KLEINLANGHEIM/ KREIS KT

Mit Humor geht alles besser

Sie begrüßen einander herzlich. Nauros' kleine, dunkle Hand versinkt in Adolf Hells großer, weißer. „Guten Morgen, Adolf“, sagt Nauros und bemüht sich sichtlich, alle Buchstaben schön sauber auszusprechen – so wie sein Lehrer es ihm beigebracht hat. Der erwidert freundlich: „Guten Morgen, Nauros! Schön, dass Du da bist.“
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Auch die Kleinen sind dabei: Während Papa Riduan Deutsch paukt, spielt seine dreijährige Tochter Amine neben ihm mit ihrem Einhorn. So lernt sie die Sprache ganz nebenbei. Foto: Fotos: Diana Fuchs
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Sie begrüßen einander herzlich. Nauros' kleine, dunkle Hand versinkt in Adolf Hells großer, weißer. „Guten Morgen, Adolf“, sagt Nauros und bemüht sich sichtlich, alle Buchstaben schön sauber auszusprechen – so wie sein Lehrer es ihm beigebracht hat. Der erwidert freundlich: „Guten Morgen, Nauros! Schön, dass Du da bist.“

Händeschütteln, Lächeln, ein paar nette Worte zur Einstimmung: Zweimal pro Woche, jeweils um 9 Uhr morgens, vollzieht sich dieses Ritual im Keller eines Flüchtlingswohnheims in der Kleinlangheimer Nelkenstraße. In einem hell gestrichenen Raum mit einer kleinen Tafel an der Wand gibt Adolf Hell Deutschstunden. Der 68-jährige Rentner nimmt sich auch der Schwächsten unter den Neuankömmlingen an: der Analphabeten.

Adolf Hell ist ein stattlicher Mann mit weißem Haar und lebhaftem Blick. Der Großlangheimer war früher Lehrer in der „Erich Kästner Schule“. Vor rund zwei Jahren las er einen Aufruf in der Zeitung. Es ging darum, ob sich Ehrenamtliche finden, die Flüchtlingen Deutsch beibringen. Hell meldete sich. Und weil er nicht nur Spaß am Unterrichten hat, sondern auch ideenreich und humorvoll ist, kümmerte er sich bald verstärkt um diejenigen, die zu Beginn überhaupt kein Wort verstanden, geschweige denn die lateinische Schrift beherrschten.

Motivierte Schüler

Nauros ist einer der Schüler, die in den vergangenen Monaten richtig viel gelernt haben. Adolf Hell freut sich darüber sehr. „Die Leute sind hochmotiviert und machen Fortschritte. Das ist sehr schön zu sehen.“

Während der Lehrer Übungsblätter verteilt, zeigt er Nauros, Arif, Riduan sowie dessen dreijähriger Tochter Amine auch ein kleines, weißes Kästchen, das er mitten auf den Tisch legt: ein Aufnahmegerät. „So lange wir trainieren, lasse ich das Band laufen. Danach können wir uns dann anhören, ob wir richtig sprechen.“

Heute sind die Umlaute dran. Das Haus – die Häuser, das Bad – die Bäder, der Wurm – die Würmer: Adolf Hell animiert die Männer, die Worte abzulesen und sauber auszusprechen. Oft erzählt der Großlangheimer eine kleine, einprägsame Geschichte zu den Begriffen. „Weißt Du, was ein Wurm ist?“, fragt er Riduan. Der Tschetschene schüttelt den Kopf. Hell sagt: „Ich male Dir einen.“ Er tritt an die Tafel und zeichnet einen Fisch, der nach einem Wurm schnappt, der an einer Angel hängt. „Außerdem kann man sagen, Würmer sind der Pflug des kleinen Mannes. Sie machen die Erde fruchtbar“, erklärt er und malt munter weiter. Der Fisch, der Wurm, die Angel, das Wasser, der Pflug: Schon haben die Flüchtlinge viele neue Wörter gelernt.

„Am Anfang muss man auch mal Schauspieler sein.“
Adolf Hell

„Gerade am Anfang, wenn sie noch gar nichts verstehen, muss man sich auch mal als Schauspieler betätigen und mit Händen und Füßen reden“, stellt Adolf Hell fest. Überhaupt sei es gut, möglichst alle Sinne anzusprechen. „Was braucht man zum Lernen?“, fragt er seine Schüler. Die wissen die Antwort bereits und zählen eifrig auf: Papier, Stift, Augen, Ohren, Hände, Mund...

Und was noch? Diesmal ist Adolf Hell selbst gefragt. „Humor und Geduld“, sagt er und lacht. Er hat die Erfahrung gemacht, dass erwachsene Flüchtlinge, die eine Sprache von Grund auf lernen, besonders viele Wiederholungen brauchen, bis Worte und Grammatik richtig gut sitzen. Wenn dann noch Schüler beim Unterricht fehlen, muss Hell beim nächsten Mal quasi sogar die Wiederholung wiederholen. „Aber so ist das eben“, sagt er. „Ziffern, Farben, Ortsangaben, Frage- und Aussagesätze... All das üben wir immer wieder anhand neuer Beispiele.“

Die Braut anknabbern

Oft geht es während der je anderthalb Stunden Unterricht richtig lustig zu. Nauros liest „die Braut – die Bräute“ von seinem Zettel ab und schaut seinen Lehrer fragend an. „Ist das Essen?“ Adolf Hell grinst: „Nein. Manchmal knabbert man die zwar auch an, aber das ist nicht gemeint. Eine Braut ist eine Frau, die heiratet.“

Apropos Humor. „Ich verrate Euch, woran man erkennt, ob jemand von Herzen lacht oder nur seine Zähne zeigt. Ein echtes Lachen erkennt Ihr an den Augen, die mitlachen“, sagt Adolf Hell und deutet auf die entsprechenden Körperteile. Seine Schüler nicken eifrig.

„Wenn man sich so oft begegnet, lernt man sich automatisch besser kennen“, beschreibt Hell seine Verbindung zu den Flüchtlingen, die von Anfang an von gegenseitigem Respekt geprägt war. „Es ist wichtig und richtig, auf Augenhöhe zu kommunizieren“, stellt der 68-Jährige fest. So hat sich im Lauf der Zeit eine tragfähige Vertrauensbasis aufgebaut. Quasi nebenbei erwarben und erwerben die Flüchtlinge in Hells Unterricht auch soziale Kompetenz. „Mein Ziel ist es, dass sie flüssig sprechen lernen und keine Angst haben, auf Menschen zuzugehen.“

Bei Nauros ist dieses Ziel fast erreicht. Der junge Mann hat auf der Flucht Schlimmes erlebt. Sein Schicksal hat Adolf Hell nicht kalt gelassen, immer wieder hat der Großlangheimer den Afghanen aufgefangen und aufgebaut. Mittlerweile hat Nauros Chancen auf eine gute Zukunft. Er möchte bald zur Berufsschule gehen. „Wir müssen dafür noch viel lernen“, sagt Adolf Hell, „Maße, Zahlen, mathematische Begriffe“. Nauros nickt und seine dunklen Augen glänzen dankbar. Er ist motiviert. Genauso wie sein Lehrer.

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