Mehrere Generationen leben unter einem Dach. Mehrere Kulturen arbeiten hier Hand in Hand und bereichern sich täglich. Mehrere soziale Schichten prallen hier aufeinander und niemand stört sich dran. Warum funktioniert das bei Kindern? "Weil es für Kinder normal ist, verschieden zu sein", sagt Heike Jutzi, Leiterin des Evangelischen Stiftungskindergarten Schreibersgasse, des ältesten Kindergartens in Unterfranken.
"Alt" wirkt dieser Kindergarten aber ganz und gar nicht. Er ist das genaue Gegenteil. Mit dem Konzept der "Offenen Kindertageseinrichtung" hat der Kindergarten in der Schreibersgasse 2009 pädagogisches Neuland betreten. Der Prozess war mutig, forderte von Eltern, Kindern und Erzieherinnen ein völliges Umdenken und ist noch nicht abgeschlossen. "Man ist nie fertig im offenen Konzept", betont auch Liane Paal, die seit 1980 im Kindergarten arbeitet und vom aktuellen Modell überzeugt ist.

Das Kind entscheidet


"Kinderbeiteiligung" lautet das Zauberwort einer "offenen Kindertageseinrichtung". Demnach spielt sich das Leben eines Kindergartenkindes nicht mehr wie früher nur in seiner Stammgruppe ab, die meist "Mäuse", "Hamster" oder "Bären" heißt. Stattdessen hat das Kind zu festgelegten Zeiten die Freiheit zu entscheiden, mit wem es wo spielen will und was es überhaupt machen möchte. Das kann dann dazu führen, dass ein Kleinkind plötzlich in die Schreibwerkstatt geht und mit Buchstaben oder Zahlen spielen will, obwohl das für seine Altersstufe noch gar nicht vorgesehen wäre. "Es ist genau die Freiheit, die Kinder befähigt, selbstbewusst und entscheidungsfreudig ihren eigenen Weg gehen zu wollen", betont Liane Paal. "Die Kinder selbst haben das offene Konzept erarbeitet", berichtet Heike Jutzi lachend. "Die wussten manchmal besser als wir Profis, was wo hinkommt und wie die einzelnen Räume aussehen sollen". So entstanden dann Räume, die "Künstlerwerkstatt", "Kinderbaustelle", "Theaterwelt" oder sogar "Wohlfühl-Oase" heißen.

Kindern Werte vermitteln


Es ist eine eigene, kleine Welt, die sich gleich hinter der stets sicher verschlossenen Eingangstür entfaltet. Sie hat mit der vor 140 Jahren ins Leben gerufenen "Protestantischen Kinderbewahranstalt" natürlich nicht mehr viel gemeinsam. "Kinder sind Kinder", räumt Heike Jutzi ein, "aber die Welt um sie herum ist anspruchsvoller geworden". Sie bedauert es, dass die Eltern immer weniger Zeit haben. "Ein Kindergarten kann bestenfalls familienergänzend wirken, er kann die Familie aber nicht ersetzen", betont sie. Umso wichtiger wird es, im Kindergarten Werte zu vermitteln, für die zuhause oft kein Platz mehr ist. Einzelne Kinder mit neongelben Jacken fungieren zum Beispiel als Streitschlichter. Dann wird das Prinzip, wonach der Stärkere dem Schwachen hilft, hier intensiv gelebt. Die Verantwortung gegenüber der Natur steht überdies im Zentrum von Wanderungen. "Und natürlich spielt die religiöse Erziehung bei uns eine wichtige Rolle", erklärt Liane Paal. Auch hier hat aber das Wort "offen" seinen Stellenwert, denn der Kindergarten ist auf Basis einer christlichen Grundausrichtung offen für alle Religionen. "Es war einfach großartig, als türkische Eltern im evangelischen Gottesdienst Segenstexte vorgetragen haben" erzählt Jutzi.
Der Jubiläumsfeier am Sonntag, 20. Mai, fiebern nun alle entgegen. Die Kinder selbst machen die Führungen durch ihren Kindergarten und wollen zeigen, wofür Heike Jutzi in Beratungsgesprächen wirbt: dass nämlich selbst Dreijährige aus einem breiten Katalog an Spielmöglichkeiten auswählen und selbst entscheiden können, welches Lernangebot sie wahrnehmen wollen. "Wer hier das Mitdenken gelernt hat", so Jutzi, "der hat bei uns eine gute Basis für sein weiteres Leben erworben".

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