Laden...
Kitzingen

Neue Freiheit für Cafés und Gasthäuser

Nach acht Wochen Shutdown dürfen Gastronomiebetriebe im Außenbereich nun wieder Gäste bewirten. Wie gehen Betroffene damit um? Besuch im Zentrum einer gebeutelten Branche.
Artikel drucken Artikel einbetten
Am Kitzinger Marktplatz sitzen die Menschen am Montagvormittag im Café und genießen "ein Stück mehr Freiheit". Foto: Eike Lenz
+3 Bilder

Willi Ferger hat an diesem Morgen eigentlich gar keine Zeit, um sich auch noch bohrenden Fragen eines Reporters zu stellen. Seit 8 Uhr sind er und seine Frau Lauren damit beschäftigt, ihr Restaurant „Einhorn“ in Kitzingen an die Auflagen und Hygienestandards anzupassen, die der Gesetzgeber ihnen und sämtlichen Gastronomen in Bayern gemacht hat. Im Außenbereich dürfen Restaurants in Bayern seit Wochenanfang wieder öffnen – zunächst jedoch nur bis 20 Uhr.

Zwei Tische mit jeweils zwei Stühlen hat Ferger auf den Bürgersteig vor sein Lokal geschleift, mehr ist nicht drin, wegen der Abstandsregel. Eine Trennwand Marke Eigenbau, gefertigt aus Holzlatten und durchsichtiger Plastikfolie, grenzt die beiden Tische vom regen Durchgangsbetrieb auf dem Gehweg ab. „Hätten Sie gewusst“, sagt der Gastwirt zum Reporter, „dass die 1,50 Meter Abstand auch zur Seite hin gelten, also zu den Leuten, die am Gehsteig vorbeilaufen?“ Ferger wartet kurz auf eine Reaktion seines Gegenübers und sagt dann mit diebischer Freude: „Sehen Sie!“

In den Tagen der großen Krise sind es kleine Erfolgserlebnisse, die Leute wie Willi und Lauren Ferger bei Laune halten. Acht Wochen durften sie in ihrem Lokal keine Gäste mehr empfangen. Der Innenbereich ist immer noch bis Anfang nächster Woche gesperrt, jener Mikrokosmos, in dem sich in normalen Zeiten das soziale Miteinander wie unter einem Brennglas verdichtet. „Wir haben sehr viele Stammtische. Die können jetzt natürlich nicht zusammensitzen“, sagt Lauren Ferger. Die vergangenen Wochen habe sie genutzt, um ihr Restaurant wieder etwas auf Vordermann zu bringen. Die Tür ist neu gestrichen; auch im Haus selbst wurde renoviert. „Wir haben das Beste aus der Situation gemacht. –Was blieb uns übrig?“

In Franken wollen die Leute bei gutem Wetter draußen sitzen

Lauren und Willi Ferger haben ihren Mut und Optimismus in der Krise nicht verloren. Sie lachen und scherzen, aber sie sind nicht so blauäugig zu glauben, dass ihnen die Leute jetzt gleich wieder die Bude einrennen. Vor fünf Jahren sind sie – nach zwei Jahrzehnten in Afrika – in Kitzingen gelandet, und wenn sie eines gelernt haben in dieser Zeit, dann das: „In Franken wollen die Leute bei gutem Wetter draußen sitzen, aber welchen Umsatz können Sie machen mit zwei Tischen?“ Ihr Hauptgeschäft bringen im Sommer die Touristen – wie viele werden es sein in diesem Jahr, die sich die Schäufele und Rinderrouladen schmecken lassen und in den fünf Gästezimmern der Fergers wohnen? Immerhin, sagt Willi Ferger, ein unerschrockener Rheinländer, habe es binnen kurzer Frist mit der Soforthilfe der Regierung geklappt.

Vilija Resul wischt an diesem Morgen die sechs Tische ab, die vor dem Eiscafé La Gondola in der Kitzinger Herrnstraße stehen. Wochenlang durfte er sein Eis nur über die Straße verkaufen. Jetzt freut er sich, dass es zumindest draußen wieder losgeht und „ein bisschen Normalität“ herrscht, wie er unter seiner Gesichtsmaske sagt. „Langsam geht es wieder in eine gute Richtung“, findet Resul, die Schulkinder, die wieder bei ihm vorbeischauen,  die Familien, die an den Tischen sitzen, lachen und damit auch ihm ein Lächeln ins verhüllte Gesicht zaubern. Auch ihm ist das Geschäft, sind die Umsätze in den vergangenen Wochen weggeschmolzen wie das Eis in der Mittagssonne. Was nun dazukomme, sei ein „Tropfen auf den heißen Stein“. Aber wichtig ist Vilija Resul die veränderte Stimmungslage, die Aufbruchsstimmung in der Stadt und bei den Leuten, das Gefühl, dass „innerlich und seelisch“ wieder einiges erwacht.

Ein Stück mehr Freiheit: bei vertrauten Leuten sitzen 

Dieses Gefühl trägt auch die Menschen in den Cafés und Biergärten. Am Kitzinger Marktplatz sitzen am Montagvormittag zwei junggebliebene Frauen unter einem weiß-blau getünchten Himmel und lächeln. Sie haben sich verabredet, genießen ihren Cappuccino und „ein Stück mehr Freiheit“, wie sie sagen. Wieder mit vertrauten Menschen zusammenzusitzen, wenn auch mit Abstand, sei ein Anfang. „Es ist doch schön, dass hier wieder mehr Leben ist.“ 

Etwa 50 Besucher sind am Nachmittag zur Eröffnung in den Wirtsgarten der Brauschänke in Krautheim gekommen. Die Stimmung bei Caroline Düll, der Juniorchefin der anhängigen Brauerei, schwankte in den Tagen zuvor zwischen Freude und Angst, aber die Sorge, Gäste könnten sich nicht an die strengen Regeln halten, ist in der ersten Stunde unbegründet. Jetzt ist da nur noch Freude: über die Menschen, die das Angebot im Freien nutzen, darüber, dass es wieder losgeht und die Brauerei einen kleinen Teil ihrer laut Düll „immensen Einbußen“ der vergangenen Wochen kompensieren kann. „Ich bin super glücklich“, sagt Caroline Düll.

Harald Wörner, Inhaber des gleichnamigen Weinguts und Hotels in Neuses am Sand, stellt sich derweil die Frage, ob der Gast angesichts der Vielzahl an Regeln und Auflagen tatsächlich weiß, was ihn jetzt bei einem Restaurantbesuch erwartet. In einem offenen Brief an die Staatsregierung und den Branchenverband Dehoga schreibt Wörner: „Sitzkissen, Tischdekoration, Gewürze, Menagen und Sonstiges am Tisch sind zu unterlassen oder sie müssen nach jedem Gast neu desinfiziert werden, ebenso die Speisekarten, Aschenbecher usw. – sprich alles, womit der Gast in Kontakt kommt. Dieses Gastro-Erlebnis könnte in einer Krankenstation nicht besser sein. Die Gäste werden enttäuscht sein.“