Als Wolfgang Amrehn sich am Nachmittag des 13. April mit seiner Frau auf den Weg zum Sportplatz macht, scheint die Sonne von einem weiß-blauen Himmel, und der Mann genießt seine Freiheit. In knapp drei Monaten wird er beim SV Tückelhausen als Trainer anfangen, aber heute will er sich das Spiel des SV Erlach gegen Mainsondheim ansehen.

Erlach ist Amrehn immer noch verbunden, seitdem er die Mannschaft vergangenen Sommer nach drei Jahren verlassen hat. Er hofft auf eine unterhaltsame Partie und auf einen Sieg der Erlacher. Aber dann entwickeln sich die Dinge ein wenig anders als erwartet, auch für Amrehn selbst. Am Ende des Tages geht er mit der Gewissheit nach Hause, dass er in den nächsten sechs Wochen hier wieder als Trainer stehen wird.

Was ist geschehen in diesen knapp zwei Stunden zwischen Anpfiff und Abpfiff? Was hat sich angestaut in der Zeit davor, dass Dämme brechen, die selbst von Fachleuten als relativ stabil beurteilt wurden? „Es gab vorher keine Diskussionen über einen Trainerwechsel“, sagt der Erlacher Klubchef Hans Otto Mayer. Ein einziges Spiel, neunzig Minuten also sollen genügt haben, um eine Dynamik in Gang zu bringen, von der es nicht die leisesten Anzeichen gab?

Als der Abpfiff ertönt und Erlachs 1:2-Niederlage feststeht, macht sich in der Kulisse am Vereinsheim eine seltsame Stimmung breit. Nur noch zwei Punkte Vorsprung hat die Mannschaft vor dem Relegationsplatz. Ein Meinungsbild entsteht, an dem jeder Umstehende ein bisschen mitpinselt.

Stimmung fast panisch

Mayer sieht sich im Fokus der Debatten. In mehr als drei Jahrzehnten als Vorsitzender hat er schon so manche Krise gemeistert, aber das, was in den kommenden Stunden passieren wird, hat auch er noch nicht erlebt. Er ist zu dieser Zeit – kurz nach Ende des Spiels – davon überzeugt, dass es kein großes Aufhebens geben werde. Es ist keine krachende Niederlage gewesen. Und Mayer sagt: „Wir haben nie daran gedacht, dass wir den Trainer entlassen.“

Zwei Tage vorher aber hat die Mannschaft schon ein Spiel verloren bei einem Kontrahenten im Abstiegskampf: 2:3 in Sickershausen. Vielleicht ist es der Gedanke: Es muss etwas geschehen. Die Zuschauer sind aufgewühlt. „Es war fast, als machte sich Panik breit“, so Mayer. In dieser Atmosphäre trifft Trainer Klaus Hofmann (53) einen Entschluss: Er wird einer Rettung nicht im Wege stehen. „Er meinte: Wenn es der Mannschaft hilft, neuen Schwung zu bekommen, um nicht weiter in den Keller zu geraten, ist ein Trainerwechsel die beste Lösung“, sagt Mayer. Hofmann ist also bereit, auf sein Amt zu verzichten, das er zum Saisonende ohnehin aufgeben würde.

Aber hilft es der Mannschaft? Was würden die Spieler zu all dem sagen? Im Erlacher Sportheim trifft sich ein Krisenstab, zu dem später auch Amrehn hinzugerufen wird. „Er war mit seiner Frau noch im Sportheim“, sagt Mayer, „hat sein Bier getrunken und seine Bratwurst gegessen.“ Und sieht sich auf einmal als Kandidat wieder, weil er die Mannschaft kennt und als Alternative in Frage käme, sollten der Verein und Hofmann sich nach zehn Monaten trennen. Die folgenden Gespräche schildert Mayer als „sachlich und offen“; unter den Spielern gibt es kein einheitliches Meinungsbild. Der Klub reagiert dennoch – und nimmt Hofmanns Angebot an. Nun ist Amrehn am Zug.

Raketenstart des Neuen

Der 46-Jährige muss noch mit den Tückelhäusern sprechen, die er kommende Saison übernehmen wird. Sie haben nichts einzuwenden gegen seinen Kurzeinsatz in Erlach. Zwei Tage nach der verhängnisvollen Niederlage gegen Mainsondheim ist Amrehn zurück an alter Wirkungsstätte. Achtzehn Mann sind ins Training gekommen. Ist das nur dem Neuen geschuldet? Hans Otto Mayer hat noch seine Zweifel.

Fünf Tage später geht es nach Willanzheim, zu einem der Aufstiegsanwärter der Klasse. Erlach ist krasser Außenseiter, aber davon ist an diesem Sonntag nichts zu spüren. Mayer hat eigentlich gar keine Zeit, doch die Sache in Willanzheim interessiert ihn. Als er Erlach spielen sieht, traut er seinen Augen nicht. „Unsere Spieler gehen los wie eine Rakete, sie kämpfen, sind eine Einheit – Gloria, Viktoria“, erzählt er begeistert. Und wie manch anderen umtreibt ihn die eine Frage: Warum?

Warum erst jetzt, warum erst nach dem Weggang des Trainers? Er findet keine Antworten, allenfalls Erklärungen. Mayer fragt sich, ob der kürzlich bekannt gewordene Abschied dreier Leistungsträger – Tobias Rebhan, Nils Kemmer, Philipp Hemmerich – nach Sulzfeld vielleicht Unruhe ausgelöst habe. „Wenn du verlierst, sorgt so etwas immer für Stimmung.“

Entscheidend wird sein, wie die Mannschaft sich am Sonntag im Rückspiel gegen Sickershausen präsentiert. Mit einem Sieg ist sie fast auf der sicheren Seite. Dann müssen sich Mayer und der für die neue Saison verpflichtete Trainer Sven Fischer überlegen, wie es weitergeht. „Es wird Verstärkungen geben“, kündigt Mayer schon einmal an. „Ich sehe nicht so schwarz wie manch anderer.“ Wenn es schiefgeht, wird Amrehn nicht so schnell als Retter parat stehen.