Kitzingen

Schippen bis die Muskeln brennen

Mitglieder des Kitzinger THW absolvieren anstrengenden Dienst im Katastrophengebiet Südbayern
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Das THW in Kitzingen war beim Katastropheneinsatz im Landkreis Miesbach im Einsatz. FOTO Michael Hack Foto: Michael Hack
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So einen Einsatz hatten sie noch nie. Sturmschäden, Hochwasser, große Verkehrsunfälle: All das kennen die Mitglieder des Kitzinger THW. Aber solche Schneemassen haben sie noch nie gesehen. „Das war schon irre“, sagt Michael Hack, Zugführer beim Kitzinger THW. Zusammen mit sieben Kameraden hat er sich am letzten Samstag, um 6 Uhr, auf die Reise in den Landkreis Miesbach gemacht. „Von einem Moment auf den anderen ist der Regen in Schnee übergegangen“, erinnert er sich an die Anfahrt. Und schon waren die Kitzinger mit ihrem Zugtruppfahrzeug und dem Gerätekraftwagen mittendrin im Katastrophengebiet. Überall Schnee, die Sicht teilweise unter 30 Meter. „So etwas habe ich noch nie erlebt“, gesteht Hack. In Miesbach meldeten sich die Kitzinger gleich beim örtlichen THW. Dort war die Kommandozentrale untergebracht. Kurz Durchschnaufen und Umschauen war allerdings nicht. Es ging gleich an die Arbeit. Etliche Dächer mussten schließlich vom Schnee geräumt werden. Im Durchschnitt lag die Schneeschicht eineinhalb Meter dick auf den Dächern. An und für sich kein Problem. Aber der Schnee war viel zu feucht – und damit auch zu schwer. „Öffentliche Gebäude müssen dann von der Schneelast geräumt werden“, erklärt Michael Hack. Private Dächer auch – wenn ein Sachverständiger eine Einsturzgefahr attestiert. Vier große Dächer haben die Kitzinger bei ihrem viertägigen Einsatz geräumt. Ein Dach pro Tag. „Nach 15 Minuten Schnee schippen ist man fix und alle“, bekennt Daniel Bonic. Dann muss die Ablösung ran. Ein wenig durchatmen, ein bisserl erholen. Dann geht es wieder los: Anseilen und erneut hoch aufs Dach. Auch bei Dunkelheit. „Dann wird die Szenerie halt von den Kollegen ausgeleuchtet“, erklärt Massimo Carlone. „Die oberste Schneeschicht von rund 50 Zentimeter ging relativ gut weg“, erinnert sich Daniel Bonic. „Aber dann wurde es eisig.“ Und damit schwierig.

Von Tagesanbruch bis spät in die Nacht hinein haben die Kitzinger alles gegeben. Gegen 23 Uhr war Schluss mit Schnee schippen, dann ging es zurück in die Turnhalle, wo die mitgebrachten Feldbetten und Schlafsäcke schon aufgestellt waren. 150 Helfer suchten in der Halle Schlaf. „Kein Problem“, versichert Michael Hack. „Nach so einem Einsatztag schläft man schnell ein.“

In einer Nacht war allerdings nicht an Schlaf zu denken. Die Kitzinger waren zum Bereitschaftsdienst für die örtliche Feuerwehr eingeteilt. „Die brauchten unbedingt mal eine ungestörte Nachtruhe“, erinnert sich Hack. Bis 4 Uhr in der Früh ging der Dienst, dann stand bis 10 Uhr eine Ruhephase an. Und danach ging es wieder rauf aufs nächste Dach. Das war vom Sachverständigen so eingestuft worden, dass eine Begehung unmöglich war. „Also mussten wir von der Drehleiter aus Schnee schippen“, erzählt Massimo Carlone. Einfacher wurde die Arbeit dadurch nicht. Im Gegenteil. Vorsicht war auch beim Räumen eines Schreinereidaches gefragt, das auf mehr als 2000 Quadratmetern mit Solarpanels bedeckt war. „Da war es natürlich noch einmal rutschiger“, erinnert sich Daniel Bonic und muss bei der Erinnerung an die Schneemassen, die sich bei der Arbeit am Fuß der Häuser angesammelt hatten, schmunzeln. Ständig mussten Radlader anfahren, um die Schneemassen zu entsorgen. Die Zusammenarbeit mit den Einsatzkräften der Bundeswehr und der DLRG habe prima geklappt. Und die Einheimischen waren sehr dankbar über die Hilfskräfte aus ganz Bayern. „Die haben uns mit Kaffee und Essen wunderbar versorgt“, erzählt Michael Hack. Inzwischen haben alle 111 bayerischen THW-Verbände Einsatzkräfte in den Süden Bayerns geschickt. Mehr als 6800 THW-Helfer waren in den Katastrophengebieten in Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen im Einsatz. Aktuell sind es 900 – darunter auch 20 Baufachberater, die die Statik der Gebäude beurteilen und damit entscheiden, welche Dächer zuerst geräumt werden müssen. Am Dienstagnachmittag ist der erste Kitzinger Trupp wieder wohlbehalten zurückgekehrt. Am Mittwoch ging es wieder zur Arbeit. Alexander Hack und seine Kollegen sind froh, dass ihre Arbeitgeber in der Heimat Verständnis haben. „Sie bekommen einen Verdienstausfall, aber ihnen fehlt natürlich für ein paar Tage eine Arbeitskraft“, weiß Hack. Eine Selbstverständlichkeit sei es deshalb nicht, so kulant zu sein. Der zweite Kitzinger Trupp mit acht Mann hat sich bereits Mittwochfrüh auf den Weg Richtung Süden gemacht. Bis Sonntag werden sie im Raum Berchtesgaden eingesetzt. „Im Prinzip machen sie das gleiche wie wir“, erklärt Michael Hack. Dächer vom Schnee befreien, bis die Muskeln nicht mehr können. Ein ungewöhnlicher Einsatz. „Auf so etwas kann man sich auch gar nicht vorbereiten“, sagt Michael Hack.



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