KITZINGEN

Siloballen-Klau und die Mär vom Mundraub

Schuldeinsicht oder Reue? Fehlanzeige bei dem Landwirt, der wegen Diebstahls auf der Anklagebank im Kitzinger Amtsgericht sitzt. Der schwadroniert über böse Hintermänner.
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justice Foto: liveostockimages (iStockphoto)

Schuldeinsicht oder Reue? Fehlanzeige bei dem Landwirt, der wegen Diebstahl auf der Anklagebank im Kitzinger Amtsgericht sitzt. Der wettert lieber gegen die „Hintermänner“, die ihn bei dem Berufskollegen verpfiffen haben, dem er Silageballen vom Acker geklaut hat.

Der 62-Jährige ist hörbar genervt. Richter Bernhard Böhm kommt schon bei Klageregularien kaum zu Wort. Ständig redet der Mann dazwischen. Erst als Böhm ihn energisch einbremst, darf der Staatsanwalt störungsfrei die Anklage verlesen.

Diebesfahrt mit dem Traktor

Die ist kurz: Zu nächtlicher Stunde ist der Bauer mit seinem Traktor zu einem Feld in einer Nachbargemeinde unterwegs, wo er größere Mengen an Silageballen entdeckt hat. Vier von den Ballen im Wert von 235 Euro stiehlt der Angeklagte und transportiert das Futter zum Stall.

Kaum ist das letzte Wort des Klagevertreters dazu verhallt, schaltet der 62-Jährige auf Widerspruch. Drei Ballen seien es nur gewesen, die habe er nach kurzer Zeit wieder zurückgebracht. Was er nicht sagt, verrät der Richter: Die Ballen waren beschädigt und „nicht mehr zu verwenden“.

„Das Futter war nichts wert“

Und weil die Silage quasi zum Müll wanderte, gab's eine Rechnung vom bestohlenen Berufskollegen. „Der hat es bekommen, das Geld“, sagt der Bauer und schiebt gleich nach: „Das Futter war nichts wert“. In seinem Stall sei schon die Silage-Brühe rausgelaufen.

Überhaupt sieht er die ganze Sache eher als Kavaliersdelikt. Er habe damals im Frühjahr ein Problem mit Futterknappheit gehabt. Und als er auf dem Feld am Nachbarort einen großen Haufen Silageballen gesehen habe, habe er gedacht, da falle das Verschwinden von ein paar Ballen gar nicht auf.

„Gesehen hat mich keiner“, meint der Landwirt vor Gericht. Der Bestohlene sei ihm nur durch Hintermänner auf die Schliche gekommen. Er selbst hätte niemanden angezeigt, wegen so einer Sache: „Ich habe Mundraub gemacht für die Tiere“.

Zähneknirschender Rückzug

Derlei Uneinsichtigkeit macht Richter Böhm ranzig: „Es gibt keinen Mundraub. Hat es nie gegeben.“ Und es sei keine Selbstverständlichkeit mehr, dass Menschen einem Bestohlenen helfen, sein Gut wiederzukriegen – oder einen Schadenersatz.

Skurril wird's am Ende der Verhandlung, bei der der Landwirt vor allem eines wollte: Seinen Strafbefehl über 1000 Euro etwas herunterhandeln. Bloß blöd, dass sein von ihm angegebenes Einkommen – Richtschnur für die Geldstrafe – um monatlich 200 Euro höher liegt, als angenommen. Als der Richter andeutet, dass mit einem Urteil der Silageballen-Klau „teurer, nicht billiger wird“, zieht der Bauer den Einspruch zurück – zähneknirschend.

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