Kitzingen

Ehrenamtliche Helfer werden dringend gesucht.

Rund 1000 Flüchtlinge leben im Landkreis Kitzingen. Auch wenn die meisten kaum noch zu sehen sind.
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Zusammen haben sie schon so einige Probleme gelöst: Agha Mohammad Mohammadi, Eduard Rupp, Shamima Mohammadi, Jawid Mohammadi, Klaus Dotzer, Mohammad Reza Mohammadi und Birgit Heckelmann.
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Wo sind sie hin, die Fremden? Die Geflüchteten? Das fragen sich viele. Vier Jahre ist es her, dass die große Flüchtlingswelle auch den Landkreis Kitzingen erreichte. Damals wurden in vielen Kreisgemeinden dezentrale Unterkünfte geschaffen. Die meisten davon sind längst wieder aufgelöst. Trotzdem leben aktuell rund 1000 Flüchtlinge – ein Teil davon anerkannt – im Kreis Kitzingen. Allein im Innopark (ehemals Larson-Kaserne) wohnen über 400 Personen, weitere im Corlette-Circle und am Mainkai Kitzingen und in der Kleinlangheimer Unterkunft. Mit Ausnahme von wenigen Dörfern, wo sich die Häuser inmitten des Ortes befinden, sind die Flüchtlinge für die Bürger quasi unsichtbar geworden. „Aus den Augen, aus dem Sinn“ ist jedoch ein fatales Motto, finden die Mitglieder des Freundeskreises Flüchtlinge, die nach wie vor alle Hände voll zu tun haben.

Wer oder was ist der „Freundeskreis Flüchtlinge Kitzingen“?

Brigitte Pauluhn: Wir sind kein Verein, sondern eine Gemeinschaft aktiver Ehrenamtlicher, die sich vor rund zwei Jahren gegründet hat. Einmal im Monat treffen wir uns, meist im Esbach-Hof Kitzingen, um Erfahrungen auszutauschen. Meist kommen zu den Treffen zwischen 20 und 30 Leute. Oft sind Referenten eingeladen, etwa vom Jobcenter oder von der Polizei, die uns aus ihrer Sicht sagen, worauf wir verstärkt achten sollten, wenn wir den Flüchtlingen helfen, zum Beispiel, wenn es um Abrechnungen oder Aufenthaltserlaubnisse und solche Dinge geht.

Sie vernetzen sich also, so gut es geht, auch mit Behörden?

Pauluhn: Ja, genau. Wir wollen, dass sich in Kitzingen etwas bewegt. Und zwar nicht nur für die Flüchtlinge, sondern auch für die Bürger. Unser Vorbild ist das Projekt „Über Zaun und Grenze“ aus Neustadt-Aisch. Dort sind Flüchtlings- und Nachbarschaftshilfe eng verbunden. So wünschen wir uns das auch. Unser Ziel ist schlicht und ergreifend eine menschliche Gesellschaft!

Thomas Most: Wir versuchen, Kontakt zu den wichtigen Ansprechpartnern in Ämtern, Gemeinden, bei der Caritas, beim Jobcenter, bei der Regierung, den Kirchen und der Ehrenamts-Koordinationsstelle WirKT zu halten.

Was muss man können, um im Freundeskreis mitzuarbeiten?

Most: Man braucht dafür keine besondere Qualifikation. Allein die Tatsache, dass es jemanden gibt, den sie bei Bedarf einfach mal anrufen und fragen können, erleichtert den Flüchtlingen das Leben ungemein.

Wobei brauchen die Flüchtlinge Hilfe?

MOST: Eigentlich brauchen die Flüchtlinge, auch wenn sie erwachsen sind und vielleicht schon selbst Kinder haben, die gleiche Unterstützung, die Kinder und Jugendliche automatisch von ihren Eltern erhalten: vom Rad reparieren über die Anmeldung im Sportverein bis hin zu Fragen in Sachen Schule, bei Arztbesuchen, Kinderbetreuung, Einkaufsfahrten, Ämter- und Behördengängen. Man ist quasi eine Art Pate für die Menschen; das entwickelt sich automatisch. Mit der Zeit kennt man seine Pappenheimer – und die liegen einem auch am Herzen.

PAULUHN: Manchmal ist man auch einfach Mutterersatz. Der Kontakt zu Deutschen ist übrigens allen wichtig. Sie wollen als einzelne Personen wahrgenommen werden, nicht als Masse von Flüchtlingen. Ihre Fragen reichen von Nachhilfe in Sachen Deutsch oder Mathematik bis hin zum Ausfüllen einer Bewerbung...

Eduard Rupp: ... und vom Begleiten zum Jobcenter bis in die Egerländer Straße – also ins Kitzinger Notwohngebiet, wohin Menschen geschickt werden, die keine Wohnung finden.

Kommt das oft vor?

PAULUHN: Es kommt leider immer wieder vor. Die Wohnungssituation in Kitzingen ist katastrophal.

Rupp: Dadurch, dass viele Menschen jetzt in separaten Unterkünften leben, wie im Innopark, sind sie natürlich nicht mehr so leicht zu integrieren. Sonst haben die Helferkreise auf den Dörfern auch nach Wohnungen Ausschau gehalten. Jetzt fehlen da die entsprechenden Kontakte.

Dann ist die aktuelle Flüchtlingspolitik aus Ihrer Sicht nicht optimal?

Rupp: Es ist dort oben natürlich deutlich schwerer als früher, Kontakte aufzubauen. Man kann sich ja nicht einfach vor die Häuser stellen und schreien: Braucht jemand Hilfe? Es wär' grad jemand da...

Most: Mit Integration hat es jedenfalls nichts zu tun, wenn man Hunderte einfach in leer stehende, einstige Kasernenhäuser am Stadtrand steckt, eingezäunt und von Sicherheitskräften bewacht. Und sie monatelang zum Nichtstun verdammt.

Pauluhn: Nicht, dass wir jetzt falsch verstanden werden: Es geht uns nicht darum, dass alle Menschen hier in Deutschland bleiben dürfen. Es geht uns einfach darum, den Menschen, die nun mal hier sind, das Gefühl zu geben, dass sie Menschen sind.

Wieso engagieren Sie sich persönlich so stark?

Most: Ich habe vor zwei Jahren, als die Notunterkunft im Innopark stark frequentiert war, bei Integrationsreferentin Astrid Glos nachgefragt, wie ich helfen könnte. Zuerst habe ich Deutschunterricht gegeben. Nach der Schließung der Notunterkunft wurden die Flüchtlinge im Landkreis verteilt, einige habe ich weiterhin unter meine Fittiche genommen. Ich finde, man bekommt auch viel zurück, wenn man Menschen hilft, die gerade Hilfe brauchen.

Rupp: Das finde ich auch. Inzwischen habe ich viele Menschen mit ihren Lebensgeschichten und Schicksalen kennen gelernt. Niemand von ihnen hat sich leichtfertig von seiner Familie getrennt und ist nach Deutschland gekommen, um hier auf Kosten des Sozialstaates zu leben. Die Menschen sind vor Krieg oder Verfolgung geflohen, vor Armut oder Klimawandel.

Pauluhn: Ich bin 2015 über die bekannte Ehrenamtliche Maruška Hofmann-Šircelj in den Helferkreis gekommen. Heute wohnt ein junger Flüchtling bei uns. Er war oft nah dran zu resignieren. Es gibt immer noch Situationen, die für ihn schwierig sind; der Austausch mit Menschen, die mit der Kultur vertraut sind, hilft ihm, manches besser zu verstehen. Es ist schön zu erleben, wie er sich in der Familie immer wohler fühlt.

Sind kulturelle Unterschiede oft ein Problem?

Most: Probleme entstehen oft nicht wegen der unterschiedlichen Kultur, sondern aufgrund von Verständnisschwierigkeiten. Die Flüchtlinge, die ich kenne, wollen lernen, arbeiten und sich integrieren, ohne ihre Kultur komplett aufzugeben. Nehmen wir ein Beispiel: Afghanen müssen sich erst einmal daran gewöhnen, dass Dinge hier in Deutschland unverblümt auf den Punkt gebracht werden; bei ihnen zuhause war es nicht üblich, offen seine Meinung zu sagen. In Afghanistan wird persönliche Kritik nur höflich und freundlich angedeutet. Das kann hier in Deutschland natürlich schon zu Missverständnissen führen. Aber durch Reden, Erklären und Diskutieren kann man für jedes Problem eine Lösung finden – wenn es denn Kontakt zu Einheimischen gibt.

Wer sich auf solche Kontakte einlassen will, meldet sich einfach beim Freundeskreis?

Most: Genau. Zu unseren Treffen kann jeder unverbindlich vorbeikommen. Egal ob Alt oder Jung, Frau oder Mann: Wir freuen uns über jeden!

Rupp: Man muss gar nichts Großes leisten. Einfach Mensch sein und andere Menschen mögen, das reicht.

INFO: Kontakt zum Freundeskreis Flüchtlinge Kitzingen können alle Interessierten aufnehmen über: Tel. 0162/7439213 (Eduard Rupp), 0157/88124342 (Brigitte Pauluhn) oder per Mail: freundeskreis@fluechtlinge-kitzingen.de

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