WIESENTHEID

Gehirntraining im Park

Zertifizierte Gedächtnistrainerin: Anke Ruppert hält nicht nur ihr eigenes Gehirn, sondern auch das von anderen Leuten fit.
Artikel drucken Artikel einbetten
Beim Erlebnisspaziergang mit Gedächtnistraining im Schlosspark von Wiesentheid stellt Anke Ruppert den Teilnehmern allerhand Aufgaben, die von Station zu Station erledigt werden müssen. Foto: Fotos: Daniela Röllinger
+1 Bild

Ein großer gelber Würfel, ein blau-weißer Softball, großformatige Spielkarten, Kartons in knallbunten Farben. Eins nach dem anderen steckt Anke Ruppert in ihren Rucksack. Sie ist bereit für das Brainwalking. Bewegung und Gedächtnisübungen werden dabei kombiniert. Zum Beispiel am 15. September im Wiesentheider Schlosspark.

Anke Ruppert wohnt in Wiesentheid, etwas mehr als den sprichwörtlichen Steinwurf vom Schloss, dem weitläufigen Schlosspark und der St. Mauritiuskirche entfernt. Sie kennt sich aus in ihrer Heimatgemeinde, weiß um die Geschichte, die Daten und Fakten. Ihr Wissen gibt sie gerne weiter, führt seit 15 Jahren Gruppen durch den Ort und vereint beim „Erlebnisspaziergang mit Gedächtnistraining“ ihre beiden großen Leidenschaften. Denn sie ist nicht nur Gästeführerin, sondern auch zertifizierte Gedächtnistrainerin und hilft Erwachsenen und vor allem älteren Menschen, geistig fit zu bleiben.

„Bilden Sie aus dem zweiten Teil eines zusammengesetzten Hauptwortes ein neues zusammengesetztes Hauptwort.“ So lautet die Aufgabe, die Anke Ruppert im Vorfeld des nächsten Brainwalkings stellt. „Die Leute sollen mit dem Wort Schlosspark anfangen“, so die 45-Jährige. Dann mit „Park“ und einem neuen Hauptwortteil weitermachen. 16 neue zusammengesetzte Hauptwörter gilt es zu finden, am Ende steht als 17. Schritt wieder das Wort Schlosspark. Kein Muss für die Teilnahme an der Führung im September, aber eine gute Einführung und eine Beispiel dafür, worum es beim Gedächtnistraining geht. Anke Ruppert hat schon als Kind gerne gerätselt. Auch heute liegt ein Stapel mit verschiedenen Aufgaben griffbereit auf dem Esstisch, falls zwischendurch mal Zeit sein sollte. Kreuzworträtsel, Silbenrätsel, Gehirnjogging, logisches Denken, all das hält das Gehirn auf Trab. Die geistige Fitness, das lebenslange Lernen sind der Wiesentheiderin wichtig. Sie hat Volkskunde, Kirchengeschichte und Erwachsenenbildung studiert, später eine Ausbildung zur Kursleiterin „Mehr Lebensqualität fürs Alter“ absolviert. Einer der vier Teilbereiche dabei war das Gedächtnistraining – und in diesem Bereich hat Anke Ruppert dann ihr Wissen weiter ausgebaut. 2008 folgte die Ausbildung zur Gedächtnistrainerin beim Bundesverband für Gedächtnistraining BVGT samt theoretischer und praktischer Prüfung und Hausarbeit.

Mit Bewegung klappt es besser

„Die Evaluation einer Gedächtnisstunde zum Thema Maus“, lautete der Titel der Arbeit von Anke Ruppert. Alle drei Jahre muss sie sich fortbilden, um das Zertifikat zu behalten. Tiere wie die Maus sind eine gute Möglichkeit, das Gedächtnis zu schulen – genauso andere Hauptthemen wie Pflanzen, Werkstoffe, Essen und Trinken oder Ähnliches. Überall sucht und findet die 45-Jährige Themen, die sie für ihre Kurse nutzen kann. „Ein Gedächtnistrainer ist Jäger und Sammler“, sagt sie und lacht.

Und was ist jetzt mit der Bewegung? „Die körperliche Aktivität unterstützt die schnelle Verarbeitung und Speicherung von Informationen in unserem Gehirn“, erklärt die Gedächtnistrainerin. Wer sich bewegt, kann sich Dinge besser merken. Deshalb kombiniert sie ihr Gehirnjogging bei ihren Mitmach-Stunden stets mit Bewegungsübungen. Anke Ruppert streckt die Arme vor, ballt die Hände zu Fäusten. Arme zurück, Fäuste öffnen. Dann eine Hand vorne offen, hinten geballt, dann andersrum, immer wieder wird die Haltung leicht verändert. Zack, zack, zack geht das, und die Bewegungsabläufe soll man sich auch noch merken. Dass das nicht einfach ist, merkt man schon beim bloßen Zuschauen. Und schon zeigt die 45-Jährige eine weitere Übung: Sie legt die Spitzen von Daumen und Zeigefinger aneinander. Der Daumen der rechten Hand wandert der Reihe nach zu die Fingerspitzen von Zeige-, Mittel-, Ring- und kleinem Finger, an der linken Hand ist die Reihenfolge umgekehrt. Konzentration ist gefragt, um stets die richtigen Finger zu kombinieren.

In ihren Kursen arbeitet sie mit Spiel- und Farbkarten, die sie mit Bewegungen kombiniert. Zeigt sie die rote Karte, muss „Wolle gewickelt“ werden: Anke Ruppert dreht die Hände flink umeinander. Bei einer anderen Farbe wird geklatscht, bei der dritten gestampft... Erst gibt es nur zwei, drei Aufgaben, dann kommen immer neue Farbkarten dazu. Es gibt Übungen mit Tischtennisbällen, die mit Eierkartons gefangen werden müssen, mit Tennisbällen, Fliegenklatschen, Luftballons, Bieruntersetzern, Wäscheklammern.... Anke Ruppert hat mittlerweile ein ganzes Regal voller Utensilien fürs Gedächtnistraining angesammelt, zeigt darauf und lacht wieder: „Ich sag's ja: Jäger und Sammler....“ Ihre Utensilien hat sie beim Brainwalking natürlich dabei. Außerdem stellt sie den Teilnehmern Aufgaben für den Weg von einer Station zur nächsten. Wörter zu bestimmten Themen sammeln, paarweise abwechselnd bis zu einer bestimmten Zahl zählen und vieles mehr.

Eine bis eineinhalb Stunden dauern die Einheiten, länger wäre es zu schwierig, die Konzentration aufrecht zu erhalten. Mindestens zehn Minuten sollte das Gedächtnis täglich trainiert werden, rät Anke Ruppert. „Dabei aber nicht immer die gleichen Übungen machen, zum Beispiel nur Sudoku, sondern neue Herausforderungen suchen.“ Je nach geistiger Fitness ist es schon Gedächtnistraining, sich an Unterhaltungen oder sogar Namen zu erinnern, die vergisst man ja gern. Gut zuhören, wenn sich jemand vorstellt, damit man den Namen richtig versteht, rät Ruppert. Dann am besten aufschreiben. Sich Eselsbrücken und kleine Geschichten ausdenken: „Herr Roth hat rote Haare“, oder „Frau Schönfelder geht über schöne Felder heim“. Dass wir uns Dinge nicht mehr so gut merken können, ist nicht erst ein Phänomen des Alters, auch wenn es mit den Jahren zunimmt. Schon ab 20 Jahren lässt das Gedächtnis nach, erklärt Anke Ruppert: „Nach dem Abitur geht's rückwärts.“ Da bringen Merkübungen viel – auch im hohen Alter. „Selbst dann werden noch neue Synapsen gebildet.“

Gelegenheiten zum Gedächtnistraining gibt es überall: im Wartezimmer beim Arzt, am Bahnhof, bei der Busfahrt, in der Schlange an der Kasse. Da lassen sich problemlos Tiere mit gleichem Anfangsbuchstaben ausdenken. Oder Wörterketten bilden. Wie gesagt: Mit dem „Schlosspark“ geht es los.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren