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Sie stehen hinten den Werten und der Geschichte der AWO: Gerald Möhrlein und Heinz Galuschka. Foto: Foto: Ralf dieter

Marktbreit/Landkreis Kt Sie ist der größte Arbeitgeber in Marktbreit. Im Landkreis Kitzingen betreibt sie elf Einrichtungen, vom Seniorenheim über Angebote für psychisch Kranke bis hin zur offenen Ganztagsschule und einen Schülerhort. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) ist vielseitig aufgestellt. In diesem Jahr feiert sie im Bezirk Unterfranken ihren 60. Geburtstag.

Warum arbeiten Sie bei der AWO?

Heinz Galuschka: Weil sie ein moderner, wertschätzender Arbeitgeber ist, technologisch immer auf dem neuesten Stand. Ich bin über den Beruf zur AWO gekommen, bin IT-Spezialist und gehöre heute zum Führungsteam der AWO. Damals hieß es, ich könne auch gleich den Ortsverein übernehmen. Habe ich gerne gemacht (lacht).

Gerald Möhrlein: Die AWO reagiert schnell auf die Bedingungen und Veränderungen der Zeit. Ich bin quasi über eine soziale Notwendigkeit dabei geblieben.

Das heißt?

Möhrlein: Als Sonderpädagogik-Student habe ich an einem Praxis-Seminar teilgenommen, das die Egerländer-Straße in Kitzingen zum Thema hatte. Dann bin ich Vorsitzender des Ortsjugendwerks geworden. Mir hat die Einstellung der AWO schon damals zugesagt.

Die da wäre?

Möhrlein: Wir haben schon sehr frühzeitig Erziehungsberatung angeboten, Qualifizierungsmaßnahmen für arbeitslose Frauen, Nachmittagsbetreuung für Kinder oder eben Hilfestellungen für psychisch kranke Menschen. Wohlgemerkt: das war Anfang der 90er-Jahre.

Die AWO ist vor allem in Marktbreit präsent.

Galuschka: Das ist historisch begründet. Der ehemalige, langjährige Geschäftsführer der AWO in Unterfranken, Herbert Hofmann, kam aus Marktbreit. Dort ist der Ortsverein bereits 1948 wieder gegründet worden. Insgesamt gibt es ihn schon 72 Jahre. Hier gilt der Dank auch der Stadt mit Bürgermeister Hegwein, der die AWO immer unterstützt.

Möhrlein: In Marktbreit ist einer der ersten Seniorenclubs in ganz Bayern gegründet worden.

Galuschka: Viele Heimatvertriebene und Kriegswitwen haben sich dort getroffen. Marktbreit war sicher so etwas wie ein Zentrum der AWO in Unterfranken.

Möhrlein: Eigentlich hat sich daran nichts verändert.

Galuschka: Die AWO betreibt nach wie vor vier große Einrichtungen in Marktbreit.

Nämlich?

Galuschka: Das Haus der Senioren, das Johanna-Kirchner-Haus für psychisch beeinträchtige Menschen, eine offene Ganztagsschule und das In-Hotel, in dem psychisch belastete Menschen wieder ins Arbeitsleben einsteigen können.

Möhrlein: Die AWO ist der größte Arbeitgeber in Marktbreit.

Mit wie viel Beschäftigten?

Galuschka: Insgesamt dürften es über 300 sein.

Seit wann arbeiten Sie für die AWO?

Galuschka: Seit 1984. Damals wurden die ersten Computer angeschafft. Mit zehn MB Speicherkapazität. Weil wir uns die Geräte mit 20 MB nicht leisten konnten.

Ist die AWO ein armer Verband?

Möhrlein: Überhaupt nicht. Wir zahlen Tarif, wir stecken viel Geld in Qualifizierungsmaßnahmen, wir bauen immer wieder neu. Aber wir sind natürlich auf die Zuschüsse von Gemeinden, Bezirk oder Bund angewiesen. So wie andere Verbände halt auch.

Was unterscheidet die AWO von Caritas, Diakonie oder anderen?

Möhrlein: Wir sind ein werteorientierter, nicht konfessioneller Wohlfahrtsverband und damit völlig unabhängig. Wir können schnell auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren und entsprechende Projekte ins Leben rufen.

Zum Beispiel?

Möhrlein: Nehmen Sie das Projekt „Rückenwind“, in dem Kinder, die Gewalt in Familien erleben, nachbetreut werden. Oder hier im Landkreis Kitzingen „WirKt“, eine Kontakt- und Beratungsstelle für Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen.

Galuschka: Oder das neue Haus für Senioren, das demnächst in Marktbreit gebaut wird. Da wollen wir Wohngemeinschaften einführen, in denen sich die Senioren nach Lust und Laune einbringen können, beispielsweise beim Kochen.

Galuschka: Dafür müssen wir natürlich unsere Personalstruktur ändern. Das Küchenpersonal wird in diesem Haus künftig auch in die Betreuung der Senioren involviert sein. Eine große Herausforderung.

Beinahe jedes Unternehmen klagt über Personalmangel. Wie ist das bei der AWO?

Möhrlein: Nicht viel anders. Gerade in der Altenpflege suchen wir Mitarbeiter. Generell, wenn es um den Schichtdienst geht.

Galuschka: Die Personalpflege ist das A und O. Das gilt übrigens auch für das Ehrenamt.

Möhrlein: Ohne das wir längst nicht so eine gute Arbeit leisten könnten. Ich denke da an Männer wie Alfred Russek oder Heinz Thomas, die sich schon vor 50 Jahren im Sinne der AWO engagiert haben, als sie über Jahrzehnte hinweg drei Wochen lang im Jahr mit Kindern ins Zeltlager fuhren.

Solche Menschen werden Sie heutzutage aber kaum mehr finden.

Möhrlein: Das ehrenamtliche Engagement hat sich verändert, klar. Die Menschen wollen sich heutzutage eher projektbezogen engagieren. Außerdem ist es komplexer geworden, Führungszeugnisse werden verlangt die Bürokratie nimmt zu. Wer sich ehrenamtlich einbringt, braucht hauptamtliche Unterstützung. Wir haben deshalb eine Stabsstelle Ehrenamt geschaffen.

Was kommt in den nächsten 60 Jahren auf die AWO zu?

Möhrlein (lacht): So weit können selbst wir nicht in die Zukunft schauen. Aber es gibt ein paar gesellschaftliche Tendenzen, auf die wir uns einstellen.

Galuschka: Die Nachfrage nach einer Tagespflege wird weiter steigen. Ambulant vor stationär: An diesem Wunsch der Angehörigen wird sich wohl nichts ändern.

Und die psychisch Kranken?

Möhrlein: Deren Zahl wird wohl weiter steigen. Schon jetzt sind Burnout oder Depressionen die dritthäufigste Erkrankung von Arbeitnehmern. Diesen Menschen fehlt oft eine Lobby. Die wollen wir ihnen geben.

Eine Lobby alleine wird ihnen nicht helfen.

Möhrlein: Deshalb schaffen wir auch Angebote, in denen diese Menschen wieder an den Arbeitsmarkt herangeführt werden. Nach dem Motto: Teilhabe und Teilgabe. Sie sollen an der Gesellschaft teilhaben können, aber auch etwas zurückgeben – als Arbeitnehmer und Steuerzahler.

Zu den Personen:

Gerald Möhrlein ist seit Anfang 1999 AWO-Mitglied und Mitglied im Kreisverband Kitzingen sowie Ortsverein Repperndorf. Er ist stellvertretender Vorsitzender im AWO Bezirksverband Unterfranken und Vorsitzender im AWO Kreisverband Kitzingen.

Heinz Galuschka ist Leiter der IT-Abteilung im Bezirksverband Unterfranken und Leiter des Ortsverbands Marktbreit.

Jubiläen: Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) wurde am 13. Dezember 1919 auf Initiative von Marie Juchacz gegründet. Die AWO zählt damit zu den ältesten Wohlfahrtsverbänden in Deutschland. Der Bezirksverband Unterfranken feiert in diesem Jahr sein 60-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass berichtet die Redaktion in den kommenden Tagen auch über das Wilhelm-Hoegner-Haus in der Kitzinger Siedlung und das Johanna-Kirchner-Haus in Marktbreit

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