Kitzingen
Beratung

Psychologischer Dienst hilft Schulen bei Krisen

Nach Unglücken an Schulen ist Hilfe notwendig. Seit dem Amoklauf in Erfurt 2002 hilft das Psychologenteam KIBBS den Schulen, Lehrern und Kindern.
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Herbert Kimmel
Herbert Kimmel
Als Herbert Kimmel von dem Amoklauf an einer Grundschule in Newtown (USA) erfuhr, war er von der Tat schockiert. So wie viele andere Menschen auch. "Die USA haben, was dieses Thema angeht, eine traurige Tradition." Doch dann begann Kimmel, die Katastrophe von einer anderen, einer professionellen Seite zu betrachten. Er selbst kannte weder die Hintergrundfakten noch die Beweggründe des Täters. Stattdessen überlegte er, was jetzt für die Schulen in Bayern zu machen sei.
Herbert Kimmel ist Schulpsychologe. Er und das Team von KIBBS haben Erfahrung mit solchen Krisen. Sie halfen nach den Amokläufen an Schulen in Erfurt (2002), Coburg, Ansbach und Winnenden (beide 2009), aber auch nach dem Einsturz der Eishalle in Bad Reichenhall 2006. KIBBS steht für Krisen Interventions- und Bewältigungsteam Bayerischer Schulpsychologinnen und Schulpsychologen. Das Team in Unterfranken besteht aus acht Schulpsychologen, die besonders geschult sind.
Sie kennen spezielle Methoden, mit denen sie helfen können.
Kurz nach dem Amoklauf in Newtown erarbeiteten Kimmel und ein Kollege ein Informationsschreiben. Damit sollten die Schulen schnell beraten werden, wie Lehrkräfte den Schülern dabei helfen könnten, mit Ängsten umzugehen. Obwohl jetzt erst einmal Ferien sind: Die Angst kann bei Kindern, aber auch bei Eltern und Lehrern bleiben, wenn auch nur im Hinterkopf.
KIBBS arbeitet eng mit der katholischen Krisenseelsorge in Schulen (KiS) und evangelischen Notfallseelsorge in Schulen (NOSIS) zusammen. Besonders bei der Trauerarbeit Angehöriger erweist sich diese Zusammenarbeit als sehr nützlich. "Wir bilden eine feste Größe", sagt Kimmel.

Bereitwilligkeit ist die Grundlage

"Alles beruht auf Bereitwilligkeit der Betroffenen", betont Kimmel. Die Schule meldet sich beim Kriseninterventionsteam, wenn sie Hilfe oder kurz einen Rat braucht. Dann wird innerhalb von KIBBS geklärt, welcher der acht Schulpsychologen gerade einsatzfähig ist. Die Experten sind selbst Lehrer an Schulen oder an der Schulberatungsstelle tätig. Dementsprechend haben nicht immer alle KIBBS-Mitglieder Zeit. Zwei bis vier Experten fahren für zwei, drei Tage zur betroffenen Schule. Dort beraten sie zunächst das Direktorat, wie in den ersten Stunden nach einem Krisenfall gehandelt werden muss. KIBBS kann Informationsmaterial zur Verfügung stellen, zum Beispiel Elternbriefe, Konzeptionen für einen Elternabend oder eine Lehrerkonferenz.
"Der Umgang mit Krisen, die eine ganze Schule destabilisieren, gehört nicht zum Alltagsgeschäft von Lehrern und Schulleitern", sagt Kimmel. Deshalb berät KIBBS die Schulleiter und Lehrkräfte beispielsweise darin, wie sie die Kinder vom Suizid eines Mitschülers informieren sollen. Außerdem sprechen Kimmels Kollegen dann auch mit den Betroffenen. Gespräche mit einzelnen Schülern mit Gruppen oder Klassen haben sich als sehr hilfreich erwiesen, um Krisenereignisse zu bewältigen und zurück in den Alltag finden. Ziel seines Teams ist es, zu helfen und die Tage nach dem Schrecken zu bewältigen.
Inwiefern danach noch therapeutische Beratung notwendig ist, hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Wie schnell ein Betroffener die Belastungen durch eine Krise bewältigen kann, hängt zum Beispiel davon ab, wie sehr er am Geschehen beteiligt war, wie nah er dran war. Außerdem spielen auch individuelle Umstände eine Rolle, zum Beispiel, wie stabil der Betroffene und wie stark ausgeprägt seine Bewältigungsstrategien sind.
Besonders nach einem Amoklauf ist die Gefahr von Trittbrettfahrern groß. Es kommt zu Drohungen gegenüber Schulen, bei denen man nicht sicher sein kann, ob es nur ein unbedachter Scherz oder eine ernste Ankündigung ist. In Krisensituationen kommt dann auch der Druck von den Medien hinzu. Auch wenn Lehrer negative Veränderungen bei einem Schüler beobachten, die Anlass zur Sorge geben, kann KIBBS gerufen werden. Dabei ist auch die Aufmerksamkeit der Mitschüler gefragt. Es ist sehr hilfreich, wenn Mitschüler über Informationen aus sozialen Netzwerken verfügen und sich Lehrkräften anvertrauen. Dann wird gemeinsam überprüft, welche Hilfen diesen Schülern angeboten werden können.

Einsätze gehen an die Substanz

Die Einsätze an den Schulen sind oft Kräfte zehrend, sowohl körperlich als auch psychisch. Oft beginnt bei einem Einsatz der Tag eines KIBBS-Psychologen vor 7 Uhr mit ersten Lehrerkonferenzen. Dann folgen Gespräche mit Klassen, kleineren Gruppen oder einzelnen Hilfe Suchenden. Abends muss dann der nächste Tag vorbereitet werden.
Mindestens genauso schwerwiegend ist auch die psychische Belastung. "Was uns begegnet, ist oft nicht locker wegzustecken", sagt Kimmel. Nach einem Einsatz bietet ihm seine Familie besonders Stabilität. Manchmal muss er sich aber auch einfach nur austoben. Dann geht Herbert Kimmel joggen.

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