Volkach

Mit spitzer Feder gezeichnet

Heimatschatz im Museum Barockscheune: Das Salbuch gibt unterhaltsam Einblick in das Leben in der Zeit um 1500.
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Die Geschichte mit dem Amtseid der Weingarthüter im Volkacher Salbuch gefällt Museumsleiterin Margit Hofmann besonders gut.
+7 Bilder

4,75 Kilo schwer. 1050 Seiten stark. Viele davon sind dicht beschrieben. Lesen kann kaum noch jemand die alte Schrift. Aber man kann die Bilder anschauen, die Stadtschreiber Niklas Brobst um 1504 gezeichnet hat. Sie machen das Volkacher Salbuch zu einer einzigartigen Quelle für Historiker, Volkskundler und Juristen und sind laut Ministeriums-Auszeichnung ein echter Heimatschatz.

Sechs Ausstellungsstücke aus nichtstaatlichen Museen im Landkreis Kitzingen wurden kürzlich in München prämiert, darunter auch das Volkacher Salbuch aus dem Museum Barockscheune. Die wertvolle Handschrift beschreibt das um 1500 gültige Stadtrecht und das Leben der zirka 1200 Volkacher Bürger.

„Ein echter Allrounder“ sei Niklas Brobst gewesen, sagt Museumsleiterin Margit Hofmann über den Verfasser des Salbuches. Er war Notar, Lehrer, Schöffe und Ratsherr – und eben auch Stadtschreiber. Als solcher hat er notiert, was für das Leben in der städtischen Gemeinschaft wichtig und bemerkenswert war. Vor der Stadt und in der Stadt. Beim Bürgermeister und vor Gericht. Auf dem Markt und bei der Arbeit. Im kirchlichen Leben.

Auf die Fakten allein hat sich Niklas Brobst bei seinen Aufzeichnungen nicht beschränkt, und auch nicht auf Worte. Mit Lokalkolorit und kleinen Spitzen hat er seine Ausführungen versehen, beispielsweise bei den Namen. Peter Ochs heißt der Metzger, die Gänsemagd Gretel Ars, der Weinschreier Ulle Äffle. Sie tauchen auf den Bildern auf, die Niklas Brobst mit der Feder ins Buch gezeichnet hat. Genau diese 127 Zeichnungen machen das Volkacher Salbuch so wertvoll. Alleine 24 Miniaturen widmet Brobst dem Beispiel eines Weindiebes, dem der Prozess gemacht wurde: Seinen Weg vom Gefängnisturm am oberen Tor – Faulturm genannt – hinein in die Stadt zum Gericht hat der Stadtschreiber gezeichnet. Seine Henkersmahlzeit, die er am „Stock“ eingespannt einnehmen durfte. Den Weg des Richters und der Schöffen zur „Gerichtsschranne“ auf dem Marktplatz. Das Verhör. Das Strafmaß, das sehr hart ausfiel. „Man soll ihn hängen oder schleifen zwischen Himmel und Erden in der Luft an den lichten Galgen, damit er das nimmer tue.“ Den Richter hat er dargestellt, wie er zum Zeichen des Todesurteils den Stab bricht und auf den Boden wirft. Die Hinrichtung auf dem Galgenberg draußen vor der Stadt – Zuschauen war erwünscht, um der Abschreckung willen.

Welche Berufe wurden damals ausgeübt? Worauf wurden Zölle erhoben und wie hoch waren die? Wie lief der Markt ab? Welche sozialen und kirchlichen Einrichtungen gab es? Die Aufzeichnungen von Niklas Brobst geben auf diese und viele weitere Fragen eine Antwort. Er hat das Siechenhaus vor den Toren der Stadt gezeichnet, in dem Menschen lebten, die an Lepra litten. Das Seelhaus in der Stadt für Alte und Kranke, in dem stets große Enge herrschte. Der Weingarthüter ist zu sehen, wie er seinen Amtseid ablegt – während hinter seinem Rücken gerade ein Dieb ein paar Trauben stibitzt. Brobst gibt dem Waagmeister, dem Stadtmeister, dem Weinschreier und dem Hurenwirt ein Gesicht, berichtet von „Unkäufern“, die die Qualität der Marktwaren prüften, und von „Ungeltern“, die Abgaben auf die Einfuhr von Wein erhoben.

Vieles davon wäre längst vergessen, gäbe es nicht Quellen wie die von Niklas Brobst. „Das Salbuch ist nicht nur für Volkach typisch“, sagt Margit Hofmann. Vielmehr zeigt es das Geschehen einer typischen fränkischen Kleinstadt, auch wenn viele Details in den Zeichnungen natürlich auf Volkach hinweisen. Sie bezeichnet das Salbuch als einzigartige Quelle, die durch zahlreiche Publikationen von Historikern, Volkskundlern und Juristen auch außerhalb Deutschlands bekannt geworden ist. „Komischerweise aber noch nicht von Kunsthistorikern.“ Was aber durchaus angebracht wäre.

Einige der von Niklas Brobst gezeichneten Bilder sind im Museum zu sehen. Das Buch selbst liegt bislang hinter Glas – obwohl es sich um ein Faksimile handelt, das Original ist sicher in einem Safe verwahrt. Margit Hofmann, die Ende vergangenen Jahres die Museumsleitung von Herbert Meyer übernommen hat, denkt derzeit über eine andere Präsentation des Salbuches nach. „Die Leute müssen es anfassen und darin blättern können“, findet sie.

Was Niklas Brobst über das Geschehen um 1500 zu erzählen hatte, kann man in Volkach auf verschiedene Arten erkunden. Auf den Tafeln im Museum, in einer Transkription, die es zu kaufen gibt, bei der Stadtführung „Niklas Brobst“, auf dem Kinderpfad im Museum und in einer virtuellen Ausgabe des Salbuchs im Internet. Egal, auf welche Art und Weise – es lohnt sich, sich auf die Spuren des Stadtschreibers zu begeben. Mit ihm wird Geschichte lebendig.



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