MAINBERNHEIM

Nachnutzer für Gebrüder-Schmidt Gelände gesucht

Was passiert mit dem Ort, an dem einst Goldbären produziert wurden?
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600 Lkw mit Naschwaren sind früher Jahr für Jahr auf diesem Gelände in Mainbernheim produziert worden. Jetzt steht es zum Verkauf. Foto: Foto: Ralf Dieter
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Es ist wie eine kleine Stadt in der Stadt. Oder genauer formuliert: Eine Stadt, die etwas außerhalb der Stadtmauern von Mainbernheim liegt. Das Betriebsgelände der Firma Gebrüder Schmidt ist seit einem halben Jahr verwaist. Und dennoch wirkt es nicht verlassen – und schon gar nicht heruntergekommen. Kein Wunder: Das Gelände soll baldmöglichst verkauft werden.

55 000 Quadratmeter umfasst das Gelände, was in etwa acht Fußballfeldern entspricht. Eine Produktionshalle, ein Bürogebäude und Lagerhallen sind vorhanden. Außerdem ein großer Betriebshof und Flächen für eine mögliche Erweiterung, sprich für Neubauten. Zudem gehören der Firma Haribo vier Betriebswohnungen auf dem Betriebsgelände – unter anderem eine Gründerzeitvilla, die Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet wurde. Darüber hinaus hatten die Gebrüder Schmidt zwölf Wohnungen in Mainbernheim gekauft, um sie langfristig an Mitarbeiter zu vermieten.

Werner May war der letzte Betriebsleiter, als die Förderbänder noch liefen, als Jahr für Jahr zirka 600 LKW mit Goldbären und Co. im Werk produziert wurden. Werner May wird auch der letzte Mann sein, der die Schlüssel an einen neuen Besitzer übergibt. Er hält die Stellung, sorgt mit vier weiteren Mitarbeitern dafür, dass das Gelände bewacht und gepflegt wird. Die Hecken auf dem Betriebshof sind geschnitten, die Hallen blitzsauber. „Hier könnte in wenigen Wochen die Produktion wieder hoch laufen“, sagt May. Die Frage ist nur: Wer will das Gelände übernehmen?

„Nach einer umfassenden Vorbereitungsphase befinden wir uns aktuell am Anfang der Vermarktungsphase“, teilt ein Sprecher des Unternehmens Haribo mit. Erste Gespräche mit potenziellen Interessenten zum Kauf des Geländes sind bereits gelaufen. Das Gelände eigne sich sowohl für die Lebensmittelherstellung als auch für viele andere gewerbliche Bereiche sehr gut. Wie die Produktions- und Lagerhallen sowie der Betriebshof und die vier Betriebswohnungen künftig genutzt werden, könne noch nicht gesagt werden. „Das hängt vom entsprechenden Investor ab.“ Der muss rund fünf Millionen Euro für das Gelände bezahlen.

Mainbernheims Bürgermeister Peter Kraus verfolgt die Entwicklung im Gewerbegebiet an der Straße Richtung Michelfeld natürlich mit Argusaugen. Im Juli hat er das Gelände mit seinen Gemeinderatsmitgliedern besichtigt. Sein Eindruck: „Das Gelände ist schon deshalb interessant, weil die Produktionshallen zum großen Teil sofort genutzt werden können.“ Das gleiche gelte für die Lagerhallen sowie das 1994 errichtete Bürogebäude. Auch die Kantine sowie die Sanitär- und Sozialräume könnten nach der Beobachtung des Bürgermeistes sofort genutzt werden. Sollte Bedarf an Neubauten sein, wäre das auch kein Problem. Kraus: „Es besteht die Möglichkeit, zusätzliche Produktionsflächen auf dem Gesamtareal zu schaffen.“ Was er auf keinen Fall will, ist eine „Industriebrache.“

„Die Stadt Mainbernheim wünscht sich natürlich eine Nachnutzung, möglichst mit einem produzierenden Gewerbe“, sagt Kraus. Mit anderen Worten: Möglichst viele Arbeitsplätze sollen geschaffen werden. Und ein paar Mehreinnahmen bei der Gewerbesteuer wären auch nicht zu verachten.

Fast ein Drittel ihrer Arbeitsplätze hat die Stadt Mainbernheim durch die Betriebsschließung der Firma Gebrüder Schmidt beziehungsweise Haribo verloren. Neue Arbeitsplätze sind für Kraus deshalb das Wichtigste – auch wenn er weiß, dass die Größe des Geländes manchen Interessenten abschrecken könnte. „Sollte es nicht gelingen, ein Unternehmen zu finden, das das gesamte Betriebsgelände erwirbt, wäre es auch für einen Investor interessant, der die Flächen zur Ansiedlung mehrerer kleiner Firmen anbietet“, meint er.

230 Mitarbeiter hatte die Firma Ende des letzten Jahrtausends. Bei der Schließung im Februar diesen Jahres waren es noch 96. So schmerzhaft das Betriebsende in Mainbernheim auch war – Haribo entschloss sich für den Neubau einer modernen Produktionsstätte in Grafschaft in Rheinland-Pfalz – so fair und harmonisch lief der Übergang nach Mays Dafürhalten ab. Die Abfindungen lagen in der Regel über dem üblichen Durchschnitt, Haribo hat auch in Weiterbildungen investiert. „Auch die Betriebsrenten sind sicher“, sagt May. Alle ehemaligen Mitarbeiter, die vor dem Jahr 1983 angefangen haben, kommen in deren Genuss.

Bis zum 30. September sind die Mitarbeiter freigestellt, bis dahin übernimmt Haribo die Lohnfortzahlungen. Spätestens dann müssen sie sich um einen neuen Arbeitsplatz kümmern. „Die meisten werden bei der aktuellen Konjunkturlage etwas finden“, ist May überzeugt.

Er selbst will nach Ende seines Arbeitsvertrages etwas kürzer treten. So lange wird er mit seinen verbliebenen Kollegen in der kleinen Stadt vor den Toren Mainbernheims nach dem Rechten sehen. Er wird täglich seine Runde drehen, die Funktionstüchtigkeit der Abwasseranlagen und der Stromkreisläufe kontrollieren und sich seine Gedanken um die Zukunft des Betriebsgeländes machen, auf dem er den Großteil seines Arbeitslebens verbracht hat. „Hoffentlich wird das hier nicht eines Tages ein Lagerplatz“, sagt er. „Hoffentlich wird hier irgendwann wieder produziert.“ Und hoffentlich wird für die langjährigen Mieter eine sozial verträgliche Lösung gefunden.

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