Das Quartier der israelischen Sportler in der Conollystraße 31 war der erste Tatort, mit dem Manto Graf zu Castell-Rüdenhausen als Bundespolizist zu tun hatte. Er war 23 Jahre alt, Grenztruppjäger beim BGS in Oerlenbach (Kreis Bad Kissingen), und zur Olympiade 1972 im Ordnungsdienst eingesetzt. Am 5. September hatte er frei und erkundete mit Kollegen die Stadt. "München war was Neues. Wir waren viel unterwegs." Zunächst bekam er gar nicht mit, was im Olympischen Dorf passierte: Acht Mitglieder der palästinensischen Terrorgruppe "Schwarzer September" hatten das Quartier der israelischen Sportler überfallen.

Trainer Moshe Weinberger wollte die Eindringlinge überwältigen. Sie erschossen ihn. Die Leiche warfen sie aus dem Fenster. Gewichtheber Josef Romano wurde angeschossen. Er verblutete in der Wohnung. Nach mehreren Verhandlungsrunden ließen sich die Attentäter in der Nacht mit den restlichen neun Geiseln in Hubschraubern zum Militärflughafen Fürstenfeldbruck fliegen. Dort eskalierte die Situation: In einem unkoordinierten Feuergefecht starben fünf der Terroristen und ein Polizist. Keiner der gekidnappten Sportler überlebte die Nacht.

Am Morgen des 6. September bekam Castell-Rüdenhausen - bis dahin mit einem Funkgerät ausgerüstet - eine Pistole. "Ich wurde abgestellt, die Wohnung in der Connollystraße 31 zu bewachen. Ich bin mit einem Kriminalbeamten rein, unmittelbar, nachdem die weg waren." Treppe hoch, rechts in die Räume der Ringer und Gewichtheber. Castell-Rüdenhausen stand auf dem Balkon, von dem die Geiselnehmer Stunden zuvor ihre Forderungen geworfen hatten. Er erinnert sich an die karge Einrichtung der Sportler-Unterkunft, an Blut und Einschusslöcher in der Wand. Und er erinnert sich an den Geruch.

Gestank von Blut, Schweiß, Essen


Der 63-Jährige ist kein Mann ausschweifender Worte. "Unangenehm", beschreibt er die Luft in dem Raum, in dem die Athleten einen Tag gefangen waren. "Es war ein heißer Spätsommer. Essensreste. Die kriminalpolizeilichen Maßnahmen waren abgehandelt - aber vorher lag eben lange ein Toter in dem Raum."

Castell-Rüdenhausen sitzt mit einem Buch über die Olympiade 1972 auf den Knien in seinem Haus in Rüdenhausen (Kreis Kitzingen). Vieles erfuhr er erst Jahre später. "Ein Polizeipsychologe hatte vor so einem Szenario gewarnt. Aber die Führung der Münchner Polizei nahm das nicht ernst." Den deutschen Beamten wurde Inkompetenz und Gleichgültigkeit vorgeworfen. "Nein!", sagt der 63-Jährige bestimmt, fast scharf. Er erzählt von der Stimmung 1972, von Schwimmern, die heimlich Leichtathletinnen besuchten und Olympioniken, die ihre Trainer austricksten und sich trotz Sperrstunde über den Zaun davon machten. Auch die Terroristen kletterten im Trainingsanzug über den Zaun.

"Man macht sich's heute zu leicht. Aufgrund der negativen Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte, würde man die Sicherheitsvorkehrungen heute als zu gering einstufen. Aber damals war uns der Nahost-Konflikt nicht so bewusst; uns war nicht klar, dass das hier hergetragen werden könnte. Wir haben so was nicht erwartet.  So was gab's damals einfach nicht."

Viel später sei ihm klar geworden, dass es "irgendwie zu erwarten hätte sein müssen. Terroristen suchen sich eine Plattform, wo sie sich weltweit darstellen können." Der Bundespolizist hatte später häufig mit Terrorismus zu tun, vor allem mit der RAF. "Es gab bei anderen Einsätzen für mich viel gefährlichere Situationen" - überraschend lacht er laut auf: "die mir auch nicht die Lust an dem Beruf genommen haben!" Die Connollystraße war für Castell-Rüdenhausen der erste Tatort. "Das hat schon irgendwie geprägt." Vor drei Jahren ging als er Polizeihauptkommissar in den Ruhestand.

Beim Olympia-Attentat vor 40 Jahren war er noch in der Ausbildung. "Ich hatte bei Weitem  nicht  den Einblick wie später." Heute fragt er sich, warum damals nicht auf "besser ausgebildete Beamte zurückgegriffen wurde. Wir hatten im BGS auch schon Scharfschützenlehrgänge. Unter den Beamten waren mit Sicherheit zwei- bis dreihundert Scharfschützen." Das "Riesen-Chaos am Flughafen" hätte vielleicht mit mehr und besser ausgebildeten Beamten verhindert werden können. Außer Büchern über die Olympiade hat der pensionierte Polizist auch seine alten Unterlagen herausgesucht: Anweisungen für den Ordnungsdienst, Sprachführer, Dienstpläne.

Er liest die Einsatzzahlen vor. Etwa 10.000 Polizisten waren für die Spiele abgestellt, zusätzlich 2130 Beamte für den Ordnungdienst, darunter eine gute Handvoll aus Oerlenbach. Er blättert: "In der Nacht vom 4. zum 5. September waren im olympischen Dorf ein gehobener, vier mittlere Beamte und 34 Grenzjäger eingesetzt. Nicht viel. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Zaun nur eine Umfriedung war. Er zeigte: Hier ist Schluss." Das sollte reichen.

Terrorismus kennt keine Tabus mehr


Heute sieht Castell-Rüdenhausen das Olympia-Attentat als Auslöser für einen tiefgreifenden Wandel der Polizei. "In der Ausbildung wurde uns zwar gesagt, dass wir Polizei sind, aber das polizeiliche Denken kam erst nach Olympia." Der BGS war bis in die 70er Jahre geprägt von der Denkweise alter Wehrmachtsoffiziere. "Das war eine Art Paramilitär, ursprünglich gedacht als Puffer zwischen den Großmächten der Nato und des Warschauer Paktes. Wir vom BGS sind in dieser Zeit in Hundertschaften aufgetreten. Später, bei Fahnungsmaßnahmen, war das ganz anders."

An der Grenze sei ohnehin nicht "allzuviel zu tun" gewesen. "Die Ausbildung für erweiterte Einsatzbereiche wurde verstärkt, mehr mit dem Blick ins Landesinnere, zur Verstärkung der Landespolizei." Die GSG 9, die Anti-Terroreinheit der Bundespolizei, wurde aufgestellt. "Aber auch im normalen Dienst rückten Sachen wie Eigensicherungsmaßnahmen in den Vordergrund. Vorher dachte man, mit persönlicher Autorität viel durchsetzen zu können." Olympia 1972 veränderte vieles: "Die Terroristen haben erkannt, wie sie große Öffentlichkeit bekommen. Danach ging es weiter mit Flugzeugentführungen." Er spricht über die gekaperte Lufthansa-Maschine "Landshut" und die Anschläge vom 11. September. "Heute gibt es keine Tabus mehr, nichts, was unvorstellbar ist."