Hoheim
Brauch

"Ratschenkinder" erzählen über ihre Aufgabe

Marina Rößner und Lena Niersberger sind "Ratschenkinder". Während der Kartage laufen sie durch Hoheim und erinnern die Bewohner an das Leiden Jesu.
Artikel drucken Artikel einbetten
Marina Rößner und Lena Niersberger sind "Ratschenkinder" in Hoheim. Foto: Sabine Herteux
Marina Rößner und Lena Niersberger sind "Ratschenkinder" in Hoheim. Foto: Sabine Herteux
Wenn Marina und Lena in diesen Tagen das Haus verlassen, schlafen die allermeisten noch. Es ist noch fast dunkel, der Morgen graut. Kaum jemand ist unterwegs. Sie haben die Straßen für sich allein. Haben nur einen einzigen Begleiter. Der kommt nur einmal im Jahr zum Vorschein. Wird nur einmal im Jahr über die Schulter gehängt. Dennoch entgeht er keinem, erreicht er jedes Haus in jeder Straße - ihre Ratsche. "Es gehört an Ostern einfach dazu! Mir würde etwas fehlen, wenn ich das nicht machen würde", sagt die 14-jährige Lena mit ihrer Ratsche fest unter dem Arm geklemmt. Seit sechs Jahren ist sie bei den Hoheimer "Ratschenkindern" dabei. Marina, 15 Jahre, seit fünf Jahren. Auch sie ist von der Tradition jedes Jahr aufs Neue fasziniert: "Es ist ein toller Brauch und es ist ein gutes Gefühl, dabei sein zu dürfen."



Zwölf Mädchen und Jungen zwischen neun und 16 Jahre laufen von Gründonnerstag bis Karsamstag in drei Gruppen mehrmals am Tag durch Hoheim, um mit dem Ratschen zum Gebet einzuladen - und die Glocken, die in diesen Tagen wegen der Grabesruhe Jesu schweigen, zu ersetzen. So will es der Brauch. Die Ratschen haben teilweise schon mehrere Generationen erlebt, sind Familienerbstücke, oft selbst angefertigt.

"Manchmal fehlt der Ernst, wenn wir ein bisschen Blödsinn machen. Aber das gehört auch dazu", findet Lena. Andächtige, stille Momente gibt es dennoch jede Menge. "Zwischendurch denke ich schon darüber nach, warum Jesus das für uns gemacht hat", erzählt Marina. Schon vor 6 Uhr aufstehen zu müssen - und das auch noch in den Ferien - macht beiden nichts aus: "Es ist schon anstrengend, aber es fühlt sich auch gut an, etwas für Gott tun zu können."

Manche Leute beschweren sich
Vielerorts findet das Ratschen genauso statt wie in Hoheim. In manchen Gemeinden ist der Brauch inzwischen allerdings eingeschlafen. Auf diese lange Tradition zu verzichten, können sich Lena und Marina nicht vorstellen: "Die Leute sind das gewohnt. Den meisten würde etwas fehlen, vor allem den Alteingesessenen", glaubt Lena. Dennoch hagelte es wegen der lauten Ratschen auch schon Beschwerden: "Vor allem von Leuten, die Nachtschicht oder kleine Kinder haben", erzählt Marina. Als Ruhestörung gilt es aber - da nicht vor 6 Uhr geratscht wird - nicht.

Sonja Kunz, die das Ratschen zur Karwoche seit über zehn Jahren organisiert, ist dagegen froh, dass Hoheim von diesem Brauch überhaupt noch zehren kann: "Wir sind Gott sei Dank in der glücklichen Lage, dass weiterhin viele Ministranten interessiert sind und mitmachen wollen."

In der Stadt Kitzingen sieht das schon ganz anders aus. Das bedauert auch Pfarrer Manfred Bauer: "Die Tradition hat sich auf dem Land besser gehalten als in der Stadt. Aber auch dort wird es schwieriger." Nicht nur, dass es wegen des demographischen Wandels immer weniger Kinder gebe - auch die Bereitschaft zum Ratschen lasse deutlich nach. "So traurig es ist, deswegen geht die Welt nicht unter", glaubt er. Dem zunehmenden Verlust der religiösen Tradition gewinnt er stattdessen auch etwas Positives ab: "Mancherorts greifen die Erwachsenen wieder selbst zur Ratsche, weil sie merken, wie wichtig der Brauch ist. Damit sind sie ein gutes Vorbild."

Ganz möchte Bauer in der Stadt aber auch nicht auf den Brauch verzichten: "Ich habe schon vor ein paar Jahren eingeführt, dass die Ministranten in den Gottesdiensten am Gründonnerstag und Karfreitag bei den Prozessionen klappern." Den Sinn, den das Ratschen haben soll, findet Bauer bis heute immer wieder beeindruckend: "Im ersten Moment erschrickt man, und das soll ja auch so sein. Das Ratschen erinnert an die Passion, es ist ein ähnliches Geräusch wie als Jesu ans Holz genagelt wurde."

Für Marina und Lena ist das Ratschen mittlerweile längst zur Routine geworden. Nur sicherheitshalber haben sie die Texte noch kleingedruckt auf ihre Ratsche geklebt. Und auch heute laufen sie noch einmal durch Hoheim, durch die fast leeren Straßen - und machen Krach.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren