STEINBACH

Sekt zwischen den Schenkeln

Norbert Helbig hat ein Fahrrad gebaut und sich dabei vollkommen dem Thema "Sekt" verschrieben. Die Details des absolut funktionstüchtigen Vehikels stechen nicht sofort ins Auge, begeistern beim Entdecken aber umso mehr.
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Gut verstaut und sicher transportiert: Nach der Fahrt dient die Wand des Sekt-Gehäuses im Rahmen als Abstellfläche.FotoS: FELIX MOCK
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Kompromisslos setzt die Wirkung der Rücktrittbremse ein, die weißen Reifen schlittern über den Asphalt, das Rad kommt wenige Meter später zum Stehen. Das verschmitzte Grinsen des Fahrers könnte einem Zwölfjährigen gehören, der Glatzkopf unter der Schiebermütze ist jedoch der eines 48-Jährigen. Norbert Helbig steigt ab und haut mit seiner Pranke auf den auf Stahlfedern gebetteten Ledersattel: „Bremst!“

Es war die Demonstration der Fahrtüchtigkeit seines Gefährts, dessen Raffinesse nicht nur einen zweiten, sondern auch einen dritten und vierten Blick benötigt. Der Steinbacher aus dem Kreis Haßberge hat aus einer Schnapsidee heraus ein Sektfahrrad gebaut. Der Schaumwein ist zusammen mit drei Gläsern dort verstaut, wo bei motorisierten Artgenossen üblicherweise der Tank ist. Das Gefahrengut – zweiter Test – hat die Bremsprobe ebenfalls heil überstanden.

Sektrad für den Anti-Radler

„Mein Kumpel Martin betreibt eine Sektkellerei und ist außerdem sowas wie ein Anti-Radfahrer. Von meinem ersten selbst gebauten Rad war er aber so begeistert, dass er sich ein eigenes gewünscht hat“, sagt Helbig. Dass es ein themenbezogener Entwurf werden würde, stand dann schnell fest.

Von der Idee bis zur Umsetzung war es jedoch ein langer Prozess. Kombiniere man die kreativen und die schaffenden Prozesse, stünden unter dem Strich wohl über 100 Arbeitsstunden. „Bezahlen würde dir das natürlich keiner“, sagt Helbig, der von nahezu allen „Catcher“ gerufen wird.

Was das Fahrrad so besonders macht, sind die zahlreichen Details, die der Steinbacher in ein stimmiges Konzept eingepasst hat. Zu Beginn standen allerdings die groben Arbeiten an. Um Raum für Sekt und Gläser zu schaffen, musste der Rahmen zunächst auseinandergeflext, verlängert und wieder zusammengeschweißt werden. Den Lack hat Helbig zuvor abgebeizt, um unter dem Einsatz von Säure eine Rostoptik zu erzielen.

Als Gehäuse für die wertvolle Fracht zwischen den Schenkeln des Fahrers dienen Dauben, die Längshölzer von Holzfässern. Diese anzupassen sei der kniffligste Teil gewesen, sagt der Konstrukteur. „Meine Güte, das war eine Schweinearbeit. Ich war heilfroh, als ich den Rahmen und das Gehäuse für den Sekt fertig hatte.“ Weil sich die originale Form der Dauben anbot, hat Norbert Helbig diese auch noch gleich als Schutzbleche verbaut.

Vorwärts kommt das Rad wie üblich, zwei Pedale treiben eine Kette und die das Hinterrad an. Um die Kraft an Steigungen oder Gefälle anzupassen, hilft eine Drei-Gang-Nabenschaltung. So weit, so normal. Wie sich der gewünschte Gang einlegen lässt, ist aber alles andere als herkömmlich: Der Fahrer wählt die Gänge mit Hilfe eines doppelschenkligen Korkenziehers aus. „Ich wollte unbedingt eine Handschaltung an der Seite vom Rad“, erklärt Helbig. „Das hat keinen technischen Grund, für mich war das einfach die optisch deutlich schönere Variante. Als Hebel hat sich ein Korkenzieher natürlich angeboten.“

Karbidlampen leuchten den Weg

Dasselbe gilt für die Karbidlampen, die „Catcher“ als Vorder- und Rücklicht verbaut hat. Statt des gasförmigen Brennstoffs sorgen jedoch LED-Lampen für Helligkeit. „Aber“, so der 48-Jährige, „wenn man will, kann man wieder umrüsten. Die Teile sind absolut funktionstüchtig. Ich verbaue ja nicht irgendeinen Schmarrn.“

Detailverliebtheit und Thementreue ziehen sich konsequent durch alle Teile des Zweirads. Statt Schaumstoff sorgen alte Sektkorken dafür, dass Sektflasche und Gläser im „Tank“ an Ort und Stelle bleiben, zudem fungieren sie auch noch als Ventilkappen und Griffe. Ein Teil gibt es dann aber doch, dessen Daseinsberechtigung angezweifelt werden darf: Der am Lenker angebrachte Bremshebel drückt bei Betätigung die „Bremsbeläge“ von oben auf den Vorderreifen. „Dafür habe ich alte Schuhsohlen verwendet. Außer einem Surren passiert da nicht viel, wenn man vorne bremst. Aber dass die Rücktrittbremse perfekt funktioniert, hast du ja vorhin gesehen“, sagt Helbig – und grinst wieder wie ein Zwölfjähriger.

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