KITZINGEN

Mögen die schläfrigen Gemüter erwachen

Weihnachtsoratorium – es scheint fast, als sei dieses Wort mit dem Komponisten Johann Sebastian Bach verbunden. Dass dem nicht so sein muss, zeigen in diesem Jahr die Kirchenmusiker von St. Johannes: Am Sonntag, 9. Dezember, um 17 Uhr erklingt ein Weihnachtsoratorium von Christoph Graupner, ein Zeitgenosse Bachs, der lange in Vergessenheit geraten war.
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Auch in diesem Jahr gestalten Chor, Orchester und Solisten unter der Leitung von Regionalkantor Christian Stegmann ein Weihnachtsoratorium. Allerdings stammt es diesmal nicht aus der Feder von Bach, sondern wurde von seinem Zeitgenossen Christoph Graupner komponiert. Foto: Foto: Georg Ruhsert
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Weihnachtsoratorium – es scheint fast, als sei dieses Wort mit dem Komponisten Johann Sebastian Bach verbunden. Dass dem nicht so sein muss, zeigen in diesem Jahr die Kirchenmusiker von St. Johannes: Am Sonntag, 9. Dezember, um 17 Uhr erklingt ein Weihnachtsoratorium von Christoph Graupner, ein Zeitgenosse Bachs, der lange in Vergessenheit geraten war.

Selbst für Regionalkantor Christian Stegmann steht in diesem Jahr zur Adventszeit eine Premiere an: Noch nie hat er ein Stück von Christoph Graupner für ein Konzert gewählt. Was nicht daran liegt, dass es nur wenige Werke des Komponisten gäbe. Während Johann Sebastian Bach etwa 300 Kantaten komponiert hat, brachte es sein Zeitgenosse Christoph Graupner auf 1400. Doch die gerieten nach seinem Tod in Vergessenheit, während Bachs Werke, insbesondere dank Felix Mendelssohn-Bartholdy, eine Renaissance erlebten.

Zu Lebenszeiten der beiden sah es allerdings anders aus. Graupner galt als moderner als der zwei Jahre jüngere Bach und genoss sehr hohes Ansehen als Musiker und Komponist. So war Bach beispielsweise keinesfalls erste Wahl als Thomaskantor in Leipzig, wie Christian Stegmann informiert. Zunächst sollte Georg Philipp Telemann die Stelle bekommen, schlug sie aber aus. Daraufhin wurde Christoph Graupner gefragt, der das Amt gerne übernommen hätte. Obwohl er die Zusage schon hatte, wurde nichts daraus, denn sein Dienstherr in Darmstadt, Landgraf Ernst Ludwig, verbot ihm den Wechsel. „Dafür wurde sein Gehalt in Darmstadt deutlich erhöht“, so Stegmann. Und in Leipzig kam mit Johann Sebastian Bach quasi die dritte Wahl zum Zug – was in einem Ratsprotokoll mit folgendem Eintrag quittiert wurde: „...da man nun die besten nicht bekommen könne, müße man mittlere nehmen..."

Heute jedenfalls werden gerne wieder historische Stücke aufgeführt. „Man versucht, Sachen auszugraben, die weniger bekannt sind“, erklärt der Regionalkantor. Aus den 200 Kantaten, die Christoph Graupner alleine für die Advents- und Weihnachtszeit schrieb, hat er fünf ausgesucht und zu einem Oratorium zusammengestellt. Der Kirchenchor und der Kammerchor St. Johannes proben seit Mitte Oktober. Sie werden mit dem Orchester „La Ciaccona“ aus München zu hören sein, das ebenfalls längst die Noten erhalten hat. Das Besondere an diesem Orchester: Musiziert wird mit Instrumenten, deren Bauart sich am 18. Jahrhundert orientiert. Die Geigen haben Saiten aus Darm statt aus Stahl, die Traversflöte ist nicht wie die heutige Querflöte aus Metall, sondern aus Holz.

Gemeinsam proben werden alle erst einen Tag vor dem Konzert, ein Moment, auf den sich Stegmann besonders freut. Wie das Orchester, mit dem er schon mehrfach gearbeitet hat, sind auch die Solisten in Kitzingen keine Unbekannten. Anna Nesyba, Sopran, Oliver Kringel, Tenor, und Jakob Mack, Bass, werden gemeinsam mit den 50 bis 60 Sängern der beiden Chöre und dem etwa 20 Mann umfassenden Orchester auftreten. Die Kantaten sind Kombinationen aus konzertanten Chorsätzen, Rezitativen und Arien, teils sind klassische Choräle enthalten, wie man sie von Bach kennt. Von musikalischer Seite her sehr abwechslungsreich also, mit variantenreicher barocker Tonsprache, aber auch innigen und sinnlichen Momenten sowie festlich-beschwingten Passagen. Da das Konzert bereits am 2. Adventssonntag stattfindet, behandeln die Themen nicht nur Weihnachten selbst. In der ersten bis dritten Kantate geht es um den Advent als Vorbereitung auf die Weihnachtszeit, in der vierten ist das Weihnachtsgeschehen selbst Thema. „Die fünfte Kantate stellt die Segensbitte zum Jahreswechsel in den Mittelpunkt“, verrät der Kantor.

Die Texte für die Kantaten stammten damals von Theologen, die Komponisten lieferten die passende Musik dazu. „Das ist, wie wenn man heute eine Predigt vertont“, vergleicht Christian Stegmann. Als „eher ungewöhnlich“ bezeichnet er einen Teil der Texte, die in Graupners Oratorium zu hören sein werden. Freilich wird das Thema ernsthaft behandelt, natürlich gibt es die Sehnsuchtsrufe nach Christi Geburt und den Segen für das neue Jahr. Aber es tauchen eben auch Stellen auf, an denen die Worte mal humorvoll, mal derb gewählt sind. Es geht um die Welt, die „bei Unzucht, Fressen, Saufen ganz frech in ihr Verderben laufen“ will. Die „den Bauch zum Gott macht“. Wobei die kritische Anmerkung nicht fehlt, dass „auch die solches tun, die sich Christen nennen“. „Ein Jammer“, wie der Texter fand. Zu Beginn der Adventszeit mögen doch „die schläfrigen Gemüter“ erwachen und von „der Höllenbahn“ weichen. Wer gut zuhört, den erwartet ein also ein durchaus abwechslungsreicher Abend – nicht nur musikalisch gesehen.

Weihnachtsoratorium

Das Konzert: Ein eher ungewöhnliches Weihnachtsoratorium von Christoph Graupner (1683 bis 1760) erklingt am Sonntag, 9. Dezember, um 17 Uhr in der Pfarrkirche St. Johannes in Kitzingen.

Die Musiker: Die Solisten Anna Nesyba, Sopran, Oliver Kringel, Tenor, und Jakob Mack, Bass, treten gemeinsam mit dem Kirchenchor und dem Kammerchor St. Johannes sowie dem Orchester „La Ciaccona“ aus München auf. Die Leitung hat Regionalkantor Christian Stegmann.

Karten: Karten für 16, 14 und 12 Euro gibt es im Vorverkauf bei Bag for Birds (ehemals Leder Frisch), Tel. 0 93 21 / 71 54 sowie voraussichtlich Restkarten an der Abendkasse.

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