WIESENTHEID

Öffentliches Grün wird bunt

Nachhaltig und naturverträglich: Gemeinden wie Wiesentheid achten bei ihren Anlagen vermehrt auf Ökologie. Die Minigärtner helfen bei einer Pflanzaktion mit.
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Die Pflanzfläche ist schon gedüngt und mit Rindenmulch vorbereitet, jetzt stellen die Minigärtner die Pflanzen bereit. Foto: Foto: Daniela Röllinger
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Innerhalb kurzer Zeit ist die braune Fläche nahe des Wiesentheider Kindergartens grün – und schon bald wird sie in bunten Farben leuchten. Zu verdanken ist das den Europa-Minigärtnern, die sich auf ihrer zweijährigen Erkundungstour durch die Welt des Gartenbaus am Donnerstag der Bepflanzung öffentlicher Flächen gewidmet haben.

Bäume, Hecken, Wiesen, Pflanzbeete, aber auch Wege, Spielplätze und Friedhöfe – wo es grünt, blüht und wächst auf den Gemarkungen der Gemeinden ist für die Gärtner und Mitarbeiter der Bauhöfe viel zu tun. Ein Aufwand, der von den Bürgern erwünscht, aber häufig unterschätzt wird.

90 Prozent der Arbeit von Tim Bertschy, der in Wiesentheid Hauptverantwortlicher für das öffentliche Grün ist, besteht aus Pflegearbeiten wie Mähen, Zurückschneiden, Totholz entfernen.... Dass er und der Kollege, der ihn dabei unterstützt, viel zu tun haben, kann man sich vorstellen, denn in der Marktgemeinde gibt es eine Besonderheit: Der zehn Hektar große Schlosspark der Familie Schönborn darf von der Öffentlichkeit genutzt werden – dafür übernimmt die Gemeinde die Pflege der Flächen, Hecken und Bäume – alleine 173 historische Bäume gibt es dort. Zudem hat Wiesentheid außergewöhnlich viele Alleen wie die Kanzleistraße, die Schönbornstraße oder die Bahnhofstraße.

Gleich in der Nähe des Schlossparkes, in der Parkstraße, stand am Donnerstag eine Arbeit an, die nicht ganz so oft vorkommt. Gemeinsam mit den Europa-Minigärtnern Wiesentheid – einer 24-köpfigen Gruppe von Kindern aus dem Landkreis Kitzingen, die unter Leitung von Margot Burger von der LWG zwei Jahre lang den Gartenbau erkunden – wurde ein Beet neu angelegt. Tim Bertschy und sein Kollege Michael Lang hatten schon die Vorarbeiten geleistet, der Boden war gedüngt und mit Rindenmulch bedeckt. Lutz Müller von der Fränkischen Toskana hatte viele verschiedene Stauden mitgebracht, die von den Kindern gepflanzt wurden. Konzentriert holten sie Maiglöckchen, Bergenien, Immergrün, Christrosen, Funkien und Gräser aus den Töpfen, hoben Löcher aus und platzierten sie in der Erde. Für Schatten, die diese Pflanzen lieben, sorgen zwei Feldahornbäume. „Immer eine Unterarmlänge Abstand halten“, erklärte Michael Lang. „Und die Löcher nicht zu flach und nicht zu tief ausheben.“

Pflanzen, die Sonne lieben, wachsen dagegen künftig an einem Beet am Kindergarten. Statt Rindenmulch bedeckt dort Sand die Erde, in die die Minigärtner Engelshaargras, Blauraute, Purpur-Liebesgras und mehr einsetzten. „Das blüht dann hier in Blau-, Weiß-, Gelb- und Rottönen“, versprach Lutz Müller, der die Kinder anleitete.

Das öffentliche Grün zählt mit zur Visitenkarte der Orte, findet der Wiesentheider Bürgermeister Dr. Werner Knaier. Gemeinden geben viel Geld für das öffentliche Grün aus, zumal die Arbeiten von den Gärtnern und Bauhof-Mitarbeitern alleine oft nicht zu bewältigen sind. Etwa 142.000 Euro gibt beispielsweise die Marktgemeinde Wiesentheid laut Knaier im Jahr für die Grünlagen und Grünpflege aus. Darin enthalten sind die Kosten für das eigene Personal sowie die Aufträge an Fremdfirmen, die unter anderem zwei Kilometer Hecke schneiden.

Um die Orte schön zu gestalten und zugleich die Kosten nicht explodieren zu lassen, nimmt die Marktgemeinde bei der Grüngestaltung die Bürger mit ins Boot. In den Siedlungsgebieten oder bei der Dorferneuerung werden Flächen angelegt, die von den Bürgern bepflanzt und gepflegt werden. Die Gemeinde stellt für die Pflanzen einen gewissen Betrag zur Verfügung, anschließend kümmern sich die „Paten“ um die Beete. „In Reupelsdorf wurden 37 solcher Beete angelegt. 36 davon werden von den Anliegern gepflegt.“ Der Bürgermeister freut sich, dass die Einwohner so mitziehen. „Keiner will, dass sein Beet nicht gut aussieht oder seine Pflanzen kaputtgehen.“ Wer durch Reupelsdorf fahre, wundere sich womöglich über die vielen und gepflegten Anlagen. „Das wäre ohne die Bürger nicht machbar“, betont Knaier.

Auf ihren beiden Beeten pflanzten die Kinder unter anderem einen Schneeball, der viele Insekten anzieht und auch von Vögeln gerne angeflogen wird, sowie Sommerflieder, den Schmetterlinge lieben. Außerdem wächst dort einen Lederhülsenbaum, der Hitze und Trockenheit gut verträgt. Naturverträglichkeit und Nachhaltigkeit sind Themen, die nach dem Volksbegehren „Rettet die Bienen“ derzeit besonders im Fokus stehen. In Wiesentheid wurde im November ein Entwurf für ein Pflegekonzept zur Unterhaltung von Grünanlagen, Gräben und Bächen im Gebiet der Marktgemeinde erstellt. Initiatoren waren Norbert Schneider vom Bund Naturschutz, Biologielehrer Matthias Mann und der langjährige Landtagsabgeordnete Dr. Otto Hünnerkopf, so Dr. Knaier. Eine Arbeitsgruppe „Heimat erhalten – ökologisch gestalten“ wurde gegründet, die sich künftig regelmäßig treffen soll. Hauptziel ist es, die Ökologie und Artenvielfalt im öffentlichen und privaten Bereich zu fördern. Dass zur ersten Sitzung am 3. Mai gleich 35 Personen kamen, zeigt laut Knaier das große Interesse am Thema.

Tim Bertschy findet das Engagement gut und lobt die Ansätze im Entwurf des Pflegekonzeptes. Dessen Hauptziel ist es „eine win-win-Situation für die Natur und den Arbeitsaufwand der Akteure, also einen Konsens zwischen Ökologie und Ökonomie im weitesten Sinn zu erreichen“. Unter anderem geht es darum, die Gräben nur auf einer Böschungsseite zu mähen, Wiesen lieber zu mähen als zu mulchen und blüh- und blumenreiche Wiesen anzulegen. Auch wenn das Konzept noch in den Kinderschuhen steckt – zwei Bienenweiden hat Tim Bertschy schon mal angesät. Sie werden schon bald in bunten Farben blühen – genauso wie die beiden Beete der Minigärtner.

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