Obernbreit

Spielerische Erinnerung

Obernbreits Alt-Bürgermeister Friedrich Heidecker lädt alle Frauen zu einem Schafkopf-Abend ein.
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Friedrich Heidecker freut sich auf den 9. September. Dann findet ab 18 Uhr das erste Frauen-Schafkopfturnier in der ehemaligen Synagoge in Obernbreit statt.
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Schafkopf spielen in einer ehemaligen Synagoge? Für Friedrich Heidecker ist das kein Widerspruch. „Natürlich ist das hier ein Ort der Erinnerung“, sagt er und blickt sich um. „Aber wer sagt denn, dass Erinnerung immer mit Ruhe und innerer Einkehr verbunden sein muss.“

Friedrich Heidecker ist so etwas wie der Vater der ehemaligen Synagoge in Obernbreit. Zusammen mit dem damaligen Ortspfarrer Helmut Walz hat er dafür gesorgt, dass das heruntergekommene Gebäude in der Ortsmitte restauriert wird, dass ein Zugang zur Mikwe, dem rituellen Tauchbad der Juden, im Erdreich gegraben wird. 45 Stufen geht es hinunter. Fast zehn Meter unter dem Boden sammelt sich dort das Grundwasser in einer mit Steinen umfassten Grube.

Die Umgestaltung der ehemaligen Synagoge in Obernbreit wurde vor fünf Jahren abgeschlossen. Längst ist der Ort der Erinnerung und des Gedenkens ein Teil des Dorflebens. Immer wieder organisiert Heidecker mit einem Teil der insgesamt rund 100 Vereinsmitglieder wechselnde Ausstellungen. Die neueste dreht sich um Frauen, die sich auf sehr unterschiedliche Art und Weise um die Frauenrechte in Deutschland verdient gemacht haben. Um Frauen, die ihr Engagement und ihr Aufbegehren nicht selten büßen mussten. Frauen wie Olga Benario, die im Konzentrationslager vergast wurde.

Eine Anregung für die Ausstellung fand Heidecker in der Zeitung. Dort wurde über Martina Huber und Inge Benninger berichtet, die alljährlich ein Frauen-Schafkopfturnier in Landshut ausrichten. Kurzerhand haben sie die herkömmlichen Schafkopfkarten neu gestaltet und ihr Blatt mit Frauenköpfen dekoriert. Den Eichel-Ober ziert beispielsweise ein Konterfei der Volksschauspielerin Liesl Karlstadt, auf dem Herz-Ober ist die Politikerin und Friedensaktivistin Clara Zetkin zu sehen und den Schell-Ober ziert ein Bild von Sofie Scholl.

„Fast alle Frauen haben einen jüdischen Hintergrund“, sagt Friedrich Heidecker, der sich mit der Biografie der 16 Damen intensiv beschäftigt hat. Zu jeder hat er einen möglichst authentischen Text geschrieben und versucht, das Leben der beschriebenen Frau in einen historischen Zusammenhang zu stellen. Mitunter hat er auch Original-Texte der Frauen dazugestellt, beispielsweise ein satirisches Gedicht der Schriftstellerin Emerenz Meier, das sie Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben hat:

„Wenn sich ein Weib aus der Herde hebt. Und nicht nach der alten Schablone lebt. Dann soll's von der Menge gesteinigt werden. Wie es Gesetz ist und Brauch auf Erden.“(1. Strophe)

Mit Olga Benario wird in der Ausstellung auch eine Frau gewürdigt, die einen Bezug zu Obernbreit aufweist. „Ihre Großeltern haben hier gelebt“, berichtet Heidecker. Olga Benario, die 1908 geboren wurde, hat ein sehr bewegtes und sehr kurzes Leben geführt. Sie lehnte die bürgerliche Gesellschaft in Deutschland ab, beteiligte sich an einer Häftlingsbefreiung in Berlin, wurde wegen Landesverrats angeklagt und floh in die Sowjetunion. Dort erhielt sie eine militärische Ausbildung und den Auftrag, nach Brasilien zu fahren, um die dortige Regierung zu stürzen. Der Umsturzversuch scheitert, Olga Benario wird 1936 hochschwanger verhaftet und nach Deutschland ausgeliefert. Ihr Kind bringt sie im Frauengefängnis zur Welt, darf es 13 Monate behalten. Dann wird sie in der Gaskammer ermordet.

Die Bilder der Frauen und die kurzen, beschreibenden Texte, sind im Hauptraum der ehemaligen Synagoge ausgestellt. Dort wird am Sonntag, 9. September, ab 18 Uhr, das erste Frauen-Schafkopfturnier in der Geschichte des Ortes über die Bühne gehen. Vier Frauen haben sich bereits angemeldet, Friedrich Heidecker ist guter Dinge, dass sich weitere Spielerinnengruppen anmelden unter Email info@synagoge-obernbreit.de. Wer will, kann auch spontan, am gleichen Abend kommen.

Dass sich die ehemalige Synagoge für ein Frauen-Schafkopfturnier eignet, steht für den ehemaligen Bürgermeister außer Frage. „Auf diese Art und Weise kann der Zugang zur Geschichte spielerisch gelingen“, sagt er.

Termin: Sonntag, 9, September. Ort: ehemalige Synagoge Obernbreit,

an der Synagoge 1. Die Ausstellung ist von 11 bis 17 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei. Der Frauenschafkopf beginnt ab 18 Uhr. Partien können spontan vor Ort gebildet werden. Spielerinnengruppen werden gebeten, sich per E-Mail anzumelden unter info@synagoge-obernbreit.de

Synagoge Obernbreit

Geschichte: 1748 baute die jüdische Kultusgemeinde eine Synagoge und nutzte sie bis zur Auflösung der Gemeinde im Jahre 1911. Im Jahr darauf wurde das Gebäude verkauft und wechselte im Lauf von 100 Jahren sechs mal den Eigentümer. Es wurde als Scheune, Reparaturwerkstatt und Lagerraum genutzt. Jeder Nutzer baute es nach seinen Bedürfnissen um, beseitigte Teile und baute neue ein. Eine große Öffnung wurde in die südliche Fassade gebrochen, um die Einfahrt landwirtschaftlicher Großgeräte zu ermöglichen, der Kellerhals über dem Eingang zur Mikwe wurde zugeschüttet, um Raum zu gewinnen und der Boden erhielt einen dicken, teils armierten Betonbelag. Am Gebäude erinnert fast nichts mehr an eine Synagoge.

Kontakt: Wer Informationen über die Synagoge haben will oder sie besichtigen möchte, der wendet sich an: Friedrich Heidecker; Tel.: 09332/9469 oder

E-Mail:visit@synagoge-obernbreit.de



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