so sieht, ging es immer ein Stück weit nach oben. War das glückliche Fügung, war es harte Arbeit?

Schneider: Von harter Arbeit kann man da schlecht reden. Ich war ja zuerst beim SV Stadtschwarzach, hatte dort ein Jahr, in dem wir sehr erfolgreich waren und Bezirksliga spielten. Aber zu viele Spieler hatten ihren Zenit schon überschritten, waren nicht mehr heiß. Später übernahm ich die U19-Junioren des SSV Kitzingen, danach die erste Mannschaft. In dieser Zeit wurden andere Klubs auf einen aufmerksam.

Sie gingen dann direkt vom SSV zu den Bayern. War das in irgendeiner Form ein Problem?

Schneider: Sicherlich hätten sich einige beim SSV nicht gewünscht, dass ich ausgerechnet zu den Bayern gehe. Aber von den SSV-Verantwortlichen gab es da überhaupt keine Probleme. Es war ja so, dass wir – inklusive meiner Zeit als A-Juniorentrainer – sechs Jahre voneinander profitiert haben. So sehe ich es jedenfalls. Und ich habe auch schon frühzeitig gesagt: Das könnte meine letzte Saison beim SSV sein.

Wie groß ist die Rivalität noch zwischen den beiden Klubs?

Schneider: Da kann ich eine Anekdote erzählen. Vor Monaten – ich war noch Trainer beim SSV – hielt ich gemeinsam mit Stefan Schöderlein eine Jugend-Fortbildung bei den Bayern. Da saßen am Ende 15, 16 Spieler der U9 und der U11 – und Stefan sagte: „Wenn ihr am Ball bleibt, habt ihr in ein paar Jahren die Möglichkeit, hier unter Wolfgang Schneider zu trainieren. Der ist nämlich bald Trainer der ersten Mannschaft.“ Da sagte einer: „Ich werde nie Bayern verlassen, und ich gehe auch nie zu den Siedlern.“ Die Jungen wissen das ja noch nicht, also kriegen sie es eingetrichtert, vom Vater, von der Mutter, vom Opa. Die Rivalität ist da, für den Außenstehenden völlig unnötig, weil beide Klubs sich eher befruchten als bekämpfen sollten, wenn sie mal in die Zukunft blicken.

Spürt man denn bei den Bayern noch die Tradition?

Schneider: Oh ja, und das nicht nur an den alten Bildern, die in der Gaststätte hängen. Die Verwurzelung mit dem Verein ist bei vielen sehr stark. Gerhard Sauer etwa (der dritte Vorsitzende) ist – auch durch seine eigene Geschichte – bereit, dem Verein, dem er in seiner Jugend viel zu verdanken hatte, etwas zurückzugeben. Und so geht es einigen. Der Name Bayern ist auch ein Stück Markenzeichen von Kitzingen.

So betrachtet, wäre es für viele sicher ein Traum, mit Bayern Kitzingen noch einmal aufzusteigen?

Schneider: Ja, natürlich. Die Mannschaft ist jung, sie ist entwicklungsfähig, das Vertrauen der Führung ist da. Es ist logisch, dass das jetzt thematisiert wird. Aber damit dürfen wir uns noch nicht beschäftigen. Dafür ist es zu früh.

Gibt es für Sie ein Leben jenseits des Fußballs?

Schneider: Ja, das hatte ich ja schon mal. Aber wenn etwas Freude macht und funktioniert, wieso soll man aufhören.

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