KITZINGEN

Pflegeeltern nehmen junge Flüchtlinge auf

Der 17-jährige Ali aus Afghanistan und der 18-jährige Mohammad aus Syrien leben bei einer Kitzinger Familie. Sie haben sich schnell eingelebt.
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Normalität auf dem Sofa: Familie Metzner mit ihren drei Pflegekindern (von links): Vater Karl-Heinz und Sandro, die Flüchtlinge Ali und Mohammad und Mutter Carla. Hund Sissi gehört auch dazu. Foto: Foto: Ralf Thees

„Wir waren angenehm enttäuscht“, erzählt Carla Metzner. Als sie und ihr Mann im März zwei junge Flüchtlinge in ihre Familie aufnahmen, hatten sie mit mehr Problemen gerechnet. Doch der 17-jährige Ali aus Afghanistan und der 18-jährige Mohammad aus Syrien haben sich in kürzester Zeit integriert – beinahe eine normale Familie.

Carla und Karl-Heinz Metzner haben selbst drei erwachsene Kinder, die mittlerweile nicht mehr bei ihnen zuhause leben. Seit 22 Jahren hatte das Ehepaar auch Pflegekinder, kurzzeitig oder auch auf Dauer. Wie der 14-jährige Sandro, der schon mit drei Wochen zu den Metzners als Pflegekind gekommen ist. „Es ist schön, wenn in dem großen Haus etwas los ist, gerade wenn die eigenen Kinder weggezogen sind“, sagt Karl-Heinz Metzner, „sonst fällt einem die Decke auf den Kopf.“

Als Anfang des Jahres das Jugendamt in Kitzingen einen Informationsabend veranstaltete, fand sich das Ehepaar spontan bereit, zwei junge Flüchtlinge bei sich aufzunehmen. „Von über 60 Pflegefamilien aus dem Landkreis sind nur drei gekommen“, erzählt der 51-Jährige enttäuscht.

Im März war es dann soweit – Ali und Mohammad standen vor Familie Metzners Haustür. Etwa ein halbes Jahr zuvor kamen die beiden Flüchtlinge ohne Familie nach Deutschland. Jetzt durften sie drei Tage lang auf Probe in Kitzingen wohnen. „Beide Seiten hätten dann Nein sagen können, falls es nicht gepasst hätte“, erklärt Karl-Heinz Metzner.

Aber dazu kam es nicht: Die beiden Jugendlichen und Familie Metzner verstanden sich auf Anhieb. Entscheidend war auch Sandro. Er wurde gefragt, ob die zwei Flüchtlinge in die Familie aufgenommen werden sollen. Denn er muss dann einen Teil „seines Reiches“ im ersten Stock aufgeben, das er zuletzt alleine bewohnt hat. Aber Sandro sagte, er macht das – und hat es nicht bereut.

Also zogen die zwei jungen Flüchtlinge nach Kitzingen. Und sie mussten erst einmal Deutsch lernen – auch um sich untereinander zu verständigen, denn die beiden kamen aus unterschiedlichen Ländern. Nach drei Monaten klappt das mit der deutschen Sprache für die kurze Zeit schon ganz gut. „Ich möchte schnell Deutsch lernen“, sagt Ali. Seine Pflegeeltern unterstützen das. Und so müssen beide jeden Tag der Familie eine halbe Stunde aus einem deutschsprachigen Buch vorlesen.

„Was wäre, wenn in Deutschland Krieg wäre?“
Familie Metzner, die zwei junge Flüchtlinge aufgenommen hat

Natürlich stoßen bei so einer familiären Konstellation die verschiedenen Kulturen aufeinander. Auf die Frage, was er als Mann zuhause in Syrien im Haushalt machen musste, antwortet Mohammad lapidar: „Nichts!“ Das ist vorbei: Beide Jungs müssen nun auch bei der Hausarbeit mithelfen. „Ali war das gewohnt, aber auch Mohammad hilft mittlerweile mit“, sagt Carla Metzner. „Meistens“, ergänzt Karl-Heinz Metzner und zwinkert dem 18-Jährigen lachend zu. Und so läuft das neue Familienleben relativ normal ab. Die beiden jungen Männer gehen zur Schule und bemühen sich um Praktikumsplätze. Ali trainiert im Boxverein, Mohammad ist mehr der häusliche Typ und spielt nachmittags gerne mit seinem neuen kleinen Bruder Sandro.

Aber auch die deutsche Abteilung der Familie muss Zugeständnisse machen – zum Beispiel ist Schweinefleisch vom Speiseplan der Metzners gestrichen. Ali und Mohammad sind Moslems und damit ist ihnen das Essen von Schwein verboten. Da die Pflegemutter nicht zweimal kochen will, gibt es eben für alle kein Schwein. Dafür werden nun öfters einmal arabische und afghanische Gerichte zubereitet – was in der ganzen Familie gut ankommt. „Man muss sich vorstellen, was wäre, wenn wir als Deutsche zum Beispiel in einer afghanischen Familie leben würden“, versucht Karl-Heinz Metzner zu erklären.

„Es ist sehr anstrengend mit Flüchtlingen als Pflegekindern, aber auch sehr, sehr schön“, sagt Karl-Heinz Metzner. Als einzige Familie in der Umgebung stehe man zwar etwas alleine da, aber vom Jugendamt werden sie sehr gut unterstützt. „Und da besonders von Frau Götz, die genau wie wir mit Herzblut bei der Sache ist“, ergänzt der Vater. Die Reaktionen aus dem Umfeld waren überwiegend positiv. Karl-Heinz Metzner hat im Vorfeld einen offenen Brief an die Nachbarn geschrieben und sie informiert – und dann prompt zwei Fahrräder für die jungen Männer geschenkt bekommen.

Den Eheleuten begegnen manchmal aber auch Angst, Vorurteile und Unverständnis. Oft werden sie gefragt: „Warum macht ihr das?“ Die Antwort ist für die Metzners einfach: „Was wäre, wenn in Deutschland Krieg wäre? Dann wären wir doch auch froh, wenn uns jemand aufnimmt.“

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