Der Umstand, dass immer mehr Kinder psychiatrisch behandelt werden müssen, ist für Schwester Inge Höning eine schlimme Entwicklung und persönlich belastend. Seit 1998 leitet die sympathische Franziskanerinnen-Schwester die Volkacher Mädchenrealschule im Kloster St. Maria in Volkach - eine Zeit, in der ihr vor allem das Wohl und eine gute Zukunft ihrer Schützlinge am Herzen lag. Am morgigen Freitag verlässt die passionierte Pädagogin ihre Schulfamilie und verabschiedet sich in den verdienten Ruhestand.
40 Jahre hat sie insgesamt auf ihrem schulischen "Buckel". Für Schwester Inge bleibt es eine "unvergessliche Zeit" des Unterrichtens, des Lehrens, des Korrigierens von unzähligen Aufsätzen und des Verwaltens der Realschule.
"Alles hat seine Zeit", zitiert die Schulleiterin eine Stelle aus dem Alten Testament. Ihr Abschied bereitet ihr zweigeteilte Gefühle. Einerseits Wehmut, andererseits Freude, aus den Zwängen des Schulalltags befreit zu werden.
Schwester Inge erinnert sich an die Anfänge ihrer Lehrerzeit. "Früher hatten die Mädchen nur das Schulleben", erzählt sie. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich das enorm gewandelt. "Heute ist die Freizeit für die Mädchen äußerst vielfältig." Geändert habe sich auch die Mobilität der jungen Leute, die früher doch sehr eingeschränkt war. "Die Kinder sind heute da und morgen dort", empfindet die ausscheidende Schulleiterin heute eine große Schnell- und Kurzlebigkeit.
Das Interesse vieler Eltern an der Schule sieht sie als positiv. "Es ist schon gut, wenn die Eltern so manches hinterfragen." Allerdings findet sie, dass so manche Kritik am pädagogischen Tun der Lehrkräfte und entsprechende Vorwürfe zu weit gehen. "Das ist schon mehrfach sehr anstrengend für mich und die Lehrer geworden", plaudert sie aus dem schulischen Nähkästchen.

Drei Gruppen von Eltern


Das Miteinander von Eltern und Kindern teilt die erfahrene Lehrerin in drei Gruppen ein. Bei 60 Prozent sei alles "normal", 20 Prozent seien überbehütet und bei 20 Prozent der Kinder würden deren Eltern überhaupt kein Interesse am Schulalltag und an der Entwicklung des eigenen Nachwuchses zeigen. Schwester Inges größte Sorge: "Viele Kinder sind langfristig in der Kinder- und Jugendpsychiatrie." Dass sich häufig trotz Therapie nichts bei den jungen Patienten ändert, stimmt sie traurig. Psychische Verwahrlosung und Depressionen seien häufige Ursachen, die eine Behandlung notwendig machen. "Das erlebt man heute an einer Schule hautnah."
Eines der schönsten Erlebnisse an der Mädchenrealschule war für Schwester Inge die Einführung der R6 im Jahr 2000. Früher seien die Mädchen in der Pubertät an die Schule gekommen. Heute sind die Mädchen jünger. "Mit den offenen und zutraulichen Fünftklässlerinnen ist neues Leben in unser Hausgekommen."
Wegen der vielfältigen Aufgaben in der Schule nennt sich Schwester Inge "Unternehmerin eines kleinen Betriebs". Das Lehrerkollegium sieht sie als ihre Mitunternehmer, Weggefährten und Erfolgspartner. Die Zusammenarbeit mit dem Elternbeirat sei stets konstruktiv gewesen. Um Dinge zu finanzieren, sei sie gerne für ihre Schülerinnen betteln gegangen. Allen großzügigen Geldgebern sagt sie ein aufrichtiges "Danke".

Doris Roth übernimmt


Wegen des Fortbestands der Schule und ihrer Nachfolge macht sich Schwester Inge keine Sorgen. "Da ist bereits alles bestens geregelt", sagt sie und lehnt sich auf ihrem Bürostuhl bequem zurück. Die bisherige Konrektorin Doris Roth wird die Schulleitung übernehmen - als erste weltliche Leiterin der Schule. Bisher leiteten seit 1856 ausschließlich Schwestern die Einrichtung. Neue Konrektorin wird Kerstin Petz. "Beide sind im franziskanischen Geiste geprägt", erzählt Schwester Inge zuversichtlich - und fügt leise lächelnd an: "Es geht genau so weiter, aber halt etwas anders."
Einzelne Vertretungsstunden will sie auch im Ruhestand noch wahrnehmen. "Ansonsten ziehe ich mich komplett aus dem schulischen Alltag zurück."