KITZINGEN

Digitalunterricht hat viele Vorteile.

Warum Lehrerin Johanna Uhl allen Eltern rät, ihren Nachwuchs lieber nicht mit Handy-Entzug zu bestrafen.
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Lehrerin Johanna Uhl zeigt ihr virtuelles Pendant auf dem Tablet. Sie sagt, das „neumodische Zeug“ werde aus dem Unterricht nicht mehr verschwinden. Im Gegenteil. Foto: Foto: DIANA FUCHS
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Johanna Uhl hat ihre Handynummer seit 20 Jahren. „Ich gehörte zu den Handy-Pionieren“, erzählt die 36-Jährige, die in Schwarzenau aufgewachsen ist und in Münsterschwarzach das Gymnasium besucht hat. Heute ist die Technik-affine Fränkin Lehrerin am Schweinfurter Rathenau-Gymnasium und freiberufliche Dozentin für „Lehren und Lernen mit digitalen Technologien“. In diesen Tagen reicht sie ihre Doktorarbeit ein. Sie hat erforscht, wie und was Jugendliche bei ihrer individuellen Mediennutzung lernen. Die Ergebnisse der Dissertation verblüffen – und stellen unser Schulsystem zum Teil infrage.

Heute ist der letzte Schultag. Alle Schüler freuen sich. Viele Eltern nicht: Sie sehen ihre Söhne und Töchter schon den lieben langen Tag Netflixen, Youtuben, Zocken und Posten.

Johanna Uhl: Ich kann diese Bedenken verstehen. Aber für die Jugendlichen ist die virtuelle Welt längst ein Stück Lebensrealität. Die Erwachsenen sollten das nicht per se verteufeln oder als Subkultur abtun, die wieder vorbeigeht. Sie wird nicht vorbeigehen! Im Gegenteil. Wenn sie ihrem Kind das Handy wegnehmen, ist das so, als hätten ihre Eltern ihnen früher alles auf einmal weggenommen: Freunde, Bücher, Musik, ihren Kalender, Spiele…

Aber viele Kids zocken einfach zu oft!

Was heißt zu oft? Viele Spiele sind wirklich lehrreich, auch wenn sie nicht so klingen.

Zum Beispiel?

Sehr beliebt ist aktuell „Fortnite“. Dabei gilt es, Strategien zu entwickeln, um das nächste Level zu erreichen – nicht alleine, sondern in der Gruppe. Die Kids sind beim Spielen miteinander vernetzt, also sozial eingebunden.

Heißt das, die Eltern können entspannen und ihre Kids ruhig zocken lassen?

Natürlich muss man sich dafür interessieren und genau hingucken, was und wie lange sie das tun und ob sie tatsächlich auch sozial agieren. Wenn jemand immer nur stumm und allein vor seinem Kästle sitzt, stimmt etwas nicht. Aber generell haben Zocken und Online-Medien-Nutzung, neben etlichen Gefahren, viel mehr positive Seiten als die meisten Erwachsenen glauben.

Welche denn?

Schüchterne Kids zum Beispiel, die in der Schule immer hinter den „Rampensäuen“ zurückbleiben, können mit modernen Technologien zuhause mal eine Audiodatei für den Lehrer anfertigen. Grundsätzlich gilt beim Lernen: Das, was mit positiver Emotion, Interesse und eigener Anstrengung verbunden ist, bleibt am besten hängen.

Das bedeutet, dass wir früher Vokabeln durch stures Pauken ganz falsch gelernt haben. Wie ist das heute?

Der große Unterschied ist: Früher gab es Bücher, Kassetten oder CDs, Radio, Fernsehen – sonst nichts. Heute hat jeder in seiner Hosentasche ein „Zauberding“, das Musik, Bibliothek, Lexikon, Lehrer und vieles mehr ist – alles in einem. Dadurch ändert sich der gesamte Alltag. Es gibt viele Lernprogramme. Aber noch stärker werden die jungen Leute vom privaten Netflixen, Youtuben und Online-Spielen beeinflusst. Die englische Sprache ist, gerade bei Youtubern, allgegenwärtig. Viel Input – das besagt die Sprachtheorie – versetzt einen irgendwann in die Lage, Output zu produzieren, sprich: selbst zu sprechen.

Darüber haben Sie Ihre Doktorarbeit verfasst: Wie junge Menschen heute unbewusst und bewusst Englisch lernen, indem sie moderne Technologien nutzen. Wie haben Sie das erforscht?

Erst habe ich mir angeschaut, was Smartphones alles können und wo Jugendliche überall aufs Englische treffen. Daraufhin habe ich einen Fragebogen mit 19 Frageblöcken entwickelt und detailliert nach der Online-Nutzung gefragt, sowohl der zielgerichteten zum Lernen als auch derjenigen zur Freizeitbeschäftigung. 500 Gymnasiasten zwischen zwölf und 19 Jahren haben – außerhalb der Schulzeit – mitgemacht und die Fragen beantwortet. Nach der Auswertung habe ich mit 30 Schülern direkte Interviews geführt.

Haben die Ergebnisse Sie überrascht?

Ja! Englisch spielt im Alltag der Kids eine noch viel größere Rolle als gedacht. Digitales Lernen, bewusst und unbewusst, ist für die junge Generation längst selbstverständlich. Viele Schüler der Mittel- und vor allem der Oberstufe nutzen zum Beispiel Netflix, um Filme auf Englisch zu schauen – oft mit Untertitel. Sie sagen, das sei authentischer und witzige Szenen kämen besser heraus. Außerdem vermeiden sie dadurch schlechte Synchronisationen.

Welche Online-Medien spielen alles eine Rolle?

Die größte Rolle spielen Videos, vor allem Youtube. Dann folgen Social-Media-Kanäle wie Instagram, Twitter, Snapchat. E-Books und Podcasts werden seltener genutzt.

Wenn das Video das bevorzugte Medium ist, sollte man es dann in der Schule verstärkt einsetzen?

Klar. Ich habe im Schuljahr 2013/14 am Rathenau-Gymnasium die erste Tablet-Klasse in der Region eingeführt. Mittlerweile laufen wir per Tablet zum Beispiel zusammen über die Harbour Bridge in Sydney und unterhalten uns dabei auf Englisch. Das ist ein Erlebnis und setzt sich im Hirn fest.

Welche Erfahrungen haben Sie sonst mit Ihren Tablet-Klassen gemacht?

Die erste Tablet-Klasse 2013 war quasi mein „Baby“, ich habe das Unterrichtskonzept mehr oder weniger selbst erarbeitet. Ein Beamer war die Tafel und jeder hatte sein eigenes iPad, das er von zuhause mitgebracht hat. Alles hat wunderbar geklappt, die Zusammenarbeit mit den Eltern war toll. Mittlerweile hat die Tablet-Nutzung generell stark zugenommen und es gibt auch Probleme damit – etwa, weil die Kids sich verführen lassen und während des Unterrichts heimlich zocken.

Das geht natürlich nicht.

Genau. Einen adäquaten Medienumgang muss jeder lernen, gerade Pubertierende, die ständig Angst haben, etwas zu verpassen. Meine Erfahrung ist, dass Jugendliche beim Umgang mit Online-Medien viel intensiver begleitet werden müssten. Weder Lehrer noch Eltern dürfen das Heft aus der Hand geben. Das tun sie aber oft, weil sie sich nicht so für den „neumodischen Kram“ interessieren und das Ganze nicht als kulturellen Wandel erkennen.

Ist Deutschland in Sachen Bildung auf einem guten Weg?

Ich finde, unser Bildungssystem hat große Mängel. Der veränderte Alltag der Jugendlichen und die Tatsache, dass Klassen immer heterogener werden, führen dazu, dass Lehrer nicht nur Wissensvermittler sein dürfen. Sie müssen Lernbegleiter werden.

Lernbegleiter?

Ja. Einheitsbücher und -unterricht für alle sind nicht mehr zeitgemäß. Man muss die Schüler auf ihrem individuellen Leistungsstand erreichen. Das geht per Digitaltechnologie sehr gut. Da kann ich Aufgaben in verschiedenen Schwierigkeitsgraden bereitstellen und die Schüler gezielt dort unterstützen, wo sie gerade Hilfe brauchen. Es gibt viele digitale Funktionen, mit denen man sein persönliches Lernen optimieren kann – von der Möglichkeit, einfach mal zurückzuspulen, über das Nutzen von Wörterbüchern bis zum gemeinsamen Lösen von Aufgaben in Gruppen. Die guten Schüler werden zusätzlich gefördert, die schwächeren motiviert und Stück für Stück weiter gebracht.

Klingt sinnvoll.

Es spiegelt genau das oberste Erziehungsziel der Schule wider: Schule soll Jugendliche dazu befähigen, in dieser Welt zu bestehen. Und das können sie heute nur, wenn sie produktiv und kreativ mit Inhalten umgehen können, kommunikativ sind und kollaborativ, also gemeinschaftlich, arbeiten.

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