RÜDENHAUSEN

Samstagabendhelden hautnah

Autor Tim Pröse erzählt in Rüdenhausen von seinen Begegnungen mit Thomas Gottschalk und Götz George, Udo Lindenberg und Pierre Brice.
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Autor Tim Pröse und Musiker Udo Lindenberg verbindet mittlerweile echte Freundschaft. Auch viele andere Stars haben Pröse in ihre Seele blicken lassen. Foto: Foto: Pröse
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Kurz bevor er starb, ließ „Winnetou“ Pierre Brice sich auf seinem Pariser Landsitz interviewen – von Tim Pröse. Mit dem deutschen Autor hat der berühmte Schauspieler berührende Momente geteilt. Pröse wurde zum Beispiel Zeuge von Brice' Glauben an ein Wiedersehen nach dem Tod. Hautnah erlebte der Journalist auch viele weitere Prominente und „Helden“ der Samstagabend-TV-Unterhaltung. Aus dem Buch, das aus diesen Promi-Begegnungen entstanden ist, liest Tim Pröse am Samstag, 11. Mai, im Rüdenhäuser Weinkeller am Schloss.

Als Karl Graf zu Castell-Rüdenhausen Ihr Buch „Samstagabendhelden“ gelesen hatte, war er so begeistert, dass er sofort Kontakt zu Ihnen aufnahm. Haben Sie zu einer Lesung in seinem Weinkeller spontan ja gesagt?

Tim Pröse: Ja klar! Ich liebe Franken sehr. Als kleines Kind, aufgewachsen in Essen, hab‘ ich mir ganz Bayern so vorgestellt wie Franken: mit historischen Gebäuden, Fachwerk und rustikalen Mauern, in denen man die Vergangenheit spürt. Franken ist für mich eine Gefühlssache – ich fühle mich sehr wohl in den kleinen Dörfern, aber auch in den wunderschönen Städten wie Bamberg und Würzburg.

In dem kleinen, urigen Gewölbe des Rüdenhäuser Schlosskellers werden Sie ganz nah dran sein an den Menschen. Mehr als 40 passen gar nicht hinein…

Perfekt! So etwas mag ich sehr und für die „Samstagabendhelden“ passt so eine familiäre Atmosphäre ja auch gut.

Was wollen Sie den Gästen bieten?

Ich denke, ich werde verschiedene Melodien von Samstagabend-Shows einspielen – die Titelmusik von „Wetten, dass…“ zum Beispiel kennt ja noch fast jeder. Die ruft Erinnerungen wach. Dann lese ich ein bisschen aus dem Buch vor und erzähle zwischendurch von meinen Erlebnissen mit den Schauspielern, Entertainern und Moderatoren.

Von Gottschalk über Kulenkampff bis hin zu Loriot: Warum braucht die Welt ein Buch über das – längst vergangene – Samstagabend-Familien-Fernsehen?

Vielleicht deshalb: weil es vergangen ist, aber eine schöne Zeit war. Im Lauf meiner Arbeit als Journalist habe ich immer mehr interessante Menschen der Samstagabend-Unterhaltung kennen gelernt. Mit dem Buch wollte und will ich die Zeit für sie anhalten. Das haben sie früher ja auch mit uns gemacht. Ich will ihre Magie bewahren.

Wie haben Sie es fertiggebracht, den Stars persönlich so nahe zu kommen – und dann auch noch über die Erlebnisse mit ihnen schreiben zu dürfen?

Das hat sich nach und nach so entwickelt. Mein allererster Promi – damals war ich noch Praktikant – war Hans-Joachim Kulenkampff. Ich sollte ihn vor einer Show in seiner Garderobe interviewen. Plötzlich stand er vor mir, in Feinrippunterhose. Ich habe total versagt, wusste überhaupt nicht, was ich ihn jetzt fragen sollte – und das hat ihn richtig amüsiert.

Und was ist mit Künstlern, die einen Journalisten nicht einfach mal eben so in Feinripp in ihrer Garderobe empfangen?

Manchmal dauert es sehr lange, bis man seinem Wunsch-Interviewpartner tatsächlich einmal gegenübersteht. Hape Kerkeling fand ich immer schon interessant, aber er gibt ja nur ganz selten Interviews. Also hab‘ ich in seinem Umfeld recherchiert und einen Artikel über ihn geschrieben. Der hat ihm offenbar gefallen. Jedenfalls hat er sich dann bei mir gemeldet. So hat sich eine Vertrauensbasis gebildet.

Welche Gespräche haben für Sie einen besonderen Wert?

Für mich haben sich zwei Träume erfüllt, als Götz George und Pierre Brice mir ihre letzten großen Interviews gegeben haben. Mit Götz George durfte ich ein wunderbares, sogar fast schon jenseitiges Gespräch führen – obwohl ich nicht geahnt habe, dass er wenig später sterben wird. Pierre Brice dagegen war schon 86, als ich ihn auf seinem Pariser Landsitz besuchen durfte. Er hatte bereits seine geliebten Pferde verkauft und kam hier sehr zur Ruhe. Er war – auch wenn das jetzt vielleicht komisch klingt – noch genauso schön, edel und gut wie man ihn kannte. Mir fiel auf, dass nirgendwo ein Bild von Winnetou hing, also sagte ich ihm, dass ich ein solches vermisste. Er grinste und meinte sinngemäß: „Sie müssen doch bestimmt mal müssen.“ Im Gäste-WC hing tatsächlich alles voller Winnetou-Bilder – so selbstironisch war Pierre Brice.

Konnten Sie mit ihm auch über tief gehende Dinge sprechen, etwa den nahen Tod?

Ja, das war etwas sehr Besonderes. Ich wurde Zeuge, wie er zu seiner Frau sagte: „Ich werde, wenn ich oben bin, auf Dich warten, Chérie“. Seine Frau antwortete: „Ich werde Dir jeden Tag einen Brief schreiben.“ Pierre hat an ein Wiedersehen nach dem Tod geglaubt und das war ihm ein großer Trost. Es war eine tolle Erfahrung, ihn so innig zu erleben, das hat bei mir emotional ganz tief eingeschlagen. Wenig später war ich auch bei seiner Beerdigung in München dabei. Statt eines normalen Grabsteins hat man ihm einen kroatischen Kalkfelsen gewidmet – von den Plitzwitzer Seen, wo Winnetou gedreht wurde.

Stimmt es, dass Sie mit Udo Lindenberg und seinem „Rockliner“ in See stechen durften?

Ja, ich bin mit Udo befreundet. Wahrscheinlich deshalb, weil ich auch in schweren Zeiten von ihm begeistert war. Jetzt, wo er wieder ganz oben ist, hat er das nicht vergessen.

Wie bleibt man mit einem alten Paniker wie Udo Lindenberg in Kontakt?

Zum Beispiel mit vielen Whatsapps und noch mehr Emoticons – gerne mit Hut. Wenn morgens um halb sechs 'ne Whatsapp kommt, weiß ich: Das ist Udo.

Morgens um halb sechs ist Lindenberg schon wach?

Nö – noch. Um die Zeit geht er ins Bett. Er schläft bis zum Nachmittag. Dann beginnt für ihn der Tag.

Ihr Leben hat sich ganz schön verändert, seit Sie nicht mehr fest in einer Redaktion arbeiten, oder?

Schon. Erstmal war es natürlich ein Schock, als vor fünf Jahren die Medienkrise den „Focus“ traf und mein Job weg war. Aber ich bin ein gutes Beispiel dafür, dass viele Wege zum Glück führen. Als Journalist lautet das Credo, sich mit nichts und niemandem gemein zu machen, auch nicht mit dem Guten. Diese Distanz muss ich nun nicht mehr wahren, ich kann den Menschen auf meine persönliche Art näher kommen und darüber Bücher schreiben. Das erfüllt mich sehr.

Mittlerweile ist Ihr fünftes Buch in Planung. Keine schlechte Bilanz für einen Journalisten, der, wie Sie eben gesagt haben, eher aus der Not heraus zum Buchautor geworden ist.

Danke. Ich bin immer noch überrascht und begeistert davon, dass vor allem das Buch „Jahrhundertzeugen. Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler“ jetzt schon im dritten Jahr nachwirkt. Ich bin damit in Schulen zu Gast und erzähle von den 18 Menschen, die ich interviewt habe; sie haben den Holocaust überlebt oder waren Widerstandskämpfer und machen Mut, dem Leben positiv zu begegnen und sich gegen Terror und Krieg aufzulehnen. Udo hat über das Buch gesagt, es bete nicht die Asche an, sondern trage die Flamme weiter. Diese Definition freut mich sehr, denn das ist es, was ich will: nicht in der Vergangenheit haften bleiben, sondern aufstehen und mutig in die Zukunft gehen.

Tim Pröse liest

Zum Autor: Tim Pröse, geboren 1970 in Essen, lebt als freier Autor und Journalist in München.

Er studierte Kommunikationswissenschaften, Politik und Psychologie, war Chefreporter der Münchner Abendzeitung und schrieb als Redakteur des Focus zeitgeschichtliche Reportagen und Porträts.

Bisher erschienen von ihm die Bücher „Jahrhundertzeugen. Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler“, „Hallervorden. Ein Komiker macht Ernst“, „Mario Adorf – Zugabe!" und aktuell „Samstagshelden“ (Heyne-Verlag, Hardcover, 352 Seiten, ISBN: 978-3-453-20190-3, etwa 20 Euro).

Zu Gast in Rüdenhausen: Am Samstag, 11. Mai, liest Tim Pröse ab 19 Uhr im Rüdenhäuser „Weinkeller am Schloss“.

Der Eintritt kostet inklusive Bratwurst-Essen 25 Euro. Info/Anmeldung: Tel. 09383-7044 oder karl@castell-ruedenhausen.de

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