LANDKREIS KT

Rettet die Dunkelheit

Initiative zum Schutz der Nacht(tiere) und gegen sinnlos verschwendete Energie.
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Sieht mystisch aus, ist aber Lichtverschmutzung: Die Albertshöfer Gewächshäuser strahlen nachts so viel Licht ab, dass es von Kitzingen aus betrachtet fast gespenstisch wirkt. FOTO Ulf Fiebig Foto: Ulf Fiebig
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Es gibt eine Form von Umweltverschmutzung, die kaum einer kennt. „Obwohl die auch die Gesundheit gefährdet und sinnlos Energie verschwendet“, sagt Ulf Fiebig. Der 54-jährige Kitzinger spricht von der Lichtverschmutzung durch künstliche Beleuchtung. Ob hell erleuchtete Parkplätze, Wohnhäuser oder Industriegebäude: „Fehlende nächtliche Dunkelheit hat viele negative Folgen. Unser Ziel ist es, alle Gemeinden und alle Menschen für das Thema zu sensibilisieren.“

Mit „uns“ meint Fiebig die Hobbyastronomen der Region, die sich als „Forum Stellarum“ organisiert haben und sich regelmäßig zur Himmelsbeobachtung treffen. Ihnen fällt die zunehmende Helligkeit in der Nacht besonders auf. „Aber wir engagieren uns nicht nur wegen unseres Hobbys für die Dunkelheit in der Nacht, sondern auch, weil Lichtverschmutzung Menschen auf Dauer krank macht. Licht und Biorhythmus hängen eng zusammen.“

Schlafstörungen, Krankheiten, Gereiztheit, Fehlproduktion von Hormonen, fehlgeleitete Zugvögel und Insekten: Fiebig und seine Kollegen des „Forum Stellarum“ zählen mögliche Folgen der Lichtverschmutzung auf. Dass es eine solche tatsächlich gibt, stehe außer Frage: „Wir merken das ganz deutlich: Von Jahr zu Jahr wird es nachts im Kreis Kitzingen ein bisschen weniger dunkel.“ Der Lichtatlas des Vereins VdS („Vereinigung der Sternenfreude“) gibt ihnen Recht. Für den Kreis Kitzingen weist er für Kitzingen, Iphofen, einige andere Orte und speziell für Albertshofen hohe Lichtwerte in der Nacht auf.

Gesetzliche Regelungen zum Thema „nächtliche Lichtemission“ bleiben vage. Laut der „Richtlinie zur Messung und Beurteilung von Lichtimmissionen“ des Länderausschusses für Immissionsschutz soll die nächtliche Außenbeleuchtung, die ein Schlafzimmerfenster in Wohngebieten erreicht, ein Lux nicht überschreiten. Für die öffentliche (Straßen-)Beleuchtung gilt das allerdings nicht. Deren Stärke soll in einer europaweiten Norm geregelt werden, die allerdings nur Minimal- und keine Maximalwerte festlegt.

Ulf Fiebig fordert, vor der nächtliche Beleuchtung erst einmal den gesunden Menschenverstand einzuschalten: „Kugel- oder Pilzleuchten, bei denen viel Licht nach oben oder zur Seite abstrahlt, sind ein Schmarrn. Genauso wie die Beleuchtung von Gebäuden von unten nach oben oder taghelle Parkplätze vor Kaufhäusern mitten in der Nacht.“ (Straßen-)Lampen sollten stets nach oben und zur Seite abgeschirmt sein. Natriumdampflampen und LEDs seien energetisch am sinnvollsten, „und zwar in einem sanften Gelb beziehungsweise Warmweiß mit einer Farbtemperatur von maximal 3000 Kelvin. Sie ziehen – anders als kaltweiße Leuchten – kaum Insekten an.“

LED-Leuchten haben einen sehr guten Wirkungsgrad, sagt Fiebig, allerdings werde oft eine zu hohe Wattzahl genommen – „und kalt- statt warmweiße Leuchten“ –, weil sie mittlerweile schon recht günstig zu haben sind.

„Wer denkt, dass Helligkeit gleich Sicherheit ist, der irrt“, entkräftet Fiebig ein oft gehörtes Argument. „Studien zeigen, dass Licht nur das subjektive Sicherheitsempfinden erhöht, ohne dass die Zahl der Straftaten sinkt.“

Ganz schlecht sei ein hoher Blauanteil im nächtlichen Licht: Zum einen ziehe das Blau-Violett nachtaktive Insekten an, die dann an der Lampe verenden. Zum anderen störe es den Biorhythmus des Menschen. „Die Handy-Industrie hat das schon erkannt. Neue Geräte verfügen über einen Nachtmodus, in dem das Gerät kaum blaues Licht abstrahlt.“

Fiebig und sein Kollege Florian Bleymann vom „Forum Stellarum“ betonen, dass sie niemandem das Licht nehmen wollen. „Wir wollen nur, dass es sinnvoll eingesetzt wird, nach dem Motto: Qualität vor Quantität.“ Das sei auch im Sinne der Umwelt. Energie, die nicht gebraucht wird, müsse schließlich gar nicht erst produziert werden, sagt Elektroingenieur Bleymann.

Aus ökologischer Sicht betrachtet auch Christian Söder, Fachberater für Fledermausschutz im Landkreis Kitzingen, die künstliche Beleuchtung unserer Umgebung. „Die Hälfte aller Säugetiere ist nachtaktiv, ein Großteil der Amphibien und alle heimischen Fledermäuse“, weiß Söder. 85 Prozent der Schmetterlinge leben ihm zufolge nachtaktiv. Wie Flusen vom Staubsauger, werden sie von zu hellem Kunstlicht der falschen Farbe angezogen. Sie umkreisen die Leuchten, bis sie völlig erschöpft sind. Dadurch vermehren sie sich nicht mehr und stehen in den „leergesaugten“ Bereichen auch nicht als Nahrung zur Verfügung.

Aber auch nicht flugfähige Lebewesen leiden. „Aale wandern nicht durch beleuchtete Flussabschnitte und Zugvögel werden durch Lichtschein fehlgeleitet oder kollidieren mit Fassaden.“ Selbst Bäume behalten laut Söder im Laternenschein länger ihre Blätter und erleiden dadurch eher Frostschäden.

Was kann man dagegen tun? Söder, der durchaus versteht, „dass man sein Gebäude, auf das man zu Recht stolz ist, in Szene setzen will“, fragt: „Muss das ganze Jahr beleuchtet werden? Die ganze Nacht? Auf Kosten der Mitgeschöpfe?“

Gärtner will Abhilfe schaffen

Die andere Seite der Medaille ist die wirtschaftliche: „Wenn wir nicht belichten, können wir aufhören. Der große Konkurrent Holland ist allzeit bereit!“ Das sagt Gerd Gernert aus Albertshofen. Der Gärtnermeister, sein Sohn und ihr Team produzieren unter einer Glasfläche von sechs Hektar, wovon fast die Hälfte – 2,8 Hektar – beleuchtet wird. „Wir müssen der Spezialisierung Rechnung tragen und Gurken sowie Tomaten, Paprika und Auberginen belichten, in der dunklen Jahreszeit 16 Stunden pro Tag, sonst entwickeln sie sich nicht gut.“

Trotzdem steht Gernert den Bestrebungen zur „Rettung der Dunkelheit“ sehr aufgeschlossen gegenüber. Kürzlich hat er die Mitglieder des „Forum Stellarum“ in seinen Betrieb eingeladen und ihnen demonstriert, warum moderner Pflanzenbau viel Licht braucht. Er hat ihnen die Lampenreihen in vier Metern Höhe gezeigt, die so ausgerichtet sind, dass der Strahlungswinkel für die Pflanzen genau passt. Er hat ihnen auch berichtet, dass der Bauplan für ein neues Gewächshaus beim Bauamt liegt und dass dieses neue Glashaus mit doppelter Beschirmung ausgerüstet sein soll. Das heißt: „Es gibt zwei verschiebbare Schirme am Glasdach. Sie liegen übereinander. Der untere ist weiß und lichtdurchlässig, der obere besteht aus lichtundurchlässigem Gewebe und soll neben der nötigen Energieeinsparung auch dafür sorgen, dass kein Licht nach außen dringt.“

Diese Doppelbeschirmung möchten die Gernerts auch bei den Bestandsflächen einbauen. Allerdings gehe das aus Kostengründen nur Schritt für Schritt, „wenn altes Material kaputt geht.“ Insgesamt werde es Jahre dauern, bis alle Flächen aufs „Energie- und Lichtsparen“ umgerüstet sind. Gerd Gernert will das Problem aber nicht vor sich herschieben. „Wir wollen uns den Anforderungen stellen und sind uns der Problematik voll bewusst.“

Ulf Fiebig stellt klar: „Wir freuen uns über Unternehmer wie Herrn Gernert, weil diese als Pioniere der Wirtschaft dazu beitragen, das Bewusstsein zu schärfen.“ Der Kitzinger erinnert sich daran, wie er als Kind mitten in Mainsondheim, im Nachbardorf von Albertshofen, im Sommer den sternenübersäten Himmel gesehen hat. „Heute ist das schwierig. Die Milchstraße erkennt man nur noch von außerhalb der Ortschaften richtig gut.“ Immer besser sind dagegen die Lichtglocken über Würzburg, Schweinfurt und Kitzingen zu sehen, „die von Jahr zu Jahr größer werden“. Diese Entwicklung zu stoppen, ist das Ziel, für das die Hobbyastronomen Mitstreiter suchen. „Wir hoffen, dass viele Gemeinden einen Lichtplan für umweltgerechte, wirtschaftliche Beleuchtung erstellen. Dafür gibt es auch Förderprogramme.“

KONTAKT/ INFO: Ulf Fiebig, Mail: u.fiebig@y-auriga.de; www.forum-stellarum.de

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