Ganz neu ist das Thema nicht. Die Möglichkeit, die sechs berühmten Kreuzchen im Internet und nicht auf dem Lottoschein zu machen, bestand schon einmal. Kurz nach der Jahrtausendwende konnte man bereits seine Tipps per Maus und dem heimischen PC abgeben, bis das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2006 dieser Form des Glücksspiels einen Riegel vorschob. Es sei mit dem Ziel der Suchtprävention nicht vereinbar, lautete die damalige Begründung. Jetzt können die Lottospieler wieder im Internet spielen. Und die Annahmestelllen fürchten um wichtige Einnahmen.
Geregelt wird das Lotto spielen im so genannten "Staatsvertrag zum Glückspielwesen in Deutschland." Ausländische Anbieter lachten sich ins Fäustchen und zogen deutsche Online-Lottospieler auf ihre Sites. Von dort aus konnten sie auf die Ziehung der deutschen Lottozahlen wetten.

Umsatzsteigerung erwartet


Das Verwaltungsgericht Halle konnte nach umfangreichen Recherchen bei Fachkliniken und Betreuungsgerichten nachweisen, dass eine Suchtgefahr für Lotto faktisch nicht existiert. Damit war der Weg für einen neuen Glückspiel-Staatsvertrag frei, der seit dem 1. Juli gilt. Seitdem kann der Tippschein wieder über die Website www.lotto.de abgegeben werden. Nach Eingabe der Postleitzahl wird der Spieler automatisch auf die Website der örtlichen Lottogesellschaft gelenkt. Wer online spielen will, bucht vorher einen Betrag auf sein persönliches Lotto-Konto, von dem aus dann der Tippschein bezahlt wird. Mittelfristig soll so der Umsatz der Lottogesellschaften von 6,7 auf 8 Milliarden Euro im Jahr steigen.
Von dieser Umsatzsteigerung profitieren nicht zuletzt auch gemeinnützige Organisationen. Ein Teil der staatlichen Lotterie-Einnahmen, derzeit rund 2,5 Milliarden Euro pro Jahr, fließen Sportverbänden oder kulturellen Einrichtungen zu. "Allein Lotto Bayern führt an den bayerischen Staatshaushalt rund 40 Prozent seines Umsatzes an Lotteriesteuer und Gewinnabgabe - und damit für gemeinnützige Zwecke - ab", berichtet Oliver Albrecht, Sprecher der Unternehmenskommunikation von Lotto Bayern. "Im letzten Jahr waren das über 400 Millionen Euro." Durch die Mehreinnahmen aufgrund der Internet-Spieler soll diese Summe auf drei Milliarden Euro ansteigen.
Was sich auf den ersten Blick wunderbar anhört, hat eine Schattenseite: Kleine Lotto-Annahmestellen, die vielleicht nicht von der Laufkundschaft des benachbarten Supermarktes profitieren, befürchten Umsatzeinbußen. Knapp zehn Millionen Spielaufträge gehen jede Woche in den Annahmestellen ein. "In der einzelnen Annahmestelle sind es zwischen 800 und 1 500 Spielscheine", berichtet Dieter Lakota, der seit 1996 eine Annahmestelle in der Kitzinger Fußgängerzone führt. "Wenn der Jackpot steigt, steigt auch das Lotto-Fieber. Dann werden deutlich mehr Spielscheine abgegeben." Und viele werden das nun auf den letzten Drücker erledigen - eben online.

Jüngere Zielgruppen im Blick


Der Umsatz sei damals auch schon eingeknickt, als das Online-Spiel das erste Mal freigegeben war, allerdings nicht so dramatisch wie es anfangs befürchtet wurde. "Einen massiven Einbruch erwarten wir auch diesmal nicht, aber spüren werden wir das schon", verrät der Kitzinger, dessen Kundschaft sich zu 70 Prozent aus Stammkunden und 30 Prozent Touristen zusammensetzt.
In der Regel sind Lottospieler etwas älter. Mit dem Internet-Angebot wollen die Lottogesellschaften das Spiel einem jüngerem Publikum öffnen. "Internet-Kunden sind keine Annahmestellen-Kunden", beschwichtigt Oliver Albrecht von Lotto Bayern. "Dieses Klientel hat bisher eher nicht in Annahmestellen gespielt."
Dennoch erhalten die Annahmestellen für den Anteil, der ihnen womöglich durch die ins Internet abwandernde Kundschaft entgeht, einen kleinen Ausgleich. "Und genau da zwickt es etwas", räumt der Kiosk-Besitzer ein. "Wer nämlich nach wie vor seine Tipps bei ausländischen Anbietern abgibt, erhöht den Umsatz der Lottogesellschaft nicht. Dieser Umsatz speist aber zum einen unser Ausfall-Honorar, zum anderen die Quote, die an gemeinnützige Zwecke geht."

Dienstleistungen erweitert


Dieter Lakota hat langfristig vorgesorgt, um nicht von derartigen Entwicklungen vom Markt gespült zu werden. "Was früher eine reine Lotto-Annahmestelle war, haben wir stetig erweitert", berichtet er stolz. "So konnten wir immer mehr Dienstleistungen anbieten." Er ist gewissermaßen die Post-Filiale am Marktplatz und verkauft Tageszeitungen sowie die gängigen Boulevard-, Lifestyle- oder Fachmagazine. "Allein vom Lotto könnte man heute nicht leben", gesteht Dieter Lakota. "Außer man gewinnt in der Ziehung."