Kitzingen

Ein Schmerzensmann bringt Freude

Der Nachweis ist vollbracht: Im Kitzinger Museum hängt ein echter "Cranach"
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Der Nachweis ist erbracht: Dieses Bild stammt tatsächlich aus der Werkstatt von Lucas Cranach dem Jüngeren. Es hing über viele Jahrzehnte unbeachtet im Kitzinger Stadtmuseum. Foto: Foto: Ralf Dieter
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Eine Sensation? Zumindest ist es eine willkommene Nachricht. Im Kitzinger Stadtmuseum ist ein echter „Cranach“ zu bewundern. Allerdings erst, wenn das Museum wieder seine Tore öffnet.

Museumsleiterin Stephanie Falkenstein erarbeitet derzeit auf Anraten des Stadtrates ein Konzept, wie das Museum künftig mehr Menschen anlocken kann, wie es interessanter werden kann – für Kitzinger und Gäste gleichermaßen. Mit dem Gemälde aus der Werkstatt von „Cranach dem Jüngeren“ hat sie jedenfalls ein neues Zugpferd.

Vor fast genau einem Jahr hatte die Museumsleiterin zusammen mit dem Stadtmarketingverein eingeladen, um einen besonderen Schatz zu heben. Gemeint war ein 78 auf 53 Zentimeter großes Gemälde, das sie im Mai des Jahres 2002 zum ersten Mal gesehen hatte – im ersten Stock des ehemaligen Kastenhofes. An einer Außenwand zwischen zwei Fenstern hing das Bild, völlig ungesichert. Falkenstein brachte das Gemälde an einen sicheren Ort und nahm Kontakt mit Experten auf. Der Verdacht erhärtete sich: Hier könnte es sich um ein Gemälde aus der Werkstatt von Cranach handeln. Jetzt ist aus dem Verdacht Sicherheit geworden.

„Die Herstellung der Tafel konnte in das letzte Drittel des 16. Jahrhunderts datiert werden“, freut sich Falkenstein. Mit anderen Worten: Das Bild kann der Werkstatt von Cranach dem Jüngeren zugeordnet werden. Spannend waren die Begleitumstände allemal, die Licht ins Dunkel brachten.

Geheime Fahrt

Am 27. Dezember des letzten Jahres fand der Transport des Gemäldes in das Dendrolabor in Thierhaupten statt. Stephanie Falkenstein und ihr Mann Frank, Vorsitzender des Fördervereins, hatten den „Schmerzensmann“ sachgerecht verpackt und mit einem städtischen Dienstauto in die Landesstelle für Denkmalpflege transportiert. „Aus Sicherheitsgründen waren nur wenige Personen und die Versicherung über den Transporttermin und das Transportziel informiert worden“, erklärt die Museumsleiterin. Nicht auszudenken, wenn das Gemälde unterwegs in falsche Hände geraten wäre. Die Versicherungssumme liegt bei 200 000 Euro. Falkenstein geht davon aus, dass das Gemälde auf dem Kunstmarkt sicher einen sechsstelligen Betrag erzielen würde.

Zwischen den Jahren wurde das Gemälde vom Leiter des Labors, dem Dendrochronologen Franz Herzig und seiner Frau Hanna Emberger, einer Dendro-Spezialistin, beprobt und holzanalytisch untersucht. Die beiden wollten herausfinden, ob das Holz des Bildträgers tatsächlich aus dem 16. Jahrhundert stammt. Ergebnis: Beim Bildträger handelt es sich um Lindenholz und die Herstellung der Tafel konnte in das letzte Drittel des 16. Jahrhunderts datiert werden.

Aus jüdischem Eigentum?

Um dieses Datum zu verifizieren, schickten die beiden Spezialisten Gegenproben in das „14C-Labor des Klaus-Tschira-Archäometrie-Zentrums“ in Mannheim. Dr. Ronny Friedrich bestätigte dort die ermittelten Daten. „Die Datierung des Lindenholz-Malgrundes fällt somit in die Hauptschaffenphase von Lucas Cranach dem Jüngeren“, freut sich Stephanie Falkenstein.

Woher der Cranach stammt, ist nach wie vor nicht geklärt. Die Museumsleiterin geht davon aus, dass es sich um konfiszierten jüdischen Besitz handelt. Reiche Kitzinger Weinhändler waren etwa als Kunstsammler bekannt. Spätestens mit der Deportation ins Konzentrationslager Izbica im Jahr 1942 mussten sie ihre Wertgegenstände zurücklassen. Falkenstein erinnert, dass die Nationalsozialisten in Kitzingen den Prototyp für ein mainfränkisches Museum vorgesehen hatten. Ein echter Cranach wäre da hoch willkommen gewesen. Wie auch immer: Das Kitzinger Museum hat einen Schatz, um den es viele Museen in Deutschland beneiden dürften. Falkenstein will den Schmerzensmann deshalb auch prominent ausstellen – sobald das Museum wieder seine Pforten öffnet.

Das Gemälde

Lucas Cranach der Jüngere: Er wurde 1515 in Wittenberg geboren und war der jüngste Sohn von Lucas Cranach dem Älteren. 1537 übernahm er nach dem Tod seines kurz zuvor verstorbenen älteren Bruders Hans, die geschäftlichen Aktivitäten in der Werkstatt des Vaters. Seine Kompositionen und Darstellungen gelten unter Kunstexperten bis heute als überragend, mit einer Farbigkeit, die reichhaltiger ist als die der Gemälde des Vaters.

Der Kitzinger Schmerzensmann: Stilistisch lässt sich das Kitzinger Gemälde in eine Reihe von Schmerzensmann-Gemälden einordnen, die in den letzten Jahren auf dem Kunstmarkt auftauchten. Die Darstellungen zeigen Christus mit Dornenkrone sitzend, bekleidet mit einem Lendentuch, in Halbfigur vor dunklem Hintergrund; in den Händen die Marterwerkzeuge: drei Ruten und zwei Geißeln. Beim Kitzinger Schmerzensmann ist der Ausdruck der Augen bemerkenswert. Er wird durch vier punktförmige Reflexe erzeugt. In den Pupillen ergibt sich hierdurch zwischen den Reflexen ein Kreuz. Der Blick des Gemarterten geht am Betrachter vorbei aus dem Bild nach oben, er wirkt entrückt.

Geschichte: Das bisher älteste Gemälde eines Schmerzensmannes findet sich auf der Rückseite einer Altartafel im Bode-Museum, Berlin, sie ist auf das Jahr 1520 datiert. Ende der 1530er Jahre setzten die halbfigurigen Schmerzensmanndarstellungen auf Tafelbildern ein. Es sind Andachtsbilder, die den Leichnam Christi noch ein letztes Mal als lebenden Menschen aufrufen. Jesus weist als Beleg für sein Opfer auf seine Wunden. Sein gebrochener Körper, die unorganisch verschobene Schulterpartie, der entrückte, am Betrachter vorbei gehende Blick der Schmerzensmanndarstellungen aus der Cranachwerkstatt sind Ausdruck dessen, was Menschen einem Menschen anzutun in der Lage sind.



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