KITZINGEN

Respekt vor der Arbeit im Gusswerk

Vor zehn Jahren wurde die Frankenguss unter schwierigen Voraussetzungen gegründet. Heute ziehen Gewerkschaftsvertreter und Inhaber ein positives Fazit.
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In zehn Jahren vieles gemeinsam erreicht: Gerhard Pfaff, Walther Mann und Josef Ramthun. Foto: Fotos: RAlf Dieter
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Heute sprechen sie erfreut von einer Erfolgsgeschichte. Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg. Vor zehn Jahren hat es rund um die Kitzinger Gießerei nicht gerade nach Erfolg und guter Laune ausgesehen.

Josef Ramthun, Walther Mann, Gerhard Pfaff: Das waren im Sommer 2009 die prägenden Menschen nach der Insolvenz der Kitzinger Gießerei – und den damals umstrittenen Neuanfang. Zehn Jahre später sitzen die Gewerkschaftsvertreter von damals und der Besitzer von heute wieder an einem Tisch und blicken zurück. Auf eine turbulente Zeit.

Auf viel Misstrauen und noch mehr Überzeugungsarbeit. „Frankenguss ist ein Beispiel dafür, wie man so einen schwierigen Übergang meistern kann“, sagt Walther Mann, der in seiner Karriere als 1. Bevollmächtigter der IG Metall viele ähnliche Kämpfe zu bestreiten hatte. Die Lehre aus der Gusswerk-Insolvenz und der folgenden Übernahme beschreibt er so: „Im gemeinsamen Gespräch geht vieles besser.“

187 Mitarbeiter eingestellt

804 Beschäftigte hat es Anfang 2009 im Gusswerk gegeben. Dazu kamen rund 100 Beschäftigte in Altersteilzeit. Menschen, die auf ihre Gewerkschaft vertrauten, die in Lohn und Arbeit bleiben wollten.

Der Neustart gelang mit 419 Mitarbeitern, dazu kamen 43 Auszubildende. 343 Gusswerkler kamen in eine Beschäftigungsgesellschaft. „Zwei Jahre später waren nur noch 30 Ex-Kollegen ohne Arbeit“, berichtet Gerhard Pfaff, der damals wie heute Betriebsratsvorsitzender ist. Mittlerweile arbeiten 606 Menschen im Kitzinger Gusswerk, dazu kommen 40 Auszubildende. „Die alten Kollegen sind bei den Einstellungen immer bevorzugt behandelt worden“, versichert Pfaff. „Vorausgesetzt, sie haben sich beworben.“

Die Wochen vor dem 1. Juli 2009 werden die drei Männer wohl nie vergessen. Die damalige MTK meldete Insolvenz an. 2005 hatte die amerikanische Gruppe MTI Metal Technologies Inc. das Gusswerk gekauft. „Und innerhalb von vier Jahren den Kaufpreis wieder rausgezogen“, erinnert sich Walther Mann. Das Eigenkapital von rund 20 Millionen Euro war verbraucht. Investitionen in Maschinen?

In Menschen? In die Zukunft? Fehlanzeige. „Das war die Jahre vorher aber leider auch schon so gewesen“, bedauert Pfaff, der den Amerikanern damit nicht die alleinige Schuld an der Insolvenz geben will. Genau so wenig wie Joseph Ramthun: „Der Börsencrash hat seinen Teil dazu beigetragen.“

Ziel: Langfristige Planung

Trotz der schwierigen Lage: Die Investoren standen beim damaligen Insolvenzverwalter Schlange. 14 Finanzinvestoren und eine Handvoll strategischer Investoren waren es. „Uns war immer klar, dass wir jemanden haben wollten, der langfristig plant und denkt“, erinnert sich Mann. Dass die Wahl auf Josef Ramthun fiel, hing mit den Gesprächen zusammen. Und mit dessen Vorstellungen.

„Herr Ramthun war der einzige der vier verbliebenen Investoren, der mit der Gewerkschaft einen Haustarifvertrag aushandelte“, erinnert sich Gerhard Pfaff. Ein Haustarif, der für die verbliebenen Mitarbeiter erst einmal Einschränkungen bedeutete: weniger Entgelt, 40 statt 35-Stunden-Woche. Am Schlimmsten wog für die Beteiligten jedoch, dass ein normaler Betriebsübergang nicht möglich war. Durch die Neugründung der Firma, die fortan Frankenguss hieß, verloren die Mitarbeiter ihre langjährige Betriebszugehörigkeit. Und damit reduzierten sich ihre Werks-Rentenansprüche. „Aber das war die einzige Chance, einen Investor zu bekommen, der langfristig plante“, versichert Walther Mann. Gerhard Pfaff assistiert. „Keine Bank der Welt hätte eine Weiterführung der Firma unter den vorherigen Bedingungen finanziert.“

Auf der anderen Seite drängten die Kunden. Bis Ende Juni 2009 wollten sie eine Lösung haben – sonst wären die überlebenswichtigen Aufträge für den Neustart verloren gegangen. „Also sind wir den harten Weg mitgegangen“, erinnert sich Pfaff. Von vielen Mitarbeitern musste er sich deshalb Lohnbetrug und Verrat vorwerfen lassen. Die Gewerkschaft hätte nicht die Interessen ihrer Mitglieder vertreten. „Die Stimmung innerhalb des Betriebes war aber immer eine ganz andere als außerhalb“, versichert Pfaff.

Zittern um Mitternacht

Josef Ramthun kann das nur bestätigen. Auch für ihn waren das äußerst spannende Tage. Am 30. Juni 2009 um Mitternacht sitzt er in seinem Büro und schaut nach draußen. Wochen der intensiven Beratungen liegen hinter ihm. Er hat die Gewerkschaftsvertreter, den Insolvenzverwalter und die Banken von seinem Konzept überzeugt.

Er hat das Privatvermögen seiner Familie in dieses Projekt gesteckt, alles auf die Karte „Frankenguss“ gesetzt, wie er sagt. Jetzt ist der entscheidende Moment gekommen. Die Schranke zum Betriebsgelände öffnet sich nach vier Tagen Stillstand wieder. „Und die Menschen sind tatsächlich gekommen“, sagt er und muss auch zehn Jahre später noch lächeln.

Im Vorfeld musste auch der Investor einiges aushalten. Als Hasardeur sei er bezeichnet worden, als Spekulant. Warum er sich auf dieses Risiko eingelassen hat? „Weil ich immer wusste, dass es im Kitzinger Gusswerk eine Mannschaft gibt, die weiß, wie es geht.“

Ramthun hat die Chancen der damaligen Zeit gesehen. Die Banken- und Wirtschaftskrise hat viele Unternehmen in die Knie gezwungen. „Wir waren nach der Insolvenz die Ersten in der Branche, die sich nicht mehr mit dem reinen Überleben, sondern mit der Zukunft beschäftigen konnten.“ Und das hat er getan: Der Vertrieb wurde gestärkt, ein Technologiezentrum aufgebaut. „Während sich andere noch saniert haben, konnten wir neue Aufträge an Land ziehen.“

Innerhalb von zehn Jahren ist der Umsatz von rund 85 Millionen im Jahr auf mehr als 130 Millionen Euro gestiegen. Die Zahl der Beschäftigten ist um 44 Prozent gestiegen, die Ausbildungsquote liegt mittlerweile bei acht Prozent.

Gegenseitiges Wohlwollen

Mehr als 44 Millionen Euro hat Ramthun in den zehn Jahren in die Firma investiert. Er hat neue Formanlagen gekauft, neue Druckgussanlagen, 3D-Drucker und vieles mehr. Am Wichtigsten sind ihm allerdings die Investitionen in die Mitarbeiter.

Erst die Wertschätzung, dann die Wertschöpfung: Nach diesem Motto hat der 57-Jährige ins Personalmanagement investiert. Jede Führungskraft hat ein Programm durchlaufen. Fortbildungen wurden bezahlt, ein Gesundheitsmanagement installiert. „Jeder Mitarbeiter muss sich ernst genommen fühlen“, fordert Ramthun. Grundlage der Zusammenarbeit sind für ihn Werte wie Respekt, Vertrauen und gegenseitiges Wohlwollen.

Werte, die tatsächlich gelebt werden, wie Gerhard Pfaff versichert. Seit 43 Jahren ist er im Betrieb tätig. „Aber so etwas habe ich noch nie erlebt.“ Vielleicht ist das der Grund, warum die Mitarbeiter auch weiterhin die 40-Stunde-Woche akzeptieren und lange Zeit weniger Lohn als in Zeiten der MTK verdienten. „Wir kamen aus einer Verzichtssituation“, erinnert Pfaff.

Zwischenzeitlich habe es Ergänzungstarifverträge gegeben. „Jetzt haben wir die gleichen Grundentgelte wie in der Fläche.“ Der Tarifvertrag ist auf zehn Jahre festgezurrt. Auch ein Zeichen, wie verlässlich Arbeitgeber und Arbeitnehmer bei Frankenguss miteinander arbeiten wollen.

Also alles gut für die Zukunft? In drei Jahren feiert das Gusswerk seinen 100. Geburtstag. Josef Ramthun ist guter Dinge, dass dessen Geschichte noch lange Zeit fortgeschrieben wird.

Die Frage sei jedoch, ob Industrieunternehmen in Deutschland und der EU überhaupt gewollt werden. „Wir müssen uns politisch positionieren“, fordert er und erhält Unterstützung vom Ex-Gewerkschafter Walther Mann: „Wir brauchen einen aktiveren Meinungsaustausch darüber, wie dieser Standort gestärkt werden kann.“

Wechselvolle Geschichte

Das Kitzinger Gusswerk wurde 1922 als Metall- und -Schrott AG gegründet. Lange Zeit gehörte es zum Sachs-Konzern, 1987 erwarb Mannesmann die Mehrheit an der Gießerei. Im Jahr 2001 ging sie dann in den Besitz der ZF Friedrichshafen über.

2004 erwarb die amerikanische Gruppe MTI Metal Technologies Inc. das Unternehmen, das im Jahr 2005 unter dem Namen Metal Technologies Kitzingen (MTK) umfirmierte.

Nach der Insolvenz im Jahr 2009 erwarb Josef Ramthun das Unternehmen und nannte es Frankenguss.

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