Kitzingen
Tag des Bieres

Regionale Brauereibesitzer im Interview

Der Trend zur Regionalität hilft auch den Brauern in der Region. Ganz sorgenlos blicken sie aber nicht in die Zukunft.
Artikel drucken Artikel einbetten
Stoßen auf eine gute Zukunft an: Die Brauereibesitzer aus der Region Karl-Heinz Pritzl (Kauzen), Friedrich Düll (Krautheimer), Peter Himmel (Kesselring), Karl Wolf (Wolf-Rüdenhausen) und Dietrich Oechsner (Oechsner). Foto: Dieter
Stoßen auf eine gute Zukunft an: Die Brauereibesitzer aus der Region Karl-Heinz Pritzl (Kauzen), Friedrich Düll (Krautheimer), Peter Himmel (Kesselring), Karl Wolf (Wolf-Rüdenhausen) und Dietrich Oechsner (Oechsner). Foto: Dieter
Die deutschen Brauer haben es nicht leicht. Der Absatz geht seit Jahren kontinuierlich zurück, die Zahl der Braustätten sinkt und das Kartellamt interessiert sich derzeit brennend für die Großkonzerne. Die fünf Brauereibesitzer, die am Runden Tisch der Kitzinger Zeitung Platz genommen haben, beweisen seit Jahrzehnten, dass es auch anders geht.

Regionale Produkte sind wieder im Kommen. Die Menschen kaufen verstärkt bei den Produzenten vor Ort ein. Merken das auch die Brauer?
Karl-Heinz Pritzl Das Thema Regionalität liegt uns allen sehr am Herzen. Darin liegt ja ein Unterschied zu den gesichtslosen Massenbrauereien. Wir sind vor Ort. Die Kunden kennen uns und wir kennen unsere Kunden.

Macht sich das auch am Absatz bemerkbar?
Dietrich Oechsner Wir spüren ein Umdenken beim Konsumenten, das auf alle Fälle. In den 80er- und 90er-Jahren galt es noch als schick, möglichst weit weg einzukaufen. Jetzt ist es schick, gute Qualität aus der Heimat zu haben.
Pritzl Das liegt natürlich auch an den vielen Lebensmittelskandalen der letzten Jahre. Die Kunden suchen wieder die Nähe zum Produzenten. Das ist besser, als etwas Seelenloses von weiter weg zu kaufen. Um auf den Absatz zurückzukommen: Wir verkaufen tatsächlich mehr Bier in der Region. Aber dafür verlieren wir, wenn es etwas weiter weg geht. Schweinfurt ist zum Beispiel kein Regionalmarkt mehr für uns.
Peter Michael Himmel Die Entwicklung ist eindeutig nachzuvollziehen: Es geht von regional zu lokal. Wir verkaufen mehr in der Region, aber darüber hinaus wird es schwieriger.

Wo liegen denn die geografischen Grenzen zwischen regional und lokal?
Himmel Der Landkreis Kitzingen ist ganz klar lokal. Aber schon in Würzburg gibt es deutliche Abstriche. Und dazu kommt der demografische Faktor: Die Bevölkerungszahl geht zurück und der Konsum ist seit Jahren rückläufig.
Pritzl Auch wenn es komisch klingt. Wir haben ein Nachwuchsproblem.
Himmel Es gibt halt viele Alternativprodukte für junge Menschen. Und die Zahl der großen Feiern nimmt ab. Wer nimmt sich schon noch die Zeit, solche Feten auf die Beine zu stellen?

Ist Bier bei der jüngeren Generation verpönt?
Pritzl So weit es es nicht gekommen, aber früher war Bier das Standardgetränk, jetzt ist es bei bestimmten Altersgruppen Wodka oder Jägermeister.
Himmel Das schlägt sich ja auch in der Anzahl der Brauereien nieder. Alleine in Kitzingen gab es in den 80er Jahren noch drei Brauereien.
Karl Wolf In Rüdenhausen halten sich die Vereine bei Veranstaltungen an die Getränkehändler. Und die Kraftfahrer trinken alkoholfreies. Früher haben wir im Ort drei Tanzsäle gehabt, jetzt haben wir nur noch die Sporthalle. Und dort ist nicht einmal am Kirchweihsamstag Musik.

Ist das ein typisches Beispiel für die Entwicklung in den Dörfern?
Oechsner Auf keinen Fall. Es gibt Ortschaften, wo die Jugend sehr aktiv ist und tolle Feten organisiert, beispielsweise in Großlangheim.
Pritzl Solche Ausnahmen gibt es tatsächlich. Aber in den 80er Jahren sind bei Jubiläumsfesten 50 bis 100 Hektoliter Bier geflossen. Das war ganz normal. Heute überlegt sich jeder Verein und jede Feuerwehr, ob sie ein großes Fest aufzieht. Der Aufwand mit Security und all den Auflagen ist viel zu groß geworden. Heute gehen bei Jubiläumsfesten fünf bis sieben Hektoliter über den Tisch.

Immer weniger und immer kleinere Feste, dazu die Konzentration auf den lokalen Markt. Das hört sich nicht gut an. Lassen sich denn Ihre Spezialitäten gar nicht exportieren?
Pritzl Der eine oder andere Markt ist schon da, aber die Fahrtkosten werden auch immer teurer und die Werbung muss auch bezahlt werden.
Oechsner Nur daheim bleiben funktioniert nicht. Aber die Heimat und die Regionalität sind die tragenden Säulen unseres Geschäftsmodells. Wir kaufen alle Rohstoffe daheim ein. Eine Studie hat ergeben, dass ein Arbeitsplatz in einer Brauerei drei Arbeitsplätze außerhalb sichert. Wer weiter denkt, kauft also näher ein.

Aber dieses Denken hat sich doch längst durchgesetzt.
Pritzl Zumindest bei großen Teilen der Bevölkerung. Aber die Lebensmittelskandale der letzten Jahre haben ja auch noch eine andere Konsequenz: Die Lebensmittelüberwachungen wurden auch bei uns strenger. Und nicht alle Kontrolleure sind auf den Biermarkt spezialisiert.
Oechsner Wir zeigen unsere Betriebe gerne bei Besichtigungen und schaffen so Vertrauen, aber die Kontrollen sind teilweise schon extrem.
Himmel So eine Task-Force besteht aus sieben, acht Leuten, die plötzlich unangemeldet dastehen. Und ein Kontrolleur vom Landratsamt kommt auch noch unangemeldet, zwei- bis drei Mal im Jahr.
Pritzl Außerdem werden Proben im Handel gezogen. Das ist ja auch alles richtig. Die Qualität muss schließlich gesichert sein. Aber im Schnitt werden Lebensmittel hierzulande zu billig verkauft.
Himmel Die Deutschen sind halt doch eher Preisgeil. Nicht von ungefähr sind die Discounter hier so erfolgreich.

Wird das Bier auch zu billig verkauft?
Himmel Schauen Sie mal ins Ausland, was es da kostet. Wobei: In Deutschland gibt es auch lokale Besonderheiten. In Südbayern ist Bier beispielsweise deutlich teurer. Wir in Franken sind halt eine Pilsregion und da ist die Konkurrenz enorm.
Pritzl Und manche Großkonzerne führen ganz gezielt einen Preiskrieg. Die wollen nur über den Preis Marktanteile erobern und nehmen die Vernichtung des Mittelstandes gezielt in Kauf.

Gegen mögliche Preisabsprachen bei den großen Brauereien geht jetzt ja das Kartellamt vor. Erhoffen Sie sich einen positiven Effekt?
Pritzl Nein, an diesem Beispiel sieht man eher, wie schwach das Kartellamt ist. Der Bierpreis hat sich in den letzten sechs, sieben Jahren kaum verändert. Es gibt kaum einen Markt, der so umkämpft ist wie der Biermarkt. Die Tankstellen ändern dagegen ihre Preise alle Tage. Man sollte lieber mal die Marktmacht des Lebensmitteleinzelhandels untersuchen und schauen, was die mit den Brauereien anstellen.
Düll Es wundert mich, dass das Kartellamt noch nicht gemerkt hat, dass wir ein Oligopol von Händlern haben, aber sicher keines von Brauereien.

Ist es für Sie dann überhaupt ein Ziel, bei den Discountern geführt zu werden?
Pritzl Bei den Nebenleistungen die verlangt werden, ist es richtig schwer. Neben einem günstigen Preis fordern die Discounter Unterstützung bei Aktionen, einen Werbekostenzuschuss, eine Jahresvergütung und vieles mehr.
Himmel Und wenn man ausscheidet auch noch eine Auslistungsvergütung.
Pritzl Unsere Kunden sind vielmehr die kleinen, regionalen Getränkehändler. Aber die haben es auch nicht leicht. Auch die werden mit den Billigpreisen kaputt gemacht. Immer mehr dieser Märkte schließen und was kommt nach? Größere Getränkehändler mit ihren Ketten. Und da geht es natürlich auch wieder vor allem um den Preis. Die Filialisierung zieht sich durch.
Himmel Schauen Sie doch mal, wie viele private Getränkehändler es noch in Kitzingen gibt.
Oechsner Die merken natürlich auch, dass die Kundschaft vermehrt zum Discounter geht. Früher konnten sie Bier, Saft, und Wasser verkaufen. Heute kaufen die Kunden meist nur noch Bier. Und das aus Verbundenheit. Außerdem haben diese Betriebe häufig Nachwuchssorgen.
Düll Das kann man ihnen ja auch nicht verdenken. Wenn keine Zukunftsperspektive da ist, kann man der nächsten Generation eine Geschäftsübernahme auch nicht empfehlen.

Die Konsequenz könnte also sein, dass die großen Getränkehändlerketten in ein paar Jahren nur noch Fernseh-Biere führen?
Pritzl Die Gefahr besteht.
Himmel In Süddeutschland gibt es dagegen noch eine gewachsene Struktur an Inhaber geführten Getränkemärkten. Bei uns werden es leider immer weniger.

Haben die Biertrinker in Süddeutschland eine andere Mentalität?
Pritzl Ich denke schon. Der billigste Kasten kostet dort 13,99 Euro. Da kommt auch kaum einer auf die Idee, ein Fernseh-Bier zu kaufen. Man muss dazu aber auch sagen, dass der Transport bis Südbayern teurer ist für die großen Brauereien. Wir in Franken sind leider innerhalb eines Tages zu erreichen.
Himmel Und wir sind hier gelernte Pilstrinker.
Pritzl Hätten wir uns damals auf Export und Märzen konzentriert, wären wir heute nicht so angreifbar.
Düll Uns fehlt ein authentisches Bier für unsere Region, so wie das Hefeweizen in Oberbayern. In den 60er Jahren haben wir auf Pils umgestellt und damit gute Erlöse erzielt. Jetzt haben wir ein Problem wegen der Billig-Pils-Schwemme der Fernseh-biere.
Wolf Und die Kundenansprüche lauten nun mal: Je billiger desto besser. Wir haben Lager und Märzen gebraut. Dann kam die Nachfrage nach Pils - und der mussten wir nachkommen.

Eine eigene unterfränkische Bieridentität wäre ein Traum: Gibt es nicht irgendwelche Ideen?
Pritzl Das müsste ein Bier sein, das nicht im Mainstream liegt und damit verbunden ist natürlich ein großes Risiko. Wenn es nicht läuft, drohen große Verluste.
Düll Wir müssen genau überlegen, wie wir weiter vorgehen. Seit 1992 haben 40 Prozent der traditionellen Braustätten in Deutschland geschlossen. In ganz Sachsen-Anhalt gibt es vier Brauereien. Die Billigst-Strategie hat dort die lokalen Anbieter aus dem Markt gedrückt. Das trifft aber nicht nur Brauereien, sondern auch regionale Metzger, Bäcker und so weiter.

Wie kann man diesem Trend entgegenwirken?
Pritzl Die Regionalität lässt sich noch ausbauen. Vor allem wenn wir dem Verbraucher klar machen, dass auch regional eine Vielfalt vorhanden ist.
Düll Jammern nützt nichts. Wir müssen überlegen, wir wir unser Bier in unserem Umfeld positionieren können. Da hilft es sicherlich, zur Ehrlichkeit der Produkte zurückzukommen. Wir sollten den Verbrauchern erläutern, was wir machen und uns dann auf die Kunden spezialisieren, die auf Regionalität setzen. Von allem anderen sollten wir die Finger lassen.

Was heißt alles andere?
Düll Beispielsweise von den Geschäften mit den Discountern.


Das Gespräch führte Ralf Dieter



















was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren