KITZINGEN

Musikalisch eine ganz besondere Zeit

Das bekannteste deutsche Weihnachtslied entstand vor 200 Jahren, die Geschichte der Weihnachtsgesänge reicht viel weiter zurück.
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Christian Stegmann ist Regionalkantor – und ein Fan der vielen Weihnachtslieder. Foto: Foto: Daniela Röllinger

Sie sind momentan allgegenwärtig, werden in Kirchen, Kindergärten, Schulen und Konzerthallen gesungen, erklingen im Radio, im Fernsehen, beim Einkaufen. Von Advents- und Weihnachtsliedern geht eine besondere Faszination aus – vor allem von den historischen, findet Christian Stegmann.

Der Regionalkantor hat ein Buch in der Hand. „Das Buch der Weihnachtslieder“ lautet der Titel, es beinhaltet 151 deutsche Advents- und Weihnachtslieder. In seiner Studienzeit hat er es bekommen und seitdem oft zur Hand genommen, sich detailliert über die Entstehung und Entwicklung des Weihnachtsfestes informiert.

„Mich fasziniert die Advents- und Weihnachtszeit“, sagt Christian Stegmann, und das hat natürlich mit seinem Beruf zu tun. „Die Zeit ist voller Musik, sie bietet musikalisch unglaublich viel.“ Deshalb hat er schon mehrfach in Vorträgen über Weihnachtslieder im Laufe der Jahrhunderte informiert, beispielsweise in dieser Woche bei den Rotariern in Volkach.

„Weihnachtslieder haben in der kalten Jahreszeit einen erwärmenden Charakter“, findet er. Im Mittelpunkt stehe die Weihnachtsgeschichte selbst, der theologische Gedanke, dass Gott sich klein macht und als sein Sohn auf die Welt kommt. Es sei beeindruckend, dass diese Botschaft durch alle Epochen und in der Sprache der jeweiligen Zeit in den Liedern ausgedrückt wird.

Anfangs sang nur der Klerus

Viele Bräuche und Gesänge rund um das Christfest haben sich erst mit den Jahrhunderten zu der Form entwickelt, wie wir sie heute kennen, erklärt der Kantor. „In den ersten tausend Jahren des Christentums wurde das Weihnachtsfest ausschließlich im Rahmen von Gottesdiensten und in Klöstern gefeiert.“ Lateinische gregorianische Gesänge zum Weihnachtsfest sind aus dieser Zeit überliefert.

Ab dem 11. Jahrhundert wurden szenische Spiele in die Gottesdienste eingebaut, „um dem einfachen Volk das Weihnachtsgeschehen näher zu bringen“. Und während bis dahin der kirchliche Gesang ausschließlich dem Klerus vorbehalten war, durfte nach und nach auch das Volk mitsingen. Aus dieser Zeit sind die ersten Weihnachtslieder in deutscher Sprache überliefert, bei denen das Volk im Wechsel mit den lateinischen Gesängen des Klerus sang. „Sei uns willkommen, Herre Christ“ ist laut Stegmann das älteste überlieferte Weihnachtslied. Der Wechsel zwischen lateinischen und deutschen Gesängen wurde allgemeine Praxis. „Bekanntestes Beispiel ist das Lied 'In dulci jubilo'“, so der Kantor.

Aus dem ausgehenden Mittelalter stammt der Brauch des „Kindelwiegens“: In einer Wiege vor dem Altar lag ein Christkind aus Wachs, das gewiegt werden durfte – verbunden damit sind viele Wiegenlieder entstanden wie „Joseph, lieber Joseph mein“. Aus dieser Zeit stammen aber auch viele ernstere Lieder, die laut Christian Stegmann teils einen sehr mystischen Text haben. „Es ist ein Ros' entsprungen“, nennt er als Beispiel, oder „O Heiland, reiß die Himmel auf“.

Der Einfluss Martin Luthers

Bis ins 16. Jahrhundert gab es weihnachtliche Gesänge nur im Kirchenraum. Dass sich Weihnachten auch darüber hinaus entwickelte, ist Martin Luther zu verdanken, auf den der Brauch des gegenseitigen Beschenkens an Weihnachten zurückgeht. Für das deutschsprachige Weihnachtslied spielte er eine große Rolle: „Er und andere Protestanten wie Paul Gerhardt übertrugen bereits etablierte lateinische Texte ins Deutsche“. Außerdem wurden bekannte Volksweisen mit geistlichen Texten versehen – dank der bekannten Melodien konnten sich die Menschen die Lieder so besser einprägen. „Macht hoch die Tür“ und „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ nennt Stegmann als Beispiele solcher protestantischer Weihnachtslieder.

Das Weihnachtsfest, wie wir es heute kennen, entwickelte sich erst im 18. und 19. Jahrhundert, Weihnachtsbaum und Bescherung wurden zum Zentrum des familiären Geschehens an Weihnachten. „Wichtig für das Weihnachtslied in der guten Stube war das Klavier.“ Dank der Industrialisierung wurde es serienmäßig hergestellt und hielt Einzug bei den bürgerlichen Familien. Aus der Kirche bekannte Weihnachtslieder konnten damit auch zuhause gesungen werden. Die Texte der Lieder aus dieser Zeit verdeutlichen, dass es weniger um das christliche Weihnachtsgeschehen ging als vielmehr um Naturstimmungen (O Tannenbaum, Leise rieselt der Schnee) oder die Idylle im Familienkreis (Süßer die Glocken nie klingen, Alle Jahre wieder). Allerdings wurde auch das berühmteste Weihnachtslied, „Stille Nacht“ in dieser Zeit komponiert, nämlich an Heiligabend 1818 und damit genau vor 200 Jahren (siehe Infokasten).

Das Weihnachtsfest wurde kinderfreundlich und zog damit auch in Schulen und Kindergärten ein. Der Adventskranz entstand – erstmals 1900 in einem Waisenhaus –, ebenso der Adventskalender. „Lasst uns froh und munter sein“, „Kling Glöckchen, klingelingeling“ und „Morgen Kinder wird's was geben“ klang es freudig dazu. Doch gerade mit diesen Liedern konnte man einige Jahre später wenig anfangen, man besann sich wieder auf den christlichen Ursprung des Festes. „Krippen- und vor allem Marienlieder, die völlig aus dem Weihnachtsrepertoire verschwunden waren, rückten wieder in den Mittelpunkt“, erzählt Christian Stegmann. Berühmtestes Beispiel ist das Lied „Maria durch ein Dornwald ging“.

In der Zeit des Nationalsozialismus versuchte man, christliche Botschaften aus dem Weihnachtsfest zu lösen, religiöse Inhalte wurden durch mystische Gedanken wie an die Sonnenwende, die Auferstehung der Natur und ähnliches ersetzt. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrten die christlich geprägten Weihnachtslieder dann wieder zurück in Kirchen und Familien.

Heute werden Weihnachtslieder mehr gehört als gesungen, es gibt unzählige Cover-Versionen verschiedenster Weihnachtslieder, die, so Stegmann, vor allem den kommerziellen Zweck verfolgen, die Weihnachtsstimmung so angenehm wie möglich zu machen.

Ingeborg Weber-Kellermann, Das Buch der Weihnachtslieder, 151 deutsche Advents- und Weihnachtslieder. Kulturgeschichte, Noten, Texte

Das berühmteste Weihnachtslied: „Stille Nacht“

Das Lied „Stille Nacht“ nimmt unter allen Weihnachtsliedern eine herausragende Stellung ein, ist sogar als immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt worden. Auch seine Entstehungsgeschichte ist besonders: An Heiligabend im Jahr 1818 suchte in Oberndorf in Tirol Hilfspfarrer Joseph Mohr den Dorfschullehrer Franz Gruber auf. Er hatte ein Gedicht dabei und bat den Lehrer, er möge für zwei Solostimmen und Chor mit Gitarrenbegleitung die passende Melodie dazu schreiben, da die Dorforgel miserabel spiele. Noch am selben Abend brachte Mohr die Komposition zum Hilfspfarrer, der sogleich den Chor zusammenrief, um das Lied einzustudieren und in der Mitternachtsmesse aufzuführen. Die Verbreitung des Liedes begann erst sieben Jahre später, als ein Orgelbauer nach Oberndorf kam, um die Orgel zu reparieren. Er erfuhr vom Lied, fertigte eine Abschrift und nahm sie mit in seinen Heimatort. Er gab sie einer Gruppe von Sängern, die beruflich Handschuhmacher waren und auf Wanderfahrt gingen – und von da an verbreitete sich das Lied. Der Erstdruck erschien 1833 in Dresden, 1840 wurde es in eine Liedsammlung aufgenommen.
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